• vom 04.08.2017, 00:00 Uhr

Wein

Update: 06.08.2017, 16:33 Uhr

Weinjournal

Gedankenkrümel zum sommerlichen Spritzwein




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Von Johann Werfring

  • Über das hierzulande als G’spritzter respektive Spritzer bezeichnete Erfrischungsgetränk wurde in den vergangenen Jahren reichlich publiziert: G’scheites und Befremdliches.

Ein rustikaler Wein gehört in ein rustikales Glas. Die Zugabe von Zitronenspalten zum G’spritzten ist obsolet, weil das Getränk ohnedies bestens durch den Wein vitalisiert wird. - © Johann Werfring

Ein rustikaler Wein gehört in ein rustikales Glas. Die Zugabe von Zitronenspalten zum G’spritzten ist obsolet, weil das Getränk ohnedies bestens durch den Wein vitalisiert wird. © Johann Werfring

Es ist schon fast zu einem Ritual geworden, dass die österreichische Weinwirtschaft alljährlich zur Sommerzeit den G’spritzten bewirbt. Weil ja sonst das ganze Jahr über ohnedies meist nur die hochstehende Weinkultur propagiert wird, darf zumindest in der warmen Jahreszeit auch diese rustikale Weinspezialität ins Rampenlicht gerückt werden. Sprüche wie "Der G’spritzte hat immer Saison" wurden von den Marketingprofis ersonnen und in allerlei Medien übernommen. Kürzlich hat der oberste Weinvermarkter Österreichs, Willi Klinger, ein kunstsinniger Vinophiler durch und durch, sogar eine "Ode an den G’spritzten" verfasst, die mittlerweile auch schon im Internet zu finden ist.

Die Terminologie ist punkto G’spritzter etwas uneinheitlich. Als Synonym kam in den vergangenen Jahren immer mehr der Terminus "Spritzwein" in Mode, nachdem Wiens Bürgermeister Michael Häupl anlässlich der "Begießung" der Zusammenarbeit von Rot und Grün im November 2010 den nun schon legendären Sager "Man bringe den Spritzwein" von sich gegeben hatte. Erst kürzlich wurde ihm eine Art Einkaufstasche mit der Aufschrift "Man bringe den Spritzwein" übergeben. Häupl lachte recht herzlich darüber. Taschen mit dieser Aufschrift sind, ebenso wie solcherart beschriftete Leibchen, mittlerweile über Online-Shops zu beziehen. Im Jahr 2010 verriet Häupl dem Society-Magazin "Seitenblicke", dass er im Schnitt täglich vier G’spritzte trinke, was also eine jährliche Quantität von rund 365 Liter Spritzwein ergibt. Mithin hat der Wiener Bürgermeister, der sich bekanntlich auch bei allerlei Weinevents gerne anschauen lässt, zur Popularisierung des G’spritzten nicht wenig beigetragen. Die einschlägigen Sager Häupls zum G’spritzten respektive Spritzwein sind auf der Internetplattform YouTube vorhanden und wurden bislang zigtausende Male abgerufen.

In der Wiener Gastronomie habe ich mehrfach observiert, dass unter "G’spritzter" respektive "Spritzer" sowohl Weinmischungen mit Sodawasser als auch solche mit Mineralwasser angeboten werden. Beides ist gemäß der Weingesetz-Bezeichnungsverordnung erlaubt. In der Steiermark und im Burgenland unterscheidet man zwischen "Spritzer" und "Mischung". Während dort beim "Spritzer" der Wein mit Sodawasser vermählt wird, kommen bei einer "Mischung" Wein und Mineralwasser ins Glas.

