
"Weshalb werden junge Mädchen in die Gesellschaft eingeführt? Doch nur, weil sie nach dem heiligen Stand der Ehe streben. Was führt sie herdenweise in die Badeorte? Was lässt sie eine endlose lange Saison hindurch bis morgens um fünf auf dem Parkett aushalten? Warum quälen sie sich mit Klaviersonaten ab? Warum spielen sie Harfe, wenn sie schöne Arme und reizende Ellbogen haben? Doch nur, um mit solchen tödlichen Waffen irgendeinen passenden jungen Mann zur Strecke zu bringen."
Ohne Zweifel: Das sind Nachrichten aus einer vergangenen Zeit. Junge Mädchen von heute haben längst aufgehört, sich durch Heirat bei Männern in Sicherheit bringen zu wollen. Sie haben ihre Selbständigkeit vor Augen und ihre Ausbildung im Sinn, ihre Karriere, aber auch die ganze Aufmachung ihrer äußeren Erscheinung. Heirat kann später kommen. Gleichwohl schmelzen auch sie beim Anblick der Märchenfeste königlicher oder fürstlicher Hochzeiten dahin, und nicht nur bei diesen.
Anachronismen in Sitten und Kostümen spielen keine Rolle, wenn ein Erzähler von hohem Rang am Werk ist. Wer die Buchdeckel von "Jahrmarkt der Eitelkeit" öffnet, diesem köstlich-ironischen Hauptwerk des englischen Romanciers William Makepeace Thackeray, begibt sich in eine Welt, die noch das England um 1815 atmet. Dennoch ist der Leser hier so wenig weit weg von zeitgemäßer Menschenkunde wie in jedem großen Werk der Weltliteratur.
Lieben und sich herablassen, geliebt zu werden
"Ein zynischer Franzose hat einmal gesagt, dass zu einem Liebesverhältnis zwei Personen gehören: eine, die liebt, und eine, die sich herablässt, geliebt zu werden. Die Liebe wohnt zuweilen auf Seiten des Mannes und manchmal bei der Frau." Diese Sentenz aus dem "Jahrmarkt der Eitelkeit" bildet gewissermaßen die Grundskizze zu Thackerays breitflächigem Romantableau. Entlang den Lebenswegen von zwei jungen Frauen, die in Charakter und Verhalten unterschiedlicher nicht sein könnten, zeigt der Autor die Doppelbödigkeit von Liebessehnsucht und Heiratsplänen, sobald sie in einer Gesellschaft verwirklicht werden, die maßgeblich von Skrupellosigkeit, Geldgier, Vermögens- und Standesdünkel beherrscht wird. Und er stellt die Lüge bloß, die unter solchen Verhältnissen die Gefühle wohlmeinender Menschen unwillkürlich vergiften kann.
Wohlmeinend durchläuft denn auch die ebenso naive wie sentimentale Amelia Sedley ihr Romanschicksal. Als gefühlvolles Wesen hält die Tochter eines reichen Börsenmaklers unbeirrt an ihrer Jugendliebe fest: an dem etwas leichtsinnigen Frauenhelden George Osborne. Nachdem ihr Vater sein Vermögen durch Fehlspekulationen verloren hat (er hatte gegen Napoleons Rückkehr aus Elba gesetzt), ist sie plötzlich keine gute Partie mehr. George heiratet sie trotzdem - und fällt als Offizier in der Schlacht bei Waterloo. Die gutmütige, duldsame Amelia bleibt als Witwe zurück. Erst nach Jahrzehnten heiratet sie jenen Mann, der sie stets selbstlos liebend geschützt hat.
Ganz anders ihre Jugendfreundin Rebecca Sharp: Sie ist wild entschlossen, ihr Schicksal eigenmächtig herauszufordern. Die mittellos geborene Frau sieht sich am sozialen Aufstieg gehindert und räumt ebenso gewieft wie skrupellos alle Hindernisse aus dem Weg, um Einlass in die oberen Ränge der Gesellschaft zu erlangen. Heirat ist für sie ein einfallsreich kalkuliertes Geschäft, und so testet sie etappenweise ihren Marktwert, ehe sie mit dem Hochstapler Rawdon Crawley gemeinsame Sache macht, bis sie auch ihn fallen lässt.
Geld als Götze
dieser Gesellschaft
Rebecca ist ein gemischter Charakter: faszinierend in ihrer Schönheit und Selbstsicherheit, abstoßend in ihrer Kälte und heimtückischen Raffinesse. Thackerays Erzählkunst erreicht, dass wir uns als Leser nicht dagegen wehren können, ihrem Elan zu erliegen und ihre gezielt eingesetzte Intelligenz zu bewundern.
Als Rebecca auf der Karriereleiter schon ganz schön weit oben ist, meint sie: "Ich wünschte, ich könnte meine gesellschaftliche Stellung und all meine Verwandten gegen eine hübsche Summe in dreiprozentigen Staatspapieren eintauschen!" Ein Schlüsselsatz für Thackerays schonungslose Zeitkritik: Geld ist der Götze dieser Gesellschaft. Börsenspekulationen, Erbschleicherei, Mitgiftjagd, Leben auf Pump beherrschen das Handeln der Menschen: "Jeder, der auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit Bescheid weiß, wird schon bemerkt haben, wie gut jene leben, die bis in den Hals in Schulden stecken, wie sie sich nichts versagen, wie lustig und unbekümmert sie sind." Ein Satiriker ist ein rebellisch gewordener Idealist: Er rebelliert gegen die Zurichtung seiner Ideale durch eine schnöde, ungeschlachte Wirklichkeit. Im Roman bezeichnet sich der Erzähler selbst "als Beobachter der menschlichen Natur".
Mit subtilen Ironiespitzen macht sich der Autor über die Mehrzahl seiner Figuren lustig. Über ihre gesellschaftlichen Umtriebe berichtet er gewissermaßen mit hochgezogener Augenbraue. Es ist eine erbarmungslose Bloßstellungskunst, die den Realismus seines Zeitgenossen Dickens an Schärfe noch übertrifft. Über den alten Spekulanten Sedley, den der Börsenkrach von 1815 in den Ruin trieb, schreibt er: "Unternehmungen waren schiefgegangen, Geschäftsleute waren zusammengebrochen, Staatspapiere waren gestiegen, wenn er darauf rechnete, dass sie fallen würden. Was braucht es da noch Einzelheiten?"
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