• vom 05.08.2016, 02:22 Uhr

Wein

Update: 30.09.2016, 03:16 Uhr

Weinjournal

Ein frankophiler Sommernachtstraum




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Von Johann Werfring

  • Zu den schönsten Aufgaben eines Weinliebhabers zählt sicherlich, im Kreis Gleichgesinnter an einem milden Sommerabend hochklassige Weine zu verkosten und zu diskutieren.

Das kräftige Grenache-Trio wurde von den berauschenden Burgundern noch ein wenig übertrumpft.

Das kräftige Grenache-Trio wurde von den berauschenden Burgundern noch ein wenig übertrumpft.© Johann Werfring Das kräftige Grenache-Trio wurde von den berauschenden Burgundern noch ein wenig übertrumpft.© Johann Werfring

So geschehen in einer lauen Sommernacht im stilvollen Gartenambiente des Wiener Connaisseurs Uwe Schögl, der kürzlich unter dem Motto "Vive la France" zu einer Degustation hochwertiger Gewächse in sieben Tranchen eingeladen hatte. In die Serien der edlen französischen Tropfen wurden da und dort einige "blinde Passagiere" aus Italien und Österreich sowie ein einzelner Kalifornier eingeschmuggelt, die sich gut bis hervorragend geschlagen haben. Experten verschiedener österreichischer Fachmagazine und langfristige Weinkenner nahmen an der Degustation teil.

Den Usancen und der Jahreszeit gemäß begann die Degustation mit einem Champagne-Quartett, aus dem ein Duo von der Herkunft Cramant vorne lag. Mit cremiger Fülle und Harmonie bestach der 2005er Vieille Vigne von Larmandier-Bernier, während der 2009er von Lilbert mit feinen Zitrusnoten, hoher Eleganz und erfrischender Rasse punktete. Als nächste Serie folgten fünf Weine, die vieles gemeinsam hatten: So wurden sie, mit einer Ausnahme, aus Sauvignon gekeltert. Unumstritten an der Spitze platzierte sich der 2014er Sancerre Clos La Neore von Edmond und Anne Vatan – ein hocheleganter Bilderbuch-Sauvignon, der mit puristischer Linienführung und hohem Finessefaktor brillierte. Ebenfalls brillieren konnte der vorzüglich gereifte 2005er Silex von Dagueneau – ein cremiger und saftiger Pouilly Fumé mit rauchig-mineralischen Untertönen, der zu Recht bereits Kultstatus genießt. Recht gut hielten sich auch die beiden österreichischen "Piraten", vor allem der, mit Aromen von Holunderblüten und Cassis prunkende, zartblumige und runde 2008er Welles Reserve von Lackner-Tinnacher, aber auch der aus dem schwierigen Jahrgang 2014 stammende Zieregg des Weinguts Tement bewies seine Meriten. Abgeschlagen auf dem letzten Platz landete der eher provokant als alternativ ausgebaute Chenin Blanc 2005 der Monopol-Herkunft Coulée de Serrant von Nicolas Joly, der sein einstiges Prestige offensichtlich endgültig verspielt hat.

Seine unnachahmliche Eleganz realisiert der Pinot Noir nur in Burgund.

Seine unnachahmliche Eleganz realisiert der Pinot Noir nur in Burgund.© Johann Werfring Seine unnachahmliche Eleganz realisiert der Pinot Noir nur in Burgund.© Johann Werfring