In etlichen Medien war zuletzt zu lesen, dass es sich beim G’spritzten um einen "Longdrink" oder gar um einen "Austro-Longdrink" handle. Ich für meinen Teil verwehre mich gegen solche Benennungen. Beim Spritzer soll man ruhig altvaterisch bleiben. Auch die Neuerung, den G’spritzten in noble Gläser mit Stiel zu füllen oder gar Zitronenspalten hineinzuschmeißen, halte ich für bedenklich. Die Vitalisierung des Getränks erfolgt ohnedies durch den Wein, wozu also noch die Zitrusbeigabe? Ein altmodisches Henkelglas ist für dieses rustikale Getränk ganz einfach passender – mir jedenfalls schmeckt er daraus auch besser, und ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich in einem Wirtshaus einen Spritzer aus einem eleganten Glas trinken muss.

Interessant ist ein Blick in Standardwerke: Während der deutsche Duden bloß einen "Gspritzten" (ohne Apostroph) und einen "Gespritzten" anführt, findet sich in der mir vorliegenden 40. Auflage des Österreichischen Wörterbuchs neben dem Haupteintrag "Gspritzter" (umgangssprachlich), wo zudem die hochdeutsche Version "Gespritzter" angeführt ist, zumindest auch ein Hinweis auf "Gespritzter" unter dem Eintrag "Spritzer".

In der Internet-Enzyklopädie Wikipedia freilich sind der "G’spritzte" und der "Spritzer" bloß unter dem Lemma "Schorle" mit angeführt und nicht als eigener Artikel realisiert. Warum das so ist? Weil die Deutschen halt um etliche Millionen Leutchen mehr sind als die Österreicher, weshalb sie auch in der Wikipedia ihre Eigenheiten durchdrücken und jene ihrer östlichen Nachbarn nur ungern zulassen wollen. Das mag vielleicht mit ein Grund sein, weshalb sich mitunter grundlegende Missverständnisse einschleichen. So ist beim Wikipedia-Eintrag "Schorle" im Unterkapitel "Österreich" zu lesen: "Umgangssprachlich verwendet man die Ausdrücke Sommerspritzer (Sommergespritzter) für eine Mischung mit weniger Wein und Wintergespritzter für eine mit einem größeren Anteil Wein." (Abfrage am 28. Juli 2017). Nun, wenn wir Österreicher schon mit unserem Nationalgetränk untergeordnet im Eintrag "Schorle" schmachten müssen, dann sollte dort halt wenigstens nicht gar so ein "Topfen" vermerkt sein.

Zumindest das mit dem Sommerspritzer stimmt ja. Aber wo, bitte, hat man in Österreich schon je den Ausdruck "Wintergespritzter" gehört? Jedenfalls hat sich diese Wortneuschöpfung über die Wikipedia mittlerweile kontagiös im Internet weiterverbreitet, und sogar in gedruckten Büchern wurde neulich im Zusammenhang mit Österreich der "Wintergespritzte" ins Treffen geführt (weil ja auch so manche Buchautoren völlig gedankenlos abschreiben). Womöglich wird – solcherart angefeuert – in nicht ferner Zukunft der wikipedianische "Wintergespritzte" auch den austriakischen Sprachgebrauch beeinflussen. Zumindest international erhalten die Österreicher im gegenständlichen Kontext Schützenhilfe: Im Englischen heißt das Mischungsgetränk nicht "schorle", sondern "spritzer". Dementsprechend gibt es in der englischen Wikipedia einen eigenen Eintrag "Spritzer" (weil dort anscheinend nicht die Wikipedianer aus Deutschland den Ton angeben). Bemerkenswerterweise wird dort auch die Herleitung des englischen Wortes erklärt, und zwar mit der Übernahme von dem in Österreich üblichen Wort "Spritzer": "Spritzer is derived from the variant of the German language spoken in Austria, where the drink is very popular". (Abfrage am 28. Juli 2017). Auch wenn von den Engländern und Amerikanern bei der Aussprache der hierzulande gesprochene Zischlaut ("sch") unterschlagen wird, ist das doch ein wenig tröstlich.

Print-Artikel erschienen am 4. August 2017
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23

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Schlagwörter

Weinjournal, Wein, Sprache, Wikipedia

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-04 22:14:57
Letzte nderung am 2017-08-06 16:33:14



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