• vom 23.05.2015, 20:32 Uhr

Wein

Update: 23.05.2015, 22:44 Uhr

WeinZeit

Traumberuf: Alter, knorriger Weinbauer




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Von Johann Werfring

  • Als Hans Jörg Schelling im Jahr 2009 das Stiftsweingut Herzogenburg übernahm, ahnte er noch nichts von seiner Berufung zum Finanzminister. Nach seiner staatsmännischen Karriere möchte er sich auf stiftlicher Scholle als Vollzeitwinzer betätigen.

Hans Jörg Schelling (r.) und Matthias Getzinger an der alten Baumpresse.

Hans Jörg Schelling (r.) und Matthias Getzinger an der alten Baumpresse.© Stiftsweingut Herzogenburg Hans Jörg Schelling (r.) und Matthias Getzinger an der alten Baumpresse.© Stiftsweingut Herzogenburg

Wie es denn dazu gekommen ist, dass ein gebürtiger Vorarlberger – noch dazu nach einer glänzenden Karriere in der Wirtschaft – eine derartige Leidenschaft für den Weinbau entwickelt hat, dass er sich gleich ein ganzes Weingut zulegte, möchte ich vom amtierenden Finanzminister wissen. Dazu Hans Jörg Schelling: "Ich bin zum Wein gekommen über meine Tätigkeit im Möbelhandel. Im Friaul gibt es viele Sesselhersteller, die auch Wein machen. Das hat mich in der Kombination fasziniert. Ich wollte immer ein kleines Weingut, aber wie es so ist in meinem Leben, wird's halt ein bisschen größer. Ich habe mich vor meiner Zeit als Minister überall eingebracht und die Linie des Weines mit meinem Team entwickelt. Ich sehe mich nach meiner Zeit als Minister als Vollzeitwinzer und möchte gerne ein alter, knorriger Weinbauer werden."

Wenn man sich das von ihm übernommene Weingut im niederösterreichischen Traisental näher ansieht, versteht man sogleich, warum sich Hans Jörg Schelling auf der Suche nach einem kleinen Weingut doch für einen größeren Betrieb entschieden hat, als dieser ihm langfristig zur Pacht angeboten wurde: Der beeindruckende Keller und das schmucke Kellerstöckl wurden im 18. Jahrhundert von dem berühmten Barockbaumeister Jakob Prandtauer erbaut, das Presshaus und das herrliche Kellerschlössel setzte dessen Neffe Joseph Munggenast ins Werk.

Das von Barockbaumeister Jakob Prandtauer errichtete Kellerstöckl, dahinter das von Joseph Munggenast ins Werk gesetzte Kellerschlössel.

Das von Barockbaumeister Jakob Prandtauer errichtete Kellerstöckl, dahinter das von Joseph Munggenast ins Werk gesetzte Kellerschlössel.© Johann Werfring Das von Barockbaumeister Jakob Prandtauer errichtete Kellerstöckl, dahinter das von Joseph Munggenast ins Werk gesetzte Kellerschlössel.© Johann Werfring

Das seit dem 13. Jahrhundert bestehende Weingut der Augustiner-Chorherren in Wielandsthal bei Herzogenburg wurde in der Regel von Pächtern betrieben, wobei das Kloster immer ein Drittel des Ertrags als Pacht erhielt. Zuletzt (bis 2008) wirtschaftete im alten Gemäuer das Weingut Maurer. Nach Übernahme und vollständiger Modernisierung würgte Schelling die alten Strukturen nicht ab, sondern behielt das Sortenprogramm vollkommen bei. Im Gegensatz zu früher werden indes heute keine Süßweine mehr produziert. Aus den aromatischen Sorten Sämling und Traminer wird Schaumwein hergestellt, die Hauptsorte Grüner Veltliner wird in mehreren Spielarten gekeltert. Die Weinbaufläche wurde seit der Übernahme von 5,5 auf 11 Hektar vergrößert. Das einflussreiche Fachmagazin Falstaff hat für Schelling'sche Spitzenweine bereits hohe Wertungen im Bereich von 90 Punkten und darüber vergeben. Topwein ist der Grüne Veltliner Selectio, der zumeist mit einer der beiden stiftlichen Baumpressen verarbeitet wird. In Wien gibt es Schelling-Weine glasweise im Gasthaus Seidl, Ungargasse 63, zu verkosten.

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Die Verbundenheit mit dem Augustiner-Chorherrenstift drückt sich nicht nur im Betriebsnamen aus, sondern auch in der Flaschenaufmachung (im Etikett wird das "Kollar", das ist der priesterliche Hemdkragen, ansichtig). Auch mit der Weinsegnung zu Martini und dem Opferreben-Brauchtum wird im Weingut an religiös konnotierte Traditionen angeknüpft. Der erste Wein eines jeden Jahrgangs – der sogenannte Jungwein – wird alljährlich unter der Bezeichnung "Novize" vermarktet. Und der für das Stift gekelterte Messwein, den sich Propst Maximilian Fürnsinn stets vital und säurebetont wünscht, wird vom Weingut Schelling auch zum Kauf angeboten.

Weil der Minister derzeit mit seinen Amtsgeschäften voll ausgelastet ist, wurde seine Tochter Julia Schelling als Geschäftsführerin bestellt, sie kümmerte sich seit der Gründung des Weinguts – das unter dem Motto "Tradition neu erlebt" geführt wird – auch um Vertrieb und Marketing. Für die betrieblichen Entscheidungen rund ums Weinmachen zeichnen die beiden Traisentaler Josef Baumgartner und Matthias Getzinger verantwortlich.

Artikel erschienen am 23. Mai 2015
in der "Wiener Zeitung"-Verlagsbeilage "WeinZeit", S. 14–15




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Dokument erstellt am 2015-05-23 20:39:27
Letzte Änderung am 2015-05-23 22:44:34



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