
Eine alte Bauernregel lautet: "Die erste Liebe und der Mai / gehen selten ohne Frost vorbei." In beiden Fällen kann beim Frost das "o" ohne weiteres durch ein "u" ersetzt werden. In Anbetracht der Situation im heimischen Weinbau ist der Frust in manchen Gebieten heuer noch stärker als im Vorjahr.
Enorme Spätfrostschäden hatte man 2011 vor allem in der Thermenregion hinzunehmen. Der Schaden konnte damals dem Vernehmen nach durch eine bäuerliche Gemeinschaftsaktion noch etwas abgemildert werden: In der Nacht hatten Winzer der Thermenregion über 100 Strohballen angezündet, um mit dem Rauch eine isolierende Schicht über die Weingärten zu bringen. Alles in allem waren die Ernteausfälle dennoch nicht gerade gering. Auch in anderen Gebieten Österreichs gab es 2011 Frostbeeinträchtigungen.
Heuer schlug der Frost vergleichsweise spät zu, und zwar erst nach den Eisheiligen, nämlich in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai, mit Temperaturen bis zu Minus 5 Grad Celsius. Und heuer erwischte es weite Teile des Weinviertels am Schlimmsten. Besonders betroffen war die Gegend des Pulkautales (bestehend aus den Gemeinden Alberndorf, Hadres, Haugsdorf, Mailberg, Pernersdorf-Pfaffendorf und Seefeld-Kadolz), eine Weinviertler Kleinregion an der Staatsgrenze zu Tschechien, rund 80 Kilometer nördlich von Wien gelegen. Aber auch in der näheren Umgebung Wiens, etwa in Stetten (bekannt vor allem durch den Topwinzer Roman Pfaffl) gibt es Grund zum Jammern.
Bemerkenswerterweise hat der Frost nun gleich zwei Jahre hintereinander in den Weingärten gewütet. Zuvor hatte manch ein gestandener Winzer solche Spätfröste gerade einmal aus den Erzählungen von Altvorderen gekannt.
Österreichs Weinbaupräsident Josef Pleil beziffert die heuer vom Spätfrost betroffenen österreichischen Weinflächen mit rund 6000 Hektar, wobei der Schwerpunkt nördlich der Donau liegt. Auch Teile Wiens, des Burgenlandes und der Steiermark sind betroffen. Zirka 2000 Hektar sind teilweise geschädigt, bei ungefähr 4000 Hektar muss mit einem Totalausfall gerechnet werden.
Infolge der Schäden an den jungen Trieben werden die Auswirkungen auch noch in den Folgejahren zu bemerken sein. Verheerend ausgewirkt hat sich der Frost vor allem in den tiefer gelegenen Weingärten. Weil auch die Rebschulen vom Frost geschädigt wurden, wird es demnächst zu Engpässen bei der Versorgung mit Rebsetzlingen kommen. Es bleibt zu hoffen, dass nicht etwa noch weitere Schäden durch Hagel hinzukommen.
Print-Artikel erschienen am 29. Juni 2012
in der Kolumne "Werfrings Weinjournal"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36