• vom 27.08.2017, 13:00 Uhr

Reisen


Stadtrekonstruktion

Trugbild der Tradition




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Dass der Neumarkt nach historischem Vorbild wiedererstand, darf die Gesellschaft fraglos als ihr Verdienst beanspruchen. Immer wieder hatte sie Einspruch erhoben gegen moderne Neubauprojekte, die nicht ins Erscheinungsbild passten. In einigen Fällen gab es deswegen Bürgerentscheide, bei denen die Einwohner den Standpunkt der Gesellschaft teilten und das Vorhaben scheitern ließen. Seit 2016 hat eine Gestaltungskommission mit externen Fachleuten bei allen Bauprojekten ein gewichtiges Wort mitzureden.

Konservative Dresdner

"Das ist bezeichnend für Dresden, das über 50, in einigen Fällen international renommierte Museen verfügt und sich auch während der DDR-Zeit als Kunststadt verstand", erläutert der Historiker Albrecht Hoch, der thematische Führungen durch die Stadtviertel anbietet.

Im Gegensatz zu Leipzig, das heute gerne mit seinem alternativ angehauchten Bohème-Milieu kokettiert, "geben sich die Dresdner mehrheitlich bodenständig und konservativ", fügt er hinzu. Wohl aus diesem Grund hat die moderne Kunstszene in der 550.000 Einwohner zählenden Stadt nicht eben einen leichten Stand.

"Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem", bemerkte einst Umberto Eco. Und deshalb zeigt der alteingesessene Jürgen Borisch, von Beruf Kaufmann, dem Besucher mit sichtlichem Stolz einige Paradebeispiele auf dem Neumarkt. Dazu zählt neben der rekonstruierten Rampischen Straße, die einst als eine der elegantesten Wohnstraßen im Barockstil galt, auch das Kurländer Palais und das Heinrich-Schütz-Haus.

Neuerdings lässt die Gesellschaft mehr Kompromissbereitschaft erkennen. Der geplante Neubau des Palais Riesch nimmt in der Gestaltung seiner Außenfassade stärkeren Bezug zur Moderne. Und im Palais Hoym wird von 2018 an ein Hostel jüngere Stadtbesucher empfangen, die sich die Hotels der gehobenen Kategorie, wovon es inzwischen etliche gibt, nicht leisten können.

Wohn- und Gewerbeflächen halten sich derzeit auf dem Neumarkt die Waage. Dass Boutiquen, die Luxusmarken feilbieten, oftmals schon nach kurzer Zeit wieder schließen müssen, geht auf die geringe Kaufkraft der Einheimischen zurück. Schon deswegen hofft man in Dresden auf mehr Touristen.

Dabei könnten sich auch die jüngsten Investitionen in die Kulturszene als hilfreich erweisen. Durch den Verkauf kommunaler Wohnungen war Dresden 2006 über Nacht als einzige Stadt Deutschlands schuldenfrei geworden.

Kultur-Kraftwerk

Mit dem Erlös gönnt sich Dresden, das 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden will, eine ordentliche Portion Kultur. So finanzierte man den etwa 100 Millionen teuren Umbau eines stillgelegten Kraftwerks in Zentrumsnähe: "Kraftwerk Mitte" genannt, beherbergt der 39.000 Quadratmeter große und denkmalgeschützte Komplex seit Ende 2016 zwei renommierte städtische Ensembles - das Theater Junge Generation (tjg), bundesweit das größte Kinder- und Jugendtheater, und das Operettentheater, das einzige selbstständige Operettentheater in Deutschland. Beide Bühnen waren seit den 1950er Jahren provisorisch am Stadtrand in Gebäuden mit viel zu kleinen Räumen untergebracht.

Den Schlussakkord setzte Dresden mit der Umgestaltung des Kulturpalasts am Rand des Neumarkts. Der Betonklotz zählt zu den wenigen DDR-Gebäuden, die angesichts der neuen barocken Pracht geradezu alt und schäbig wirken. Ende der 1960er Jahre errichtet, bietet er der Dresdner Philharmonie einen heutigen Anforderungen entsprechenden großen Saal. In den kleinen Saal zog das 1961 gegründete Kabarett "Herkuleskeule" ein.

Keines der Gebäude lässt die DDR-Geschichte stärker lebendig werden als der Kulturpalast, der nach seiner Wiedereröffnung im April nunmehr rund um die Uhr geöffnet ist. Und auch "Der Weg der Roten Fahne", wie das im Laufe der Zeit verblasste Monumentalmosaik an der Westfassade heißt, wurde inzwischen gründlich restauriert.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-24 16:39:06
Letzte ─nderung am 2017-08-24 16:49:17



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