In Wien haben neuerdings die Kirtage wieder Hochkunjunktur. Der größte Kirtag Wiens ist der seit drei Jahren am Rathausplatz abgehaltene "Wiener Kirtag". Die Besonderheit: Er dürfte weltweit das einzige Kirchweihfest (wienerisch: Kirtag) ohne Kirche sein. Allerdings gibt es als kirchlichen Anknüpfungspunkt die Segnung des Kirtagsbaumes am Stephansplatz durch den Wiener Dompfarrer, ehe dieser vor dem Rathaus aufgestellt wird.
Eine ebenfalls noch verhältnismäßig junge Tradition hat der Wiener Steffl-Kirtag. Er wurde erstmals 2002 aus Anlass des 50. Jahrestages der Wiedereröffnung des Stephansdomes nach den Verwüstungen durch den Dombrand im Jahr 1945 abgehalten. Heuer ging der Steffl-Kirtag in der beachtlichen Dauer von elf Tagen vom 24. Mai bis 3. Juni über die Bühne.

Kurz bevor die Kirtagsbuden dicht machen, erschallt beim Steffl-Kirtag allabendlich eine ungewöhnliche Glocke: die Bieringerin, die sich im nördlichen Heidenturm von St. Stephan befindet. Diese wird ansonsten nie als Einzelglocke geläutet. Üblicherweise erklingt sie nur gemeinsam mit den anderen im selben Turm befindlichen Glocken (das sind die Feuerin, die Kantnerin, die Fehringerin und die Churpötsch), und zwar an Samstagen und Sonntagen zur Vesper um 16.45 Uhr.

Der nördliche Heidenturm ist übrigens als einziger der Türme 1945 nicht ausgebrannt, und so haben sich die darin befindlichen Glocken mit ihren klingenden Namen bis heute erhalten. Am Steffl-Kirtag wird mit dem solistischen Läuten der Bieringerin an eine uralte Tradition angeknüpft. Bereits im Wiener Stadtrecht von 1340 ist eine "pyerglokken" erwähnt. Ihr Läuten verkündete die Nachtruhe. Insbesondere war nun der Ausschank in allen Wirtshäusern und Schenken der Stadt einzustellen, auch durfte nach diesem Signal niemand mehr in den Straßen ohne Licht angetroffen werden, ohne in den Verdacht zu gelangen, Übles im Sinn zu haben.
Für das Jahr 1546 ist der Guss einer neuen Bierglocke durch Michael Doppler bezeugt, sie wurde im nördlichen Heidenturm platziert. Wegen des unliebsamen Zechverbots ab deren Läuten wurde sie im Volksmund alsbald als "Gurgelabschneiderin" verunglimpft.
Im Jahr 1772 wurde die Bierglocke aus dem Jahr 1546 von Franz Joseph Scheichl umgegossen, heute ist auf deren Innenseite die handschriftliche Aufschrift "Bieringerin" zu registrieren. Sie hat ein Gewicht von 530 Kilogramm, der untere Durchmesser sowie die Höhe der Glocke betragen jeweils 98 Zentimeter.
