• vom 28.10.2016, 00:00 Uhr

Wein

Update: 30.10.2016, 22:23 Uhr

Weinjournal

Wachauer Trinkgeld-Automatik




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Von Johann Werfring

  • Der im Besitz des Wachauer Nobelwinzers Franz Hirtzberger befindliche Lesehof Sankt Florian in Wösendorf wurde von diesem an das Gastronomen-Duo Hartmuth Rameder und Erwin Windhaber verpachtet und wird seit dem Sommer 2014 als "Hofmeisterei Hirtzberger" geführt. In dem gediegenen Restaurant wurde kürzlich damit begonnen, automatisch Trinkgeld in Höhe von zehn Prozent auf die Rechnung zu setzen.

Wenn das Wachauer Modell Schule macht, könnte von der Trinkgeld-Automatik alsbald auch die Wiener Kaffeehaus-Szene betroffen sein. - © Johann Werfring

Wenn das Wachauer Modell Schule macht, könnte von der Trinkgeld-Automatik alsbald auch die Wiener Kaffeehaus-Szene betroffen sein. © Johann Werfring

Am Trinkgeld kommt man hierzulande in diversen Bereichen nicht vorbei, auch wenn es einem womöglich noch so zuwider sein sollte. Es ist eben eine alte Landessitte, bestimmte Dienstleistungen mit Extra-Geld abzugelten. Das Geben von Trinkgeld ist zwar nirgendwo festgeschrieben, es gilt aber gewissermaßen als soziale Norm.

Von alters her besteht indes die Ansicht, dass die Höhe des Trinkgeldes von der Zufriedenheit des Gastes abhängig sein soll. Ist der Gast komplett unzufrieden, so kann man es ihm auch nicht verübeln, wenn er das Trinkgeld sogar zur Gänze entfallen lässt. Im Regelfall fallen für das Personal aber immer ein paar Euro ab, im Idealfall (für die Bediensteten) sogar bis zu einem Betrag, der rund zehn Prozent der Zeche ausmacht.

In der gehobenen Gastronomie, wo der Rechnungsbetrag vergleichsweise hoch ist, klagen manche Restaurantinhaber darüber, dass dort das Trinkgeld oft nur drei bis fünf Prozent des Rechnungsbetrages beträgt, wohingegen in Lokalen, in denen kleinere Rechnungssummen anfallen, das Trinkgeld prozentuell wesentlich höher ausfällt. Aus diesem Grund gibt es im Wachauer Zwei-Hauben-Restaurant Hofmeisterei Hirtzberger in Wösendorf seit dem 1. September 2016 die Regelung, dass automatisch zehn Prozent des Rechnungsbetrages als Trinkgeld aufgeschlagen und auch auf der Rechnung ausgewiesen werden.

Am Ende können die Gäste selber entscheiden, ob sie die Rechnung in dieser Form akzeptieren oder nicht. Angeblich habe sich bislang noch kein Gast über den zehnprozentigen Trinkgeldaufschlag beschwert, wie Geschäftsführer Hartmuth Rameder diversen Medien mitgeteilt hat. Mittlerweile hat auch schon das Schlosshotel Dürnstein dieses System übernommen.

Die beiden Wachauer Betriebe brechen mit einer Trinkgeld-Tradition, die auf Freiwilligkeit beruhte und aufgrund der Initiative infolge von zu befürchtenden Nachahmungen generell einen unliebsamen Zwangscharakter annehmen könnte. Zwar war auch die Freiwilligkeit bis dato in gewisser Weise eingeschränkt, weil auf die Gäste ein gewisser sozialer Druck ausgeübt wird: Wer kein Trinkgeld gibt, muss damit rechnen als geizig, kleinlich und sogar unsozial angesehen zu werden.

