• vom 27.10.2017, 00:00 Uhr

Wein

Update: 03.11.2017, 21:01 Uhr

Weinjournal

Weinreise durch Südtirol




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  • Südtirol – Teil 1
  • Wenn es darum ginge, eine europäische Weinregion zu bestimmen, die in den letzten drei Jahrzehnten die größten Fortschritte gemacht hat, wäre wohl die nördlichste Weinprovinz Italiens eine der ersten Anwärterinnen auf diesen Titel.

Südtiroler Weinlandschaft wie aus dem Bilderbuch: die Gegend rund um St. Magdalena bei Bozen mit dem Rosengartenmassiv im Hintergrund. - © Florian Andergassen

Südtiroler Weinlandschaft wie aus dem Bilderbuch: die Gegend rund um St. Magdalena bei Bozen mit dem Rosengartenmassiv im Hintergrund. © Florian Andergassen

Die Gründe für die rasante Qualitätsoffensive sind vermutlich ebenso mannigfaltig wie die landschaftlichen Gegebenheiten des überaus pittoresken, kleinen Weinlandes. Blicken wir einmal kurz zurück: Anfang der Achtzigerjahre galt Südtirol vor allem als Produzent anonymer, billiger Massenware, die vornehmlich aus der anspruchslosen Vernatsch-Traube erzeugt wurde. Dünne Kalterer und St. Magdalener sowie der als Rosé ausgebaute Lagrein Kretzer überschwemmten die deutschsprachige Exportmärkte und führten zwangsläufig dazu, dass das Prestige Südtirols zu diesem Zeitpunkt an einem Tiefpunkt angelangt war.

Die Wende kam dann  Mitte der Achtzigerjahre – nach vielfacher Kritik aus dem In- und Ausland, etwa vom einheimischen "Weinrebell" Peter Dipoli, der sarkastisch verkündet hatte: "Wenn die Dolomiten den Horizont begrenzen, kann sich keine Weinkultur entwickeln". Angeführt wurde sie von Querdenkern wie Alois Lageder, Luis Raifer und Qualitätspionieren wie Franziskus Haas, womit beispielhaft jeweils ein Vertreter der großen Weingüter, der Genossenschaften und der kleinen Familienbetriebe genannt sei.

Die Gründe für das anfangs zaghafte, dann jedoch immer zügigere Aufwärtsstreben mögen persönlicher Ehrgeiz, der Blick über den Alpenrand hinaus und das Bestreben, für seine Produkte endlich eine vernünftige Wertschöpfung zu erreichen, gewesen sein. Wenn der angesehenste italienische Weinführer, Gambero Rosso, Jahr für Jahr die Weine Italiens beschreibt und bewertet, ist das kleine Weinland Südtirol stets jenes Gebiet, das, bezogen auf seine rund 5300 Hektar Rebfläche, die meisten Weine mit der Höchstnote von drei Gläsern stellen kann. Seit vielen Jahren ist der Ruf der Südtiroler Weißweine so gut, dass diese Region gemeinsam mit Friaul-Julisch Venetien die mit Abstand begehrtesten Weißweine Italiens hervorbringt – kein Wunder also, dass die "Ausfuhr nach Inneritalien" wohl größte Bedeutung erlangt hat. Aber auch "echte" Rotweine haben ihren Marktanteil erobert, wobei eine starke Hinwendung zur früher unterschätzten, autochthonen Rebsorte Lagrein zu bemerken ist.

Südtirol, wo nach Traubenkernfunden offenbar schon in der Eisenzeit Weinbau betrieben wurde, profitiert zweifellos von günstigen klimatischen und geologischen Voraussetzungen. So bildet die Alpenkette eine Art Schutzwall gegenüber dem Norden, und auch die Sonnenstundendauer ist erstaunlich hoch. Viele Böden sind stark kalkhaltig, was sie für zahlreiche Rebsorten besonders geeignet erscheinen lässt. Es gibt naturgemäß auch geologische Besonderheiten, etwa Moränenschotter im Grieser Becken. Eine Ausnahmestellung nimmt auch das malerische Eisacktal insofern ein, als dort kristalline Strukturen mit Glimmer und Quarz überwiegen.

Die Appellationen Südtirols, die 85 Prozent seiner Weine führen, sind zahlreich und für die qualitative Einstufung der Weine kaum hilfreich. Leichter fällt da schon die Unterscheidung der Gebiete: Da wäre einmal das Eisacktal, in dem sich die wohl steilsten Weinberge befinden, die überaus rassige, elegante Weißweine gewährleisten. Hier werden über die dominante Burgunderfamilie hinaus auch "Raritäten" wie Grüner Veltliner, Sylvaner, Müller-Thurgau, Riesling und Kerner mit Erfolg gehegt und gepflegt. Als kleines Seitental ist das winzige Weinbaugebiet Vinschgau eine Erwähnung wert. Eine Herkunft für tolle Weißweine ist das mittlere Etschtal, das sich zwischen Bozen und Meran erstreckt und in den Südlagen von Terlan, Nals und Andrian höchst anspruchsvolle Chardonnays, Weißburgunder und Sauvignons ermöglicht. Das bedeutendste Weinbauzentrum Südtirols ist allerdings das Überetsch, wo sich etwa die berühmten Weinorte Kaltern und Eppan befinden und Spitzenweine aus allen in Südtirol beheimateten Rebsorten gekeltert werden. Der größte Weinbaubereich, nämlich das zwischen Neumarkt und Margreid gelegene Unterland, bietet unter anderem hervorragende Bedingungen für Pinot Noir, Cabernet und Chardonnay, aber auch Traminer.

Mittlerweile werden mehr als 60 Prozent weiße Rebsorten angepflanzt: Die wichtigsten sind zweifellos Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay sowie Traminer und Sauvignon Blanc. Ab und zu wird man auch bei Goldmuskateller und Rosenmuskateller, der für hohe Prädikatsweine reserviert ist, fündig. Im roten Bereich dominiert der Lagrein vor Blauburgunder, Cabernet und Merlot. Wenn man freilich den Vernatsch dazuzählt, dessen Anbaufläche weiter abnimmt, so hält dieser immer noch die Spitzenposition.

Von jeher haben in Südtirol die Genossenschaftskellereien eine gewisse Dominanz ausgeübt, auf die nahezu drei Viertel der gesamten Weinmenge entfallen. Dazu muss angemerkt werden, dass die wichtigsten Genossenschaften schon sehr früh auf hohe Qualität gesetzt und die Traubenpreise für ihre Mitglieder demnach streng nach dem Menge-Güte-Gesetz und Gesundheitszustand des Traubengutes ausgerichtet haben. In der Reihenfolge kommen dann die großen Südtiroler Weingüter, während auf die "Freien Weinbauern Südtirol", die auf Traubenzukauf prinzipiell verzichten, nur rund fünf Prozent der Erntemenge entfallen. Dazu ist zu ergänzen, dass eben diese kleinen Weinbauern im Spitzenfeld jedoch überdurchschnittlich vertreten sind.

In der kommenden Woche wird im zweiten Teil unserer Südtirol-Tour eine Auswahl jener Produzenten vorgestellt werden, die für den rasanten Aufschwung verantwortlich sind.


Print-Artikel erschienen am 27. Oktober 2017
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37




Schlagwörter

Weinjournal, Wein, Südtirol

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-28 05:01:31
Letzte nderung am 2017-11-03 21:01:07



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