Von Depressionen und Verfolgungswahn gequält, unfähig sein künstlerisches Niveau zu halten, erschoss sich vor 50 Jahren, am 2. Juli 1961, der amerikanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway in seinem Haus in Ketchum. Es war das Ende eines Leidensweges, der in der Kindheit begann, ihn auf den Gipfel seiner künstlerischen Schaffenskraft führte und am Ende dessen beraubte, was sein Leben ausmachte: das Schreiben.
Inszeniertes Leben
Seit seinem Tod treibt der Hemingway-Kult prächtige Blüten. Experten und Freunde - selbsternannte wie wirkliche - verfassten Biographien, die sich zumeist dadurch auszeichnen, dass einer die Fehler des anderen übernommen hat. Die Liste der Weggefährten ist lang und reicht von Jeffrey Meyers, Carlos Baker, von dem Vertrauten und Leibarzt Hemingways, Dr. Roberto Herrera Sotolongo, Norberto Fuentes, Anthony Burgess über Gertrude Stein bis hin zur spanischen Hemingway-Autorität, Jose Luis Castillo-Puche. Sie alle treiben im Kielwasser des Titanen unter den Biographen, Carlos Baker, der das Leben Hemingways facettenreich dokumentiert hat - allerdings mit gravierenden Fehlern. Erst Kenneth S. Lynn wischte mit seinem 800-Seiten-Werk "Hemingway - Eine Biographie" (1992) viele Mythen vom Tisch, die der Meister der Short-Story dort akribisch angehäuft hatte. Was bleibt, ist das Bild eines kranken Mannes, den von Kindheit an Todesängste quälten.

Das würdigste Geschenk zum Todestag dieses herausragenden Autors ist, ihn von seinem klebrigen Mythos zu befreien. Hemingway hat sein Leben inszeniert. Er war der Papa, der Übermacho, der damit protzte, dass er potenzhemmende Mittel nehmen müsse. So schrieb er anlässlich seines 50. Geburtstags 1949 an den Verleger Charles Scribner, dass er zur Feier des Tages "dreimal gebumst", sechs "sehr schnelle Tauben" im Klub geschossen und mit Freunden eine "Kiste Piper Heidsick Brut" geköpft habe. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein Mann, der den Kult um seine Person auf subtilste Weise inszenierte, um die dunklen Seelenschatten zu verbergen. So ist immer von Hemingways Italien-Erlebnissen während des Ersten Weltkrieges als der Initialzündung für das schriftstellerische Wirken die Rede. Doch weit gefehlt. Hemingways Rolle in Fossalta di Piave an der Dolomitenfront hatte theaterreife Züge und war der Auftakt zu dem Stück "Hemingway, die tragische Figur".
Der Soldaten-Mythos
Der Autor sah sich gern als Soldat. Doch er war nie einer. Auf Grund eines Sehfehlers und der Intervention seiner Eltern konnte er sich nicht von den regulären US-Streitkräften einziehen lassen. Hemingway rückte 1918 als Rot-Kreuz-Helfer ein, der die reguläre Offiziersuniform der US-Army tragen durfte - nicht mehr. Seine Aufgabe bestand darin, Schokolade und andere Bedarfsgegenstände zur Truppe zu bringen.
Aus solchen Botengängen erwachsen keine Helden. Das wusste Hemingway- und tat etwas dagegen. Am 8. Juli 1918 kam es zu jenem Zwischenfall, den der junge Kriegsteilnehmer schamlos ausschlachtete. Er wurde von einer Maschinengewehrsalve getroffen. Mit großem Heldenmut rettete er noch einen verwundeten Kameraden, bevor er ins Lazarett gebracht wurde. So zumindest stand es in dem Schreiben zur silbernen Tapferkeitsmedaille, die er von der italienischen Regierung überreicht bekam.
"Schwer verwundet" - das waren die Worte, aus denen sich Heldentaten schmieden ließen. Kenneth S. Lynn wies dem Verletzten nach, dass er sich fast mehr Maschinengewehrgeschosse ins Bein gedichtet hat, als an der Front verschossen worden waren. Damit nicht genug. Seinem Freund Ted Brumback tischte Hemingway eine Geschichte auf, die regelrecht in Blut schwamm. Derart gewürzt, entwickelten die Kriegserlebnisse eine Eigendynamik, die sie zur saftigen Veteranen-Anekdote macht, denn Brumback glorifizierte die Taten seines Freundes und dichtete ihm gleich noch ein paar Geschosse mehr ins Bein. Mehr als 200 Stück sollen es gewesen sein.
Wie ein Fabelwesen
Was dann in Amerika als Bericht über den tapferen "Hem" ankam, war ein Heldenepos. Entsprechend wurde der Kriegsheld in der Heimat erwartet, und er erfüllte die Erwartungen. Gehüllt in einen maßgeschneiderten Umhang, gekleidet in eine schöne Uniform und gestützt auf einen Stock, verließ der Held die "Giuseppe Verdi" in Manhattan. Er wirkte wie ein Fabelwesen aus einer anderen Welt und badete in der allgemeinen Aufmerksamkeit.
Nicht die Geschosse im Bein waren der Anlass für das Schreiben, sondern der Laufpass, den ihm die amerikanische Krankenschwester Agnes von Kurowsky in Italien gegeben hatte. Sie hatte den Verwundeten im Spital betreut - und ihm darüber hinaus wohl auch noch ein wenig mehr Freude bereitet. Doch als Hemingway sie heiraten wollte, wandte sie sich einem adeligen italienischen Offizier zu und entließ den Kriegshelden in die eintönige US-Heimat. Das war zu viel für den Schlachtgestählten, in welchem der Hass aufloderte. Sein Werk "A Farewell To Arms" ("In einem andern Land", 1929) ist denn auch die schonungslose Abrechnung mit der Ex-Geliebten.
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