Immerhin hatte man aber bislang die Möglichkeit, Unzufriedenheit vermittels Trinkgeldminimierung bis hin zur Verweigerung des Trinkgeldes zum Ausdruck zu bringen. Ich selbst habe es in solchen Fällen immer so gehalten, dass ich die Minderung des Trinkgeldes (oder in krassen Fällen auch dessen Verweigerung) dem Servicepersonal gegenüber mit entsprechenden Hinweisen, was im konkreten Fall nicht gepasst hatte, begründete.

Der hierzulande seit einiger Zeit eingerissenen Unsitte, auch dem Lokalinhaber Trinkgeld zu geben, bin ich mitunter mit dem augenzwinkernden Argument entgegengetreten, dass es für den Chef ja eine Beleidigung sei, wenn man ihm Trinkgeld gibt. Dass von so manchen Restaurantinhabern selber mittlerweile Trinkgeld regelrecht erwartet wird, habe ich mehrfach beobachtet.

Der von der Hofmeisterei Hirtzberger vorgebrachten Argumentation, wonach in der Edelgastronomie ein im Verhältnis zum Rechnungsbetrag geringeres Trinkgeld unangemessen sei, ist entgegenzuhalten, dass das Servieren einer 6-Euro-Suppe im Hauben-Lokal für die Kellner keinen höheren Aufwand darstellt als das Auftischen einer 2-Euro-Suppe in einem weniger schicken Lokal. Ebenso macht den Kellern das Kredenzen einer 60-Euro-Bouteille im Nobelrestaurant keine größere Mühe als das Servieren einer 20-Euro-Bouteille im bodenständigen Wirtshaus.

Dass sich in der Hofmeisterei Hirtzberger Gäste, die zuvor drei Prozent Trinkgeld gegeben haben, nun über die zehnprozentige Trinkgeldautomatik nicht beschweren, wie versichert wird, mag verschiedene Gründe haben. Glücklich sind die meisten von ihnen wohl nicht darüber, denn sonst wären sie den Kellnern gegenüber schon zuvor spendabler gewesen. Man wird sehen, wie sich das Ganze einspielen wird!

Problematisch erscheint die Wachauer Initiative allemal, denn das amerikanische Vorbild nach Österreich zu transferieren, wo Gewerkschaften um faire Löhne für Bedienstete kämpfen, ist nicht wirklich stimmig. Vor allem könnte, wenn das Beispiel aus Wösendorf österreichweit Schule macht, die Verdrossenheit der Konsumenten und ihre Unlust, die Gastronomie zu frequentieren, wo heute für ein Achterl Wein oft mehr als das Doppelte und Dreifache zu berappen ist als noch zu Schilling-Zeiten, enorm zunehmen.

Alles in allem ist zwar nicht zu erwarten, dass in naher Zukunft in Österreich flächendeckend automatisch Trinkgeld aufgeschlagen wird. Jedoch könnte das Wösendorfer Modell zumindest in Bereichen der gehobenen Gastronomie überregional übernommen werden. Treffen würde das vor allem qualitätsbewusste Bezieher moderater Einkommen, die sich zumindest ab und zu etwas Gutes gönnen möchten. Zuzutrauen ist die Übernahme des Wösendorfer Trinkgeldmodells auch der Alt-Wiener Kaffeehaus-Szene, wo ja zum Teil bereits seit einiger Zeit für Leitungswasser abkassiert wird. In diesem Fall würde Studenten und Künstlern (einer Klientel, die das Wiener Kaffeehausleben traditionell positiv bereichert hat) noch stärker als zuletzt das Interesse an der Alt-Wiener Kaffeehauskultur verleidet werden. Eine logische Folge wäre die fortschreitende Verbiederung der ohnedies nur noch rudimentär vorhandenen Wiener Kaffeehauskultur.

Print-Artikel erschienen am 28. Oktober 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37





Schlagwörter

Weinjournal, Wein, Trinkgeld

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Dokument erstellt am 2016-10-28 02:01:56
Letzte ─nderung am 2016-10-30 22:23:09



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