
Knapp drei Dutzend Casinos gibt es in der Stadt, und es werden laufend mehr. Die Reiseerleichterungen für Besucher aus der Volksrepublik China, der Macao im Jahr 1999 von den Portugiesen nach mehr als 400 Jahren Herrschaft übergeben wurde, verschafften der Stadt einen Strom spielsüchtiger Chinesen. Kein Wunder: Macao ist die einzige chinesische Stadt, in der das Glückspiel legal ist. Nicht einmal in der Sonderverwaltungszone Hongkong oder im abtrünnigen Taiwan gibt es Casinos. Macao verdient an seinem Monopol daher blendend: Die Casinos liefern 35 Prozent ihrer Gewinne an die Stadtverwaltung ab, womit rund 80 Prozent des Stadtverwaltungsbudgets gedeckt werden können. Ein Ende des Booms ist derzeit noch nicht in Sicht: Die beiden zu Macao gehörenden Inseln Taipa und Coloane wurden in den letzten Jahren durch ein riesiges Landgewinnungsprojekt miteinander verbunden. Auf dem neu geschaffenen Verbindungsstück namens Cotai entsteht seither ein Spiel- und Hotelkomplex nach dem anderen. Macao rühmt sich bereits, das große Vorbild Las Vegas hinsichtlich des Umsatzes um ein Vielfaches überflügelt zu haben.

Apropos Las Vegas: Auf Cotai steht ein Ableger des Venetian, jenem Ungetüm, das in Nevada mit kopierten venezianischen Gebäuden und Fassaden die kitschverliebten Herzen vieler Amerikaner höher schlagen lässt. In Macao scheint das Konzept nicht weniger erfolgreich zu sein. Und ganz ehrlich: Man sollte es zumindest einmal gesehen haben. Besonders skurril sind die Gondolieri, die auf dem Kanal der riesigen Einkaufspassage im dritten Stock versuchen, die richtigen "O Sole Mio"-Töne zu treffen.
Nicht weniger bombastisch ist ein weiteres Casinohotel, das Stanley Ho direkt neben seinem legendären Lisboa errichten ließ: Das Grand Lisboa ist mehr als ein ikonisches Hochhaus, es ist ein architektonischer Herrschaftsanspruch, vielleicht größenwahnsinnig, aber durchaus stilvoll und nicht zuletzt aufgrund der weitgehenden Echtheit der verwendeten Materialien absolut faszinierend. Allein die Lobby, deren riesige Exponate so manchem Kunstmuseum Konkurrenz machen könnten, lohnt den Besuch. Obwohl von unschätzbarem Wert, wirken diese Illustrationen chinesischer Handwerkskunst angesichts der riesigen Eingangshalle etwas verloren. Jeweils feinstens geschnitzt und von dickem Schutzglas umschlossen, ziehen sie die Blicke zahlreicher Passanten auf sich, darunter ein Jadeberg, Mammutzähne und ein vergoldetes Drachenschiff. Die meisten Besucher lassen sich jedoch vor dem kleinsten Objekt der Halle fotografieren, einem 210-Karat-Brillanten.
Über der imposanten Lobby befinden sich 400 luxuriös eingerichtete Zimmern und Suiten und einige der feinsten Restaurants der Stadt. Laut eigener Aussage ist das Grand Lisboa weltweit das einzige Hotel, das unter einem Dach drei mit Michelin-Sternen dekorierte Restaurants beherbergt. Ein viertes kommt wahrscheinlich demnächst hinzu: Im Don Alphonso, dem ersten Ableger außerhalb Italiens des gleichnamigen Kultrestaurants nahe Sorrent, wird absolut makellos gezaubert.
Die meisten Menschen sieht man abends allerdings in den beiden riesigen Spielhallen. Für viele Besucher sind "Macao" und "Glückspiel" synonyme Begriffe. Sie sammeln dort quasi nicht nur für den Erwerb von neuen Sammlerstücken eines Stanley Ho, sondern helfen Macao dabei, einen zweiten Platz zu verteidigen. Nur in Katar ist asienweit das Bruttoinlandsprodukt höher. Weltweit liegt Macao immerhin noch an der siebten Stelle.
Dennoch könne man "hier leben, ohne mit dem Casinos in Berührung zu kommen", sagt jemand, der es wissen muss. Harald Brüning ist Gründer und Chefredakteur der englischsprachigen Lokalzeitung "Macao Post". In Relation zu der aktuellen Einwohnerzahl von derzeit rund 550.000 sind die 20.000 Menschen, die in den Casinos arbeiten, eigentlich gar nicht so viel, klärt uns der Deutsche auf und lenkt unsere Aufmerksamkeit schnell auf die komplexe kulturelle Sonderstellung seiner Wahlheimat. Wir erfahren, dass die in Macao entstandene Kreolsprache Patuá mittlerweile nur mehr von einer verschwindend kleinen Anzahl der Macanesen gesprochen wird. Ungeachtet dessen führt eine Theatergruppe regelmäßig Werke in Patuá auf. "Wenn man sowohl Portugiesisch als auch Kantonesisch versteht, kann man der Handlung gut folgen." Zu dumm nur, dass die meisten Touristen - uns eingeschlossen - weder die eine noch die andere Sprache sprechen. Selbst Portugiesisch beherrschen heute nur mehr wenige Macanesen, obwohl bis heute alle Schilder der Stadt mehrsprachig sind.
Sie existiert aber noch, die portugiesische Gemeinde. Abends besuchen wir das "Riquexó", ein ebenso einfach gehaltenes wie verstecktes Lokal nahe dem Fährhafen. Dort findet man das, was Brüning "die erste Fusionsküche der Welt" nennt, genauer gesagt herzhafte portugiesische Speisen mit chinesischem Einschlag. Im Riquexó scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. An einem Tisch neben der Theke sitzt Dona Aida, die 95-jährige Inhaberin. Die englisch und portugiesisch sprechenden Gäste kennen einander, Fremde werden freundlich aufgenommen und in anregende Gespräche verwickelt. Es wird ein bierreicher, langer Abend. "Es hat sich allmählich herumgesprochen, dass es in Macao nicht nur Huren und Casinos gibt." Nicht nur Frischvermählte werden dieser Aussage zustimmen.
Anreise: Air China fliegt von Wien über Peking nach Macau. Häufig sind aber Flüge nach Hongkong preislich günstiger. Die Fähre von Hongkong nach Macao benötigt zwischen 75 und 90 Minuten. Weder für Macao noch für Hongkong ist ein Visum erforderlich, außer man reist über die Volksrepublik China ein.
Hotels: Relais & Chateaux: Pousada de Sao Tiago 12 Suiten in alter Festungsanlage, mit eigenem Dampfbad, www.relaischateaux.com Grand Lisboa Hotel: 400 Zimmer und Suiten im neuen Wahrzeichen der Stadt www.grandlisboahotel.com
Macanesische Küche:Riquexó: 69 Avenida Sidónio Pais
Literatur: Das englischsprachige Büchlein "The Mysteries of the Mater Dei Facade at Macao" von Louis Antonin Berchier (Enigmas Verlag) informiert über die Geschichte der Jesuiten in Macao und ist im Souvenirkiosk der Ruinen von St. Paul (Mutter Gottes-Kirche) erhältlich.
Artikel erschienen am 6. April 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22-27
Wolfgang von Metten findet den Werbespruch "Der Weg ist das Ziel" für Wallfahrten unpassend. "Das Ziel einer Wallfahrt...weiter