Ihr Prestige erst erwerben müssen die interessanten Gewächse aus der wiederentdeckten Rebsorte Timorasso, die in den Colli Tortonesi im südlichsten Abschnitt des Piemont gedeiht und in der Hand von Walter Massa mit einem Aromenspiel verblüffte, das irgendwo zwischen Riesling und Chardonnay angesiedelt war. Sowohl der Derthona Montecitorio als auch der Costa del Vento überzeugten mit reichem Körper und feinstrahliger Struktur sowie angedeuteter Lagerfähigkeit. Über dieses Thema wird noch im Einzelnen zu berichten sein. Aus dem folgenden Chardonnay-Trio präsentierte sich der 2009er Meursault Perrières von Albert Grivault überragend: Anklänge von Melisse und Kamille wurden von karamelliger Fülle und mineralischer Würze trefflich ergänzt; der 2010er Meursault Genevrières von Antoine Jobard hat hingegen erst nach gehöriger Luftzufuhr am nächsten Tag seine Nuancen gezeigt. Gleich präsent war vergleichsweise der 2009er Gloria des Weingutes Kollwentz, der zwar viel helle Fruchtanklänge darbot, aber im Kreis der berühmten Artgenossen doch etwas unauffällig wirkte.

Für Hochstimmung sorgte das sechste Kapitel, das der weltweit häufigsten (und doch schwierigen) roten Rebsorte Grenache gewidmet war. Den Höhepunkt realisierte hier der vom Österreicher Manfred Krankl in Santa Barbara bereitete Sine Qua Non, der etwas schräg "2003 Grenache Li'l E" etikettiert war: eine mediterrane Gewürzmischung, gefolgt von dichtester dunkelbeeriger Fruchtfülle, rauchig und extraktsüß, bei allem Körperreichtum und Alkoholgehalt mit samtigen Tanninen überaus sanft über den Gaumen strömend. Danach folgten zwei Weine aus der bekannten Appellation Châteauneuf-du-Pape, wobei nach Meinung der Jury der Klassiker Cuvée Réservée (mit geringem Anteil von Syrah und Mourvèdre) von der Domaine du Pégau 2010, trotz der etwas jugendlich-herben Anmutung durch Fruchtsüße und reiche Textur, ein wenig über den ebenfalls sehr mächtigen, extraktsüßen und rosinigen 2005er La Barroche "Pure" zu stellen war.

Für den finalen Höhepunkt sorgte schließlich ein begeisterndes Quintett aus Pinot Noir, der Diva unter den international wichtigsten Rotweinsorten, die allesamt aus dem Kerngebiet, also der Côte-de-Nuits in Burgund, stammten. Von den beiden Gevrey-Chambertin-Interpretationen überzeugten die 2009er Vieilles Vignes der Domaine Bachelet mit modernem Ausbaustil und großzügigen Fruchtaromen à la Brombeere und Maulbeere, während sich die 2010er-Variante der Domaine Fourrier erst am nächsten Tag öffnete und zarte Himbeer- und Weichselnuancen offerierte. Sofort präsent war hingegen der Les Vaucrains 2006 aus Nuits-St. Georges des bekannten Weingutes Robert Chevillon, der tolle Fülle mit feinem Beerenmix verband und auch punkto Dichte und Fruchtsüße nichts zu wünschen übrig ließ. Gleichwertig oder noch eine Spur darüber zeigte sich der Charmes Chambertin 2006 – ein Grand Cru der kleinen, handwerklich produzierenden Domaine de Beaumont, der mit straffer Eleganz und viel Schliff überzeugte. Dramaturgischen Gepflogenheiten entsprechend kam der beste Wein des Abends ganz zum Schluss, nämlich der 2001er Clos des Lambrays des gleichnamigen Weingutes. Ein Kultwein, der eine Überfülle von Facetten und viel Finessenreichtum darbot. Alles in allem ein höchst vergnüglicher Degustationsabend – ganz nebenbei mit kulinarischer Abrundung auf Haubenniveau –, an dem weniger die strenge Bewertung der einzelnen Weine als vielmehr das hedonistische Trinkvergnügen und die angeregte Diskussion im Vordergrund standen.

Print-Artikel erschienen am 5. August 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23





Schlagwörter

Weinjournal, Wein, Weinjahrgang

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Dokument erstellt am 2016-08-14 02:26:42
Letzte ─nderung am 2016-09-30 03:16:22



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