• vom 07.07.2017, 00:00 Uhr

Wein

Update: 10.07.2017, 02:48 Uhr

Weinjournal

Riesling on the Rocks




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Von Johann Werfring

  • Der Besuch im Lesehof Stagård in Krems-Stein lässt Weinfreunde nicht nur wegen der Vielzahl an Lagenweinen, sondern auch wegen der unkonventionellen Methoden des schwedisch-stämmigen Weinmachers staunend zurück.

Die Weinbergslagen Grillenparz und Steiner Hund. - © Stagård

Die Weinbergslagen Grillenparz und Steiner Hund. © Stagård

Der Winzer Urban T. Stagård aus Stein an der Donau. 

Der Winzer Urban T. Stagård aus Stein an der Donau.
 
© Johann Werfring Der Winzer Urban T. Stagård aus Stein an der Donau.
 
© Johann Werfring

Die Geschichte des mitten im oberen, überaus pittoresken Teil der Steiner Altstadt gelegenen Weinguts ist alt. Bereits im Jahr 1786 hat die Familie den Hof übernommen und dortselbst ohne Unterbrechung Wein erzeugt. Noch älter ist freilich die Historie des Lesehofs, der eine Gründung des bayrischen Stiftes Tegernsee darstellt, dem er sozusagen als zweites Standbein neben dem bekannten Tegernseerhof in Unterloiben gedient hat. Dominique und Urban Stagård haben das Weingut im Jahr 2008 übernommen und seither Schritt für Schritt nicht wenig verändert.

Als bedeutendste Maßnahme ist der Umstieg auf biologische Wirtschaftsweise zu nennen. Zudem wurde die Rebfläche von ursprünglich vier auf gegenwärtig 17 Hektar ausgedehnt. Sehr wichtig ist Kellermeister Urban Stagård nicht nur die Bodengesundheit, sondern auch die Aufgabe, für den Bodentyp der jeweiligen Lage die richtige Rebsorte oder, besser gesagt, die richtige Selektion der Rebsorte und in der Folge die adäquate Ausbauweise zu finden. Dieser Einstellung entsprechend werden im Lesehof Stagård derzeit 13 (!) verschiedene Lagenweine erzeugt, davon ein Veltliner und zwölf Rieslinge – ein für die österreichische Weinszene, und vor allem für ein Weingut dieser "Größe" wohl einmaliges Unterfangen.

Information

Lesehof Stagård
3500 Krems/Stein, Hintere Fahrstraße 3
Tel. 0660/191 70 66



© Johann Werfring © Johann Werfring

Keine Überraschung ist, dass sich Urban Stagård auch in der Weinbereitung große Zurückhaltung auferlegt und die Weine in ihren wichtigsten Entwicklungsprozessen nur begleitet. So verzichtet er auf jegliche Aufzuckerung, Schönung, Aufsäuerung oder Enzymzusatz. Seit einigen Jahren wird auch die Spontanvergärung konsequent durchgezogen, nur die beiden Einstiegsweine urban.GV und urban.R werden noch mittels Reinzuchthefe vergoren. Ebenfalls ein Credo ist der biologische Säureabbau.

Nach und nach ist es den Stagårds gelungen, Anteile an allen wichtigen Steiner Weinrieden zu erwerben. Die Rieslinge profitieren etwa von so klingenden Riednamen wie Steiner Hund, Schreck, Pfaffenberg, Grillenparz und Kögl.

Was die Gebinde betrifft, setzen die Stagårds überwiegend auf Edelstahl. Neu im Portefeuille sind Gebinde aus Steinzeug, die wohl auch aus Preisgründen vorerst dem exklusiven Riesling Steinzeug in dem übrigens alle zwölf Lagen vertreten sind, vorbehalten bleiben. Ebenfalls eine Sonderstellung nehmen zwei andere Weine ein, nämlich der Riesling unter der Bezeichnung 501, der im 500-Liter-Fass aus Ybbstaler Eiche reifen darf, und der nach dem Stagård’schen Nachwuchs Zwillinge benannte Riesling, in dem am Anfang ganze Beeren – quasi in der Art einer kurzen interzellularen Vergärung – eingebracht werden. Komplettiert wird das Kleeblatt der vier "schrägen" Rieslinge ohne Lagenbezeichnung durch den Rock’n’Riesling, der sehr gekonnt in der Art einer deutschen Riesling-Auslese bereitet wurde.

Abgefüllt werden diese Gewächse übrigens allesamt erst, wenn Urban Stagård den Zeitpunkt für richtig erachtet, im Regelfall verbleiben sie bis zum Oktober des auf die Lese folgenden Jahres auf der Vollhefe. Wer also auf einen bestimmten Lagenwein setzt, sollte sich diesen Monat rot anstreichen. Alles in allem gehören die Stagård’schen Rieslinge wohl zum Spannendsten, das derzeit in den niederösterreichischen Anbaugebieten versucht wird.

Kostnotizen

2016 Grüner Veltliner Handwerk, 9,50 Euro
Rhabarber und Ringlotten in der Nase, auch etwas Kräuterwürze; einerseits fest und pikant, andererseits recht hefig und unverblümt, saftiger Schmelz, geradlinig und straff bei gewisser Länge.

2016 Riesling Handwerk, 11 Euro
Zartes Fruchtspiel nach Pfirsich und Mirabelle, traubig und erfrischend; kompakt und recht elegant bei schlanker Statur, durch den Säureabbau etwas weich im Abgang, doch sehr harmonisch.

2016 Riesling Steiner Schreck, 19,90 Euro
Bukett nach Grapefruit und dann nach roten Beeren, fein strukturiert und dicht; extraktreich, messerscharf definiert, gebündelt und staubtrocken, starke Terroir-Prägung, kraftvoll und ausdauernd – ein Meisterstück.

2016 Riesling Steiner Pfaffenberg, 19,90 Euro
Beginnt ziseliert und blumig, dann setzt sich der Weingartenpfirsich durch, puristische Art; kühle Note, von tänzerischer Feinheit bestimmt, überaus nuancenreich, viel Finesse, aber auch gehörige Dichte, derzeit der Eleganteste aus dem Riesling-Dutzend.

2016 Riesling Steiner Kögl, 19,90 Euro
Roter Pfirsich, aber auch Kirsche im Duftspiel, klassische Anmutung, kühle Eleganz sowie prickelnde Pikanz ausstrahlend; hochelegant, etwas Bergamotte und Darjeeling-Tee spielen mit, geschmeidig und großzügig, tolle Struktur und beste Anlagen.

2016 Riesling Steinzeug, 36 Euro
Nase nach Zedrat-Zitrone und Ringlotte, saftig und reichhaltig, traubige Fülle; fruchtsüß und harmonisch, die zwölf Lagen ergeben eine komplexe Komposition, viel Finesse und Ausdruckskraft, bleibt auch lange haften, zweifellos großes Potenzial.

2016 Rock’n’Riesling, 16 Euro
Gelber Pfirsich und Zuckermelone zum Start, zart rauchig unterlegt und erfrischend; lebhaft und rassig, feine Kräuterwürze, die prickelnde Frische hält bis zum stahligen Abgang an, ein idealer sommerlicher Aperitif für die Terrasse.

Print-Artikel erschienen am 7. Juli 2017
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 38–39

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-07 15:30:59
Letzte ─nderung am 2017-07-10 02:48:16



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