• vom 08.07.2011, 14:00 Uhr

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Update: 08.07.2011, 15:03 Uhr
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Mit einem informativen Registerband und einer Hör-Edition wird die Ausgabe der Werke von Heiner Müller abgeschlossen. So bleibt der deutsche "Klassiker wider Willen" vorbildlich präsent.

Rituelles Räuspern


Von Uwe Schütte

Viele Dokumente dieses eminent politischen Autors sind gesichert: Heiner Müller (1929-1995).

Viele Dokumente dieses eminent politischen Autors sind gesichert: Heiner Müller (1929-1995).Foto: epa Viele Dokumente dieses eminent politischen Autors sind gesichert: Heiner Müller (1929-1995).Foto: epa

Klassiker zu Lebzeiten: Das wären sicher viele Schriftsteller gerne. Und wenn schon nicht zu Lebzeiten, dann zumindest posthum. Beliebtes Mittel dazu, sich den ultimativen Status zu sichern, ist die Werkausgabe bereits zu Lebzeiten. Günter Grass und Martin Walser fallen einem dazu ein - zwei Autoren, die sich vermutlich für Klassiker halten, ohne es aber vielleicht je zu werden. Wenngleich man sich täuschen kann, naturgemäß. Oder nehmen wir zwei Österreicher: Thomas Bernhard war tatsächlich ein Klassiker zu Lebzeiten, bei Peter Handke hingegen stehen die Chancen weniger gut.

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Heiner Müller, um den es hier gehen soll, hat sich zu seinen Lebzeiten kaum als Klassiker verstanden. Ihm war schon suspekt, ein Großschriftsteller zu sein - aus ästhetischen wie politischen Gründen. Dennoch ist er ein Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden. Seine Werkausgabe zu Lebzeiten, ab 1974 im Westberliner Rotbuchverlag erschienen, war freilich ein selbst zusammengestelltes "Best-of" seiner Texte. Orientiert an den Arbeitsheften seines Vorbilds Brecht, besaßen die sieben Bände einen eher provisorischen, offenen Charakter, indem sie nach groben thematischen Schwerpunkten sortiert waren und Texte aus unterschiedlichsten Genres entgegen jeder chronologischen Ordnung versammelten.

Begrabene Utopie
1995 ist Müller - viel zu früh - gestorben. Seine Passion für Alkohol und Zigarren war wesentlich verantwortlich dafür, wohl auch aber sein "Ekel am Hier und Jetzt" eines wiedervereinigten Deutschland, in dem die Utopie eines demokratischen Sozialismus, die schon von der DDR schnell verraten worden war, nun endgültig begraben wurde.

Ab 1998 begann die Herausgabe von Müllers Werkausgabe im Suhrkamp Verlag unter der Leitung von Frank Hörnigk, einem mit Müller befreundeten DDR-Germanisten. An dieser strikt nach Genres eingeteilten Ausgabe hat es verschiedentlich Kritik gegeben, die nicht ganz unberechtigt ist, aber auch nicht immer die immensen Schwierigkeiten in Betracht zog, die eine Edition des Müllerschen uvres bedeutet. Schwierigkeiten, die dem Herausgeber und seinem Team selbst nur allzu bewusst waren.

Nun wird die Werkausgabe mit einem Werkregister abgeschlossen, das einen dringend benötigen Wegweiser liefert, um sich durch das Dickicht der Texte Müllers zu bewegen. Das Buch enthält alles, was man von einem solchen Registerband erwarten kann: Indizes zu den Titeln von Müllers Werken, sowie zu den darin erwähnten Personen und Institutionen.

Eine enorme Hilfe stellt das Register insbesondere deshalb dar, weil Müller auch ein begnadeter Interviewkünstler war, der Gespräche durch überraschende Pointen oder "höheren Blödsinn" zu einer eigenen Kunstform stilisierte. Nach dem Zusammenbruch der DDR begann seine schriftstellerische Krise, die weniger eine Schreibblockade war, wie öfters behauptet wurde, als vielmehr ein Unwillen, sich mit den Gegebenheiten im "Neuen Deutschland" literarisch auseinanderzusetzen. Statt an den Schreibtisch setzte sich Müller nun in Talkshows oder ließ sich von einem kongenialen Gesprächspartner wie Alexander Kluge befragen. Am Ende der Werkausgabe stehen daher drei voluminöse Interview-Bände mit über 2800 Seiten, die - rein quantitativ betrachtet - das dramatische Werk übertreffen und dank der verschiedenen Indizes nun schnell erschlossen werden können.

Eine immense Hilfe für alle, die sich mit Müller beschäftigen wollen, repräsentiert aber vor allem die umfangreiche Chronologie am Ende des Bandes. Sie ermöglicht es, die Werkgeschichte auf übersichtliche Weise nachzuvollziehen - angeordnet in eigenen Spalten für Lyrik, Prosa, Drama und Interview. Der chronologische Faden, an dem entlang die Entstehung des Werkes verfolgt werden kann, enthält neben den Daten aus Müllers Biografie ebenso Hinweise auf politische und kulturelle Ereignisse, wodurch die Texte im politischen Umfeld ihrer Zeit verortet werden können.

Heiner Müller war ein eminent politischer Schriftsteller. Dies aber nicht im Sinne eines Engagements für eine bestimmte Partei, wie dies etwa Günter Grass betreibt. Mit Parteien wollte Müller nichts zu tun haben - und diese nicht mit ihm, auch nicht die DDR-Staatspartei SED. Wofür Müller eintrat, war kein Parteiprogramm, sondern eine Idee, die man behelfsweise als "Kommunismus" bezeichnen könnte. Müller selbst sprach lieber von "Chancengleichheit", wenn er die Utopie beschreiben wollte, für die er sich mit seinen Texten einsetzte, und die er als eine literarische "Arbeit an der Differenz" verstand, für eine andere, bessere Ordnung der Dinge.

Ein eminent politischer Autor war Heiner Müller vor allem deshalb, weil für ihn das Politische in der Form, und nicht im Inhalt begründet lag. Seine Stücke ließen daher zunehmend die Konventionen der Bühne hinter sich, um zu einer neuen Sprache zu finden, in der sich Zeit und Raum, Dialog und Rollenidentität auflösten, um zu einem "postdramatischen" Theater körperloser Stimmen zu werden. Er schrieb einzigartige Texte wie "Bildbeschreibung" oder "Verkommenes Ufer Medea-material Landschaft mit Argonauten", in denen dramatische, lyrische und epische Sprechweisen ineinander fallen. Texte, die im Sinne von Ernst Bloch einen Vorschein dessen, was die Zukunft bereithalten könnte, bereits im Hier und Jetzt erfahrbar machen, und damit die Hoffnung einschließen, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist.




Schlagwörter

Heiner Müller, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-07-07 20:06:10
Letzte Änderung am 2011-07-08 15:03:55


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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