• vom 31.03.2017, 00:00 Uhr

Wein

Update: 31.03.2017, 00:01 Uhr

Weinjournal

Die Austro-Magnum des Hermann Nitsch




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Von Johann Werfring

  • Im mondänen Ambiente der Beletage des Café Landtmann in der Wiener Innenstadt ging kürzlich die Präsentation des Nitsch-Dopplers über die Bühne.

Hermann Nitsch über den Inhalt seiner Doppler: "Dieses Getränk wird einen heiteren, frohen, gesunden Rausch auslösen." - © Johann Werfring

Hermann Nitsch über den Inhalt seiner Doppler: "Dieses Getränk wird einen heiteren, frohen, gesunden Rausch auslösen." © Johann Werfring

Michael Martin, der kein Kind von Traurigkeit ist und den Wein aus Nitschs Weingarten keltert, betreibt ein erfolgreiches Weinviertler Weingut in Neusiedl an der Zaya.

Michael Martin, der kein Kind von Traurigkeit ist und den Wein aus Nitschs Weingarten keltert, betreibt ein erfolgreiches Weinviertler Weingut in Neusiedl an der Zaya.© Johann Werfring Michael Martin, der kein Kind von Traurigkeit ist und den Wein aus Nitschs Weingarten keltert, betreibt ein erfolgreiches Weinviertler Weingut in Neusiedl an der Zaya.© Johann Werfring

Es ist schon zu einem Ritual geworden, dass der bekannte österreichische Aktionskünstler Hermann Nitsch alljährlich seinen aktuellen Doppler in Wien der Öffentlichkeit vorstellt. In einer launigen Rede erläuterte Nitsch, wie er zum Wein gekommen ist und welchen Stellenwert dieser in seinem Leben einnimmt.

Seine Verwandten mütterlicherseits stammen aus dem Weinviertler Ort Prinzendorf, weshalb er bereits als Student und junger Künstler immer wieder gemeinsam mit Freunden in diese Gegend Ausflüge unternahm und in die Weinkeller seiner Verwandten einkehrte. "Der Brünnerstraßler war ein guter Wein, aber leider gezuckert", erzählt Nitsch über die Qualität der Weinviertler Weine in den 1960er Jahren.

Information

Weingut Martinshof
2183 Neusiedl/Zaya, Hauptstraße 28
Tel. 0664/356 73 60

Gemeinsam mit seinem Freund, dem Künstler und nachmaligen Filmemacher Peter Kubelka, habe er damals versucht, die Weinbauern zu überreden, ein Fass mit ungezuckertem Wein zu keltern. Die anverwandten Weinbauern seien zunächst aber skeptisch gewesen. Allerdings haben sie sich schließlich doch darauf eingelassen, und siehe da: "Das Resultat überzeugte – meine Verwandten waren überrascht, sie gaben uns recht, ihnen schmeckte der Wein."

Die aktuelle Nitsch-Doppler-Serie.

Die aktuelle Nitsch-Doppler-Serie.© Martinshof Die aktuelle Nitsch-Doppler-Serie.© Martinshof

Im Jahr 1971 erwarb Nitsch von den Klosterneuburger Chorherren das Schloss Prinzendorf, wo er fortan wohnte und auf dessen Gelände er in weiterer Folge auch sein Orgien Mysterien Theater (in dem der Weingott Dionysos eine nicht unwesentliche Rolle spielt) etablierte. Nicht weit vom Schloss entfernt, im Gemeindegebiet von Bullendorf, erwarb Nitsch im Jahr 1982 einen Weingarten. Ein langjähriger Mitarbeiter von Nitsch erzeugte aus den in diesen Rieden geernteten Trauben nach den  Vorstellungen des Künstlers für diesen einen unverfälschten Bauernwein.

Nachdem sein langjähriger Kellermeister den Ruhestand angetreten hatte, übernahm im Jahr 2006 Nitschs Freund Michael Martin, der in Neusiedl an der Zaya ein erfolgreiches Weingut betreibt, die Agenda des Weinmachens für ihn. Martin, der in seinem Betrieb auf modernen Standard Weine erzeugt, keltert seither aus den vom Nitsch-Weingarten stammenden Trauben den gewünschten Bauernwein. Dieser darf nicht gezuckert und auch sonst nicht mit geschmacksverändernden Substanzen angereichert sein. Abgefüllt wird stets in der traditionellen 2-Liter-Flasche, in Österreich gemeinhin "Doppler" (scherzhaft auch "Austro-Magnum"), genannt. Nitsch legt auch Wert darauf, dass seine Doppler stets mit kurzen Naturkorken verschlossen sind, wie das früher immer der Fall gewesen ist.

Die Etiketten werden von Hermann Nitsch für seinen Doppler jedes Jahr neu gestaltet. Ein Teil der Weinernte wandert alljährlich in Nitschs Keller und ein weiterer Teil von einigen hundert Flaschen wird von Michael Martin als Limited Edition vermarktet. Der Preis für den Nitsch-Doppler beträgt seit Jahren unverändert 40 Euro. Das Etikett jeder einzelnen in den Verkauf gelangenden Flasche ist von Hermann Nitsch handsigniert. Wie sich die Gäste bei der Präsentation in der Belletage des Café Landtmann überzeugen konnten, ist das Tröpfchen aus dem 2016er Jahrgang leichtfüßig-süffig und verfügt über ein vitales Säurespiel. Es handelt sich um einen Gemischten Satz aus den Sorten Grüner Veltliner, Welschriesling, Müller Thurgau und der mittlerweile rar gewordenen Sorte Grauer Portugieser.

Anlässlich der Doppler-Präsentation gab es von Seiten Nitschs auch etliche Seitenhiebe auf Politik und Medien, deren in gewissen Bereichen zur Schau gestellte "Pseudomoral"  er geißelte. Alles in allem stand aber doch die kulinarische Seite im Vordergrund. Im Folgenden im Wortlaut der Abschluss von Nitschs Rede im Café Landtmann: "Jeder einzelne von uns soll seine eigenen Sinne gebrauchen und auf die Gegebenheiten direkt und lebendig durch eigene Gedanken reagieren, und dies jeden Augenblick. Als Getränk, der diesen gesunden Freiraum der Lebendigkeit verkörpert, soll unser naturreiner Wein angeboten werden. Eine Art Vakuum soll entstehen, in dem wir uns von der kranken pseudo-intellektuellen Welt befreien. Wir wollen uns im intensiven Sein wiedererkennen. Dieses Getränk wird einen heiteren, frohen, gesunden Rausch auslösen."

Print-Artikel erschienen am 31. März 2017
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37

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Dokument erstellt am 2017-03-29 15:48:19
Letzte ńnderung am 2017-03-31 00:01:21



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