• vom 13.08.2017, 10:00 Uhr

Reisen


Reisephilosophie

Reisen im richtigen Gang




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Jetzt gibt es nicht wenige Menschen, die behaupten, dass man von einer Reise niemals als derselbe wieder zurückkehren kann, als der man aufgebrochen ist. "In Menschen, die unterwegs sind, findet immer eine Veränderung statt", schreibt John Steinbeck. "Besonders gilt das aber auf einem Schiff. Dort ändern sich ganze Persönlichkeiten."

Auf dem Schiff

Rüttelt eine Schiffsreise von Bristol nach New York tatsächlich mehr an der Psyche als eine Zugfahrt von Wien Meidling nach Bruck an der Mur? Wahrscheinlich schon, der Atlantik ist stärker als der Semmering. Wer auf einem Schiff über das Meer fährt, der setzt sich zur Gänze aus: der unendlichen Weite des Ozeans zum Einen, der klaustrophobischen Enge der Bordgesellschaft zum Anderen.

In der Geschichte der Seefahrt ist Letzteres ein relativ neues Problem; die meiste Zeit war man mit existenzielleren Fragen beschäftigt. Wie man nicht untergeht, zum Beispiel, oder wie man sich monatelang mit brackigem Fasswasser und ranzigem Pökelfleisch am Leben hält. 9000 Jahre nach der Erfindung der ersten Wasserfahrzeuge sind diese Probleme größtenteils gelöst, heute stehen Schiffsreisende an All-Inclusive-Buffets und fragen sich, ob sie sich ein Mousse-au-Chocolat oder nicht doch eher das Zitronensorbet genehmigen sollen.

Der amerikanische Autor David Foster Wallace überlebte eine Woche Kreuzfahrt und berichtete danach: "Ich habe erwachsene US-Bürger gehört, erfolgreiche Geschäftsleute, die an der Rezeption wissen wollten, ob man beim Schnorcheln nass wird . . . ." Die Überseefahrt hat sich verändert, seit Fulton 1807 das Dampfschiff erfunden hat - doch das Meer ist dasselbe geblieben. Es ist kraftvoll, beängstigend und schön, und wenn man lange genug an der Reling steht, dann überkommt einen irgendwann ein tiefes Gefühl von Ehrfurcht, von Bescheidenheit. Oder ein tiefer Brechreiz. Das Wasser und das Mitternachtsbuffet sind mächtige Elemente.

Im Auto

1885 baute Carl Benz das erste Auto, zwei Kriege und einen Wirtschaftsboom später hatte jeder eines. Die Wohnzimmergarnitur für drinnen, der Volkswagen für draußen, man gönnte sich ja sonst nichts und wollte die neue Freiheit spüren: Reisen, wann und wohin das Herz begehrt.

Der PKW setzte die zweite große Tourismusexpansion in Gang, und mit ihr ungeheure Blechlawinen, die sich seither Sommer für Sommer ächzend in Richtung Süden schieben. Hit the road Jack, aber muss es denn immer die Autobahn nach Lignano sein? Und kann man nicht woanders stehen bleiben, als nur fürs Tanken und den Schnitzelteller bei Raststationen? "Wenn es eine Möglichkeit gibt, weniger von einem Land mitzubekommen als in einem Auto, muss ich sie erst kennenlernen" hat der britische Forschungsreisende Eric Newby einmal gesagt. Es stimmt schon: Die Straße ist Leben, ein Roadtrip pure Freiheit. Wir setzen uns hinters Steuer und können fahren, wohin wir wollen. Aber meistens fahren wir dann doch daran vorbei.

Per Flugzeug

Mittlerweile sind wir auf der höchsten Stufe der touristischen Evolution abgekommen: Wir ziehen in Flughäfen unsere Schuhe und Gürtel aus, lassen uns nacktscannen, zwängen uns in das Innere eines nach Desinfektionsmitteln riechenden Aluminiumschlauchs und steigen nach zwei vakuumverpackten Mahlzeiten und drei seichten Hollywoodfilmen in einer anderen Zeitzone wieder aus.

Wir überfliegen die Welt, und wir schauen dabei nicht einmal mehr aus dem Fenster. Am Bildschirm wird sie ja ohnehin gezeigt, und grafisch ist sie dort viel besser aufbereitet: Distanz, Flughöhe, Temperatur, Geschwindigkeit, alles da, wozu da noch den Kopf bewegen? Die Einführung von großräumigen Düsenflugzeugen hat in den 1960er Jahren den Flugverkehr für die Massen geöffnet, Raum und Zeit schrumpfen lassen, die Welt vor uns aufgeschlagen wie ein offener TUI-Katalog. Wir fliegen an fernste Destinationen. Wir sammeln Meilen. Wir kaufen on-board Duty-Free. Aber wieso klatscht eigentlich niemand mehr bei der Landung?

Leerlauf

Vielleicht ahnen wir, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Dass wir uns zu schnell bewegen, um richtig anzukommen. Und dass wir deshalb auf unsere Seele warten müssen, wie auf ein Stück verlorenes Gepäck. Sie muss hängengeblieben sein, sich irgendwo verheddert haben in diesem engmaschigen Netz aus Schienen-, Straßen-, Schiffs- und Flugwegen, das uns die Welt erschließt.

Doch unter ihm liegt die Erde wie eh und je, ihre Meere und Flüsse und Berge und Täler, und wir könnten unsere Gürtel anbehalten und unsere Schuhe auch, und uns einfach auf den Weg machen. "Der Weg zum Paradies ist bereits das Paradies", verspricht ein alter Sinnspruch, und wenn das stimmt, dann ist es letztlich egal, wie wir uns bewegen - solange wir dabei nach rechts und links schauen. Unsere Seele mitschauen lassen. Und hin und wieder ein paar Gänge runterschalten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:09:24
Letzte ─nderung am 2017-08-12 12:27:44



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