• vom 27.08.2017, 13:00 Uhr

Reisen


Stadtrekonstruktion

Trugbild der Tradition




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Von Thomas Veser

  • Das neue Alt-Dresden ist eine gut gelungene Kopie: Keines der Gebäude ist älter als elf Jahre. Trotzdem sind mit der historischen Rekonstruktion fast alle Einwohner zufrieden.



Historisches Ensemble am Neumarkt mit Frauenkirche und Jüdenhof.

Historisches Ensemble am Neumarkt mit Frauenkirche und Jüdenhof.© Veser Historisches Ensemble am Neumarkt mit Frauenkirche und Jüdenhof.© Veser

Residenzschloss, Hofkirche, Brühlsche Terrasse und Frauenkirche bildeten einst die barocke Skyline von Alt-Dresden, die der venezianische Maler Bernardo Bellotto in seinem berühmten "Canaletto-Blick" 1748 verewigte. "Dresden - hier wurde die Schönheit erfunden. Nichts als Fluss und Wiesen - in zartesten Farben und märchenhaftem Licht", schrieb in jenen Jahren Johann Joachim Winckelmann. Aber Alt-Dresden hatte noch mehr Reize aufzuweisen. So apostrophierte der österreichische Politiker Franz Schuselka Mitte des 19. Jahrhunderts Elbflorenz als "feine Salonstadt".

Information

Thomas Veser, geboren 1957, lebt als Journalist in Konstanz und ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft "Pressebüro Seegrund".

Als Standort hatte Bellotto die auf der rechten Uferseite liegenden Elbauen unterhalb der Augustusbrücke gewählt. Seit dem Wiederaufbau der Frauenkirche ist das Barockensemble, wie es sich dem Maler damals bot, wieder völlig hergestellt. Dank dieser architektonischen Meisterleistungen, harmonisch eingebettet in das landschaftlich ansprechende und weitgehend unbehelligt gelassene Flusstal, gelangte Dresden unter der Bezeichnung "Kulturlandschaft Dresdner Elbtal" 2004 auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Fünf Jahre darauf wurde der Titel allerdings aberkannt. Die Anlage der Waldschlösschen-Flussbrücke beeinträchtigte nach Ansicht der Unesco das Gesamterscheinungsbild. Dresdens Bevölkerung, die dem Bau per Volksentscheid mehrheitlich zugestimmt hatte, nahm den Entzug mit erstaunlicher Gelassenheit hin.

Zweite Zerstörung

Dafür traten die Bewohner der sächsischen Landeshauptstadt umso engagierter für den Wiederaufbau des am 13. Februar 1945 in Schutt und Asche gesunkenen Neumarkts ein. Er war einst Herz und Seele von Alt-Dresden. Die Sprengung der Ruinen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion elf Jahre darauf war als "zweite Zerstörung Dresdens" ins kollektive Bewusstsein der Bewohner eingegangen. Selbst oftmals nur leicht beschädigte historische Gebäude, darunter vor allem Kirchen und Paläste in anderen Stadtteilen, fielen in der Folgezeit der Zerstörungswut der Einheitspartei SED zum Opfer.

Inzwischen wurden fast zwei Drittel der Neumarkt-Gebäude überwiegend nach historischem Vorbild rekonstruiert. Ende 2016 konnte mit der Vollendung des Jüdenhof-Ensembles eine weitere Lücke geschlossen werden.

Überragt werden die Gebäude von der mächtigen Kuppel der 2005 geweihten Frauenkirche. Der 180 Millionen Euro teure Wiederaufbau dieses Wahrzeichens, überwiegend mit Spenden bezahlt, hatte die von privaten Investoren finanzierte Neumarkt-Rekonstruktion eingeläutet.

Aus der Ferne betrachtet, erinnern die Häuser mit ihren eleganten Barockfassaden, den typischen "Hochrechteckfenstern", der ursprünglichen Farbgebung und den Ziegeldachlandschaften an Darstellungen des alten Dresden vor dem Feuersturm.

Aber das ist nicht mehr als ein Trugbild. Das neue Alt-Dresden ist eine ziemlich gut gelungene Kopie. Keines der Gebäude, die meist aus Fertigbetonteilen mit der heutzutage vorgeschriebenen Dämmschicht bestehen, ist älter als elf Jahre. Über vier Jahrzehnte lang erstreckte sich im Stadtzen-trum eine riesige Brache, auf der eine neue sozialistische Stadt wachsen sollte. Gewachsen war stattdessen eine innerstädtische Grassteppe. Keiner hatte das besser auf den Punkt gebracht als der Dresdner Romanist Victor Klemperer: "Das war Dresden. Modernes Pompeji."

Phönix aus der Asche

Alt-Dresden ersteht seit 2006 wie Phönix aus der Asche. Ohne den renommierten Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Fritz Löffler wäre dieser Kraftakt nicht gelungen. Sein grundlegendes Werk "Das alte Dresden" erlaubte dank zahlreicher Photographien und detaillierter Beschreibungen Gebäude in ihrer Gesamtheit zu rekonstruieren.

Zur Gestaltung der vorgehängten Barockfassaden nahm man Steine aus dem Elbsandsteingebirge und nach dem Krieg aus dem Trümmermeer oftmals von Einwohnern geborgene Originale, darunter viele Stuckelemente, die in die neuen Gebäude eingebaut wurden. Deshalb weist auch die protestantische Frauenkirche, die zum größten Teil aus gelbem Sandstein rekonstruiert wurde, stellenweise schwarze Stellen auf. "Diese Teile stammen aus der Ruine. Elbsandstein verfärbt sich, in ein paar Jahrzehnten wird das ganze Bauwerk wie vor der Zerstörung schwarz sein", versichert Jürgen Borisch von der Gesellschaft Historischer Neumarkt.

War der benachbarte Altmarkt mit der berühmten Kreuzkirche als Dresdens ältester Platz in den 1950er Jahren im Stil des "sozialistischen Klassizismus" gestaltet worden, wollte man auf dem Neumarkt an den einstigen barocken Charakter anknüpfen. Zeitgenössische Bauwerke, mit denen die Stadtverwaltung anfangs geliebäugelt hatte, sind nach Ansicht der Gesellschaft Historischer Neumarkt dort fehl am Platz. Damit handelte sie sich heftige Kritik ein: Architekten erhoben den Vorwurf, der Neumarkt sei demnach als reine "Traditionsinsel" ohne Bezug zur Gegenwart vorgesehen.

"Wir sind nicht grundsätzlich gegen neue Architektur, aber in Alt-Dresden hat sie nichts zu suchen", versichert Borisch und verweist auf moderne Highlights wie etwa die Neue Synagoge oder das von Daniel Libeskind gekonnt umgeformte Militärhistorische Museum. Als Hauptziel der Gesellschaft beschreibt er die "Bemühungen, mit den rekon-struierten Bauwerken auch greifbare Dresdner Geschichte ins Bewusstsein der Bürger und Besucher zu rufen". Deshalb habe man die neu entstandenen Gebäude mit entsprechenden Info-Tafeln versehen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-24 16:39:06
Letzte ─nderung am 2017-08-24 16:49:17



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