• vom 16.12.2016, 13:01 Uhr

Wein

Update: 17.12.2016, 14:15 Uhr

Weinjournal

Piemont einmal ganz anders




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Von Johann Werfring

  • Den meisten Weinfreunden ist das Piemont vor allem durch seine weltberühmten Rotweine wie Barolo, Barbaresco und Co bekannt. Es gibt aber auch weiße Alternativen, wie etwa die erst kürzlich wiederentdeckte Rarität Timorasso.

Walter Massa, Vigneti Massa, Monleale. - © Lido Vannucchi

Walter Massa, Vigneti Massa, Monleale. © Lido Vannucchi

Anlässlich des jüngsten Besuchs in der für ihre Piemont-Spezialitäten bekannten Vinothek "Barolista" in Wien-Leopoldstadt hat Inhaber Peter Roggenhofer die Aufmerksamkeit auf eine weiße Rebsorte gelenkt, die wohl den wenigsten Weinliebhabern geläufig ist. Wohl gibt es im Piemont von jeher auch Weißweine, vornehmlich aus den Rebsorten Arneis und Cortese, letzterer unter der Bezeichnung Gavi am Markt, doch kommen diese selten über den Rang eines einfachen Tischweines hinaus. Natürlich gibt es auch internationale Varietäten wie Chardonnay – bekannt ist etwa der Gaia von Angelo Gaja –, Sauvignon blanc, Viognier und sogar Riesling, den zum Beispiel Aldo Vajra seit langem hegt und pflegt. Schon von alters her in den Colli Tortonesi ansässig, dann aber lange Zeit in Vergessenheit geraten, ist hingegen der Timorasso, eine autochthone Rebsorte, die im südlichen Piemont, an der Grenze zu Ligurien, gedeiht und nur geringe Erträge erbringt.

Walter Massa ist jener als Pionier tätige Winzer, der sich diesem einheimischen Findling widmet und ihn auf beachtlichen zwölf Hektar angepflanzt hat. Mittlerweile hat er auch Mitstreiter gefunden, denn immerhin bemühen sich 18 Weingüter auf rund 42 Hektar Rebfläche um diese Rarität. Zumindest mittelfristig besteht das Ziel, die geschützte Marke Derthona (lateinisch für Tortona) als eigene DOCG-Appellation zu etablieren, was aufgrund der beeindruckenden Qualität mehr als berechtigt wäre. Gegenwärtig gibt es also keine Normen, sondern bloß Richtlinien für den Ausbau des Timorasso. So empfiehlt Walter Massa die von ihm praktizierte spontane Vergärung mittels natürlicher Hefen und den Ausbau im Stahltank, wobei er den Most auch zwei, drei Tage auf den Schalen belässt. Eine Reifung im Holzfass wird bewusst unterlassen, weil diese Rebsorte seiner Ansicht nach ohnehin genügend Struktur und Kraft besitzt.

Information

Barolista
1020 Wien, Alliiertenstraße 12
Tel. 01/212 69 51


Walter Massa hat die autochthone weiße Rebsorte Timorasso aus dem Dornröschenschlaf geholt. Er keltert seine Timorasso-Weine mit natürlichen Hefen in verschiedenen Spielarten.

Walter Massa hat die autochthone weiße Rebsorte Timorasso aus dem Dornröschenschlaf geholt. Er keltert seine Timorasso-Weine mit natürlichen Hefen in verschiedenen Spielarten.© Johann Werfring Walter Massa hat die autochthone weiße Rebsorte Timorasso aus dem Dornröschenschlaf geholt. Er keltert seine Timorasso-Weine mit natürlichen Hefen in verschiedenen Spielarten.© Johann Werfring

Massas Timorasso-Weine sind stets fein strukturiert, wobei ihr dezenter Aromenbogen von einer unaufdringlichen, feinen, vitalen Säure begleitet wird. Die Standardqualität läuft unter der schlichten Bezeichnung "Derthona", die Lagenweine heißen Montecitorio, Costa del Vento und Sterpi. Die Preise bewegen sich zwischen € 17,90 für den Basiswein und € 34,90 für die Einzellagenweine.

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Speziell die beiden Letzteren zeichnen sich durch ein zartgliedriges Bukett aus, das zuweilen an Birne, Pfirsich, aber auch Ananas und Zirbe erinnert; ein mineralisch-salziges Gepräge ist ihnen immer eigen. Wunderbar passen diese Weine etwa zu den kräftigen Pastagerichten und Risotti ihrer Heimat, aber auch zu hellem Fleisch und nicht zu kräftigen Fischgerichten. Als weiterer Pluspunkt kommt hinzu, dass diese Weißweine offensichtlich sehr gut reifen können und ihrem ersten Höhepunkt erst nach rund fünf Jahren entgegenstreben.

Peter Roggenhofer, Inhaber des Piemont-Kompetenzzentrums "Barolista" in Wien-Leopoldstadt, bei der Timorasso-Verkostung.

Peter Roggenhofer, Inhaber des Piemont-Kompetenzzentrums "Barolista" in Wien-Leopoldstadt, bei der Timorasso-Verkostung.© Johann Werfring Peter Roggenhofer, Inhaber des Piemont-Kompetenzzentrums "Barolista" in Wien-Leopoldstadt, bei der Timorasso-Verkostung.© Johann Werfring

Da die allermeisten Weinfreunde eine piemontesische Vinothek wohl in erster Linie wegen des roten Sortiments ansteuern, sei abschließend noch auf einige bei Barolista vorrätige rote Gewächse hingewiesen, die sich durch ein besonders gutes Preis-Wert-Verhältnis auszeichnen. Da wäre zunächst einmal der 2014er Nebbiolo des Paradeweinguts Cavallotto zu erwähnen, in den aufgrund der Schwierigkeiten des Jahrgangs alle Spitzenlagen Eingang gefunden haben. So präsentiert sich ein überaus fein gezeichneter, cremiger Wein mit rotbeerigem Fruchtspiel und gleichsam tänzelnder Finesse (€ 26,90). Ebenfalls sehr zu empfehlen ist aus dem gleichen Jahr der Barbaresco von Castello di Verduno (€ 26,90), der pfeffrige Würze mit roter Beerenfrucht vereint und kühl und saftig über den Gaumen gleitet. Wer es etwas heftiger mag, dem sei der 2007er (!) Gattinara des Weinguts Vallana ans Herz gelegt (€ 23,90) – ein fest verwobener, rustikaler "Bergwein", der die Pikanz und Rasse des Alto Piemonte in herzhafter Weise wiedergibt. Übrigens runden spezielle Biersorten, ein wunderbarer Kaffee, die berühmten Haselnüsse des Piemont und um diese Jahreszeit naturgemäß auch Trüffel und Panettone das Angebot dieser kleinen, aber überaus feinen Enoteca ab.

Print-Artikel erschienen am 16. Dezember 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37




Schlagwörter

Weinjournal, Piemont, Wein, Weinlokal

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Dokument erstellt am 2016-12-16 13:03:10
Letzte ─nderung am 2016-12-17 14:15:42



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