• vom 22.07.2011, 15:00 Uhr

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Über das "Tuzzi-Prinzip" und die "Verösterreicherung der Welt" - oder wie Robert Musil und Jörg Mauthe einen literarischen Weg wiesen, wie mit Krisen und Zeitenwenden dienstpragmatisch umzugehen ist.

Versuchsstation für Weltanfänge


Von Andreas Schindl

"Die Verösterreicherung beginnt also (und endet) mit der plötzlichen und beglückenden Erkenntnis, dass nichts mehr wichtig oder vielmehr: dass alles gleich wichtig oder unwichtig ist" (aus dem Roman "Die große Hitze" von Jörg Mauthe, Edition Atelier, Wien 2011). - © www.bilderbox.com

"Die Verösterreicherung beginnt also (und endet) mit der plötzlichen und beglückenden Erkenntnis, dass nichts mehr wichtig oder vielmehr: dass alles gleich wichtig oder unwichtig ist" (aus dem Roman "Die große Hitze" von Jörg Mauthe, Edition Atelier, Wien 2011). © www.bilderbox.com

Um es gleich vorweg auf den Punkt zu bringen: Wir stehen vor einer Zeitenwende. Denn die Zeichen der Krise, der großen Hitze oder wahlweise der großen Kälte verdichten sich. Und es droht die Gefahr, dass diese Wende nicht friktionsfrei ablaufen könnte. Denn immer dann und dort, wo das ungesunde Extreme die gesunde Balance verdrängt, folgen Umwälzung, Umsturz oder Untergang. In einer Zeit, in der es gilt, extrem (erfolg)-reich oder, wenn das nicht klappt, zumindest extrem (ehr)-geizig zu sein, scheinen jene, die eine Besinnung auf die Mitte propagieren, hoffnungslos altmodisch. Doch genau dieses Wiederfinden der (eigenen) Mitte könnte den Weg aus der Krise bedeuten.

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Neue Aufklärung
Der Freizeitforscher und Präsident der Mittelstandsvereinigung Österreichs Peter Zellmann hat vergangenes Jahr davon gesprochen, dass wir angesichts der aktuellen Zeitenwende eine neue Aufklärung brauchen. Eine ähnliche Meinung äußerte kürzlich auch der deutsche Autor und Philosoph Richard David Precht in einem Artikel, als er eine dritte Aufklärung forderte. Bereits in den 1970er Jahren vertrat der österreichische Schriftsteller und Politiker Jörg Mauthe die Ansicht, dass eine solche Form der Aufklärung in der Anwendung typisch österreichischer Eigenschaften (er nannte es die "Verösterreicherung") bestehen könnte. Oder anders gesagt: in der Realisierung dessen, was der Legationsrat erster Klasse Dr. Tuzzi verkörpert.

Nicht nur am österreichischen Wesen soll die Welt genesen: Außenminister Michael Spindelegger überreicht dem Staatspräsidenten von Uganda, Yoweni Museveni, eine Sachertorte . . .

Nicht nur am österreichischen Wesen soll die Welt genesen: Außenminister Michael Spindelegger überreicht dem Staatspräsidenten von Uganda, Yoweni Museveni, eine Sachertorte . . .© APA/HOPI MEDIA/HOLZNER Nicht nur am österreichischen Wesen soll die Welt genesen: Außenminister Michael Spindelegger überreicht dem Staatspräsidenten von Uganda, Yoweni Museveni, eine Sachertorte . . .© APA/HOPI MEDIA/HOLZNER

Wer ist Tuzzi? - Die Tuzzis stammten ursprünglich aus Norditalien, dem Veneto vermutlich, waren aber "schon seit vier oder fünf Generationen keine Italiener mehr und hatten sich wahrscheinlich ungeachtet ihres Namens, ihrer Sprache und Herkunft schon vorher niemals als solche betrachtet, sondern als Österreicher, als Leute des Kaisers, wenn man es genauer sagen will oder, um es abstrakter und noch genauer zu sagen, als Menschen, die sich einem höheren Prinzip zu- und untergeordnet fühlten . . . " (Jörg Mauthe, "Die große Hitze").

Der erste Tuzzi, der für die Geschicke Österreichs Bedeutung erlangte, war jener Sektionschef des Außenministeriums namens Dr. Hans Tuzzi, in dessen Salon anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Thronbesteigung von Kaiser Franz Joseph die vielzitierte "Parallelaktion" geplant wurde, der aber aus bekannten historischen Gründen die Verwirklichung versagt geblieben ist. Robert Musil hat ihn in seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" vor allem als äußerst geschickten Diplomaten beschrieben. Der Sektionschef machte auch beträchtliche Mittel zur logistischen Unterstützung der Parallelaktion locker "woraus sich schließen lässt, dass er darauf aus war, sich neuer, geistiger diplomatischer Methoden zu bedienen" (Robert Musil, "Der Mann ohne Eigenschaften").



Tuzzis Aussage: "Natürlich ist es komplizierter", beweist, dass er die Quintessenz dessen, was Österreich ausmacht, destilliert hat, und rückt darüber hinaus den fast gleichlautenden Satz von Fred Sinowatz, für den er immer wieder kritisiert wurde, in ein völlig anderes Licht.

Die bei der Planung der Parallelaktion auftretenden Spannungen werden von Tuzzi in bewährter Weise dissimuliert, und schließlich werden sowohl die Abhaltung einer Friedenskonferenz als auch die Aufrüstung der Artillerie zum Ziel des Unternehmens erklärt. Wie kaum ein anderer vermag der Sektionschef die Vereinbarkeit der Gegensätze zu bewirken. Musils Titelfigur Ulrich meint dazu treffend, dass "sich Tuzzi nie so eindeutig ausdrücke". Er ist damit ein Paradebeispiel für jene Österreicher, die intuitiv (oder in seinem Fall wohl eher intellektuell) erkannt haben, dass das Maß aller Dinge die Mitte ist.



Die gesunde Mitte
Damit soll keineswegs der hier zu oft gehuldigten nach unten nivellierenden Mittelmäßigkeit das Wort geredet werden. Vielmehr ist das Thomistische Maß, die Erhöhung im Ausgleich, der durch die Überwindung von Gegensätzen zustande kommt, gemeint. Aus heutiger Sicht entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Musil ausgerechnet den Bankdirektor (!) Leo Fischel