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Wein

Update: 17.10.2016, 21:45 Uhr

Weinjournal

Flüssige Rotweingeschichte




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Von Johann Werfring

  • Im Golser Weingut Anita und Hans Nittnaus war kürzlich anhand von 25 Cuvée-Jahrgängen der Marke Pannobile die Genese des heimischen Rotweins nachzuvollziehen.

Hans Nittnaus bei der Pannobile-Vertikale im September 2016. - © Klaus Gaggl

Hans Nittnaus bei der Pannobile-Vertikale im September 2016. © Klaus Gaggl

Der österreichische Rotwein im Hochqualitäts-Segment hat eine relativ junge Geschichte. Nachdem sich in den ausgehenden 1970er Jahren die Anfänge einer modernen Weinwirtschaft mit neuen hygienischen Standards abgezeichnet hatten, traten in den 1980er Jahren etliche Pioniere wie Hans Igler (Deutschkreutz), Anton Kollwentz (Großhöflein) und Ernst Triebaumer (Rust am Neusiedler See) auf den Plan. Letzterer erzeugte mit seinem Blaufränkisch Mariental 1986 ein außerordentliches Format, das bis heute legendär ist. Ab den 1990er Jahren gesellte sich auch der Golser Winzer Hans ("John") Nittnaus zu den elitären Rotweinmachern. Viele Erzeuger haben sich hierzulande seither mit Rotweinen einen guten Namen gemacht. Einige wenige konnten im vergangenen Jahrzehnt die Qualität derart steigern, dass sie international sehr weit vorne mitmischen können. Hans Nittnaus ist einer von ihnen. Er darf als Ausnahmetalent mit Gespür für die ganz feine Linie angesprochen werden. Mit seinen Ideen trug er wesentlich zum Aufwärtstrend des österreichischen Rotweins im Spitzensegment bei.

Im Jahr 1990 kreierte der Burgenländer Hans Nittnaus erstmals unter dem heimatverbundenen Namen "Pannobile" eine Rotweincuvée. Im Jahr 1994 konstituierte sich in Gols eine Winzervereinigung, welcher Nittnaus sogar den trefflichen Namen seiner Premiumcuvée spendierte. Die Mitglieder der Gruppe "Pannobile" zählen heute zu den renommiertesten Winzern Österreichs und produzieren ihrerseits Weine unter dem Label "Pannobile".

Bei der kürzlich im Golser Weingut abgehaltenen Vertikale präsentierte Hans Nittnaus sämtliche Jahrgänge seiner Pannobile-Cuvées von 1990 bis 2014. Bemerkenswerterweise behaupteten sich die allermeisten Formate (auch die ganz alten Jahrgänge) auf einem beachtlichen Niveau, nur ganz wenige hatten das Lagerpotenzial bereits überschritten oder fielen ab.

Im ersten Jahrzehnt wurden neben Zweigelt und Blaufränkisch auch noch Sankt Laurent sowie die internationalen Sorten Cabernet Sauvignon und Merlot in die Weine mitverschnitten. Der internationale Einfluss machte sich in diesen Jahren auch durch die Verwendung von Barriques mit einem gewissen Toasting bemerkbar. Während indes viele andere Erzeuger zu jener Zeit die Röstung allzu kräftig (und in manchen Fällen sogar schmerzlich) verspüren ließen, ging Hans Nittnaus schon damals wesentlich behutsamer ans Werk, was bei der Vertikale nachvollziehbar war. "Es waren Experimentierjahre", wie Nittnaus heute sagt. Die Verwendung von Cabernet Sauvignon und die Lagerung in neuen Barriques machten die Weine vergleichsweise warmfruchtig. Heute möchte er sie nicht mehr so druckvoll ausstatten; vor allem deshalb, weil er die Wesenheit der autochthonen Sorten mittlerweile verstärkt ausgelotet hat.

Eine Reihe von Weinen der ersten Dekade (1993, 1994, 1995, 1998) erlebte ich als herausragend (mehr als 17 von 20 Punkten). Der 1999er präsentierte sich als "großer Wein" (mehr als 18 Punkte respektive annähernd 19 Punkte). Er kommt mit seiner wahrlich berauschenden Qualität der Perfektion sehr nahe, zeigt viele Schichten und Phasen und ist laut meinen Verkostungsnotizen geradezu als "Inbegriff der Harmonie" zu bezeichnen. Der Wein besteht aus 50 Prozent Zweigelt, 20 Prozent Blaufränkisch, 20 Prozent Sankt Laurent und 10 Prozent Merlot. Die Weglassung der Sorte Cabernet Sauvignon, die sich gerne in den Vordergrund drängt, hat dieser Cuvée merklich gut getan.

Seit dem Jahrgang 2000 finden sich in den Pannobile-Cuvées nur noch die autochthonen Sorten Zweigelt und Blaufränkisch in jahrgangsgemäß passendem Mischungsverhältnis. Nach und nach wurde auch der Holzeinsatz merklich dezenter gestaltet. Waren zunächst noch 225-Liter-Barriques verwendet worden, so kamen ab dem Jahrgang 2005 ausschließlich 500-Liter-Gebinde zum Einsatz.

Vereinzelt fielen Weine ab, die aus heißen Jahren stammten (1992, 2003, 2006). Während diese Weine ihr Lagerpotenzial deutlich überschritten hatten (zaubern kann Nittnaus bei solchen Jahrgängen freilich auch nicht), konnte der talentierte Weinmacher bei den problematischen Jahren mit Nässe dennoch passable (1996, 2005, 2010) und sogar erstaunliche Qualitäten (2001) generieren. Im Falle des feuchten 2014er Jahrgangs ist Nittnaus förmlich über sich hinausgewachsen (mehr als 17 Punkte); anscheinend hat er mittlerweile ausreichend Erfahrung, um selbst mit widrigsten Verhältnissen zurande zu kommen).

Hinsichtlich der klimatisch als durchschnittlich geltenden Jahre wie 2013 konnte Nittnaus durchwegs mit hervorragenden Pannobile-Qualitäten aufwarten. 2008 ist ein Jahr, das hinsichtlich der austriakischen Rotweine einigermaßen verschrien ist. Nittnaus’ Pannobile (aber auch sein Blaufränkisch Leithaberg DAC) aus diesem Jahr hingegen ist "groß" (mehr als 18 Punkte).

Als absolute Höhepunkte der Vertikale erwiesen sich – neben dem bereits erwähnten 1999er – die Traumjahrgänge 2004 und 2011. Der hellfruchtige 2004er Pannobile (90 Prozent Zweigelt, 10 Prozent Blaufränkisch) ist straff, fordernd, herrlich mineralisch und absolut vital – alles in allem ein Wein für Kenner. Er zeigt auch ganz deutlich, zu welchen Höhenflügen der Zweigelt imstande ist. Was schließlich den 2011er Pannobile (60 Prozent Zweigelt, 40 Prozent Blaufränkisch) anbelangt, so beginnt er im Bukett gediegen mit nobler Heidelbeeraromatik, hintennach macht sich feine Kirschfrucht bemerkbar. Er ist gleichermaßen kräftig, fleischig und erquicklich. Mit diesem Format hat Hans Nittnaus ein großes Jahr groß umgesetzt – alles in allem ein "feierlicher" Wein. Der Ab-Hof-Preis von derzeit 25 Euro für den Pannobile ist gehoben, im internationalen Vergleich aber als absolut günstig zu bezeichnen.

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Print-Artikel erschienen am 7. Oktober 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-10 01:14:06
Letzte nderung am 2016-10-17 21:45:07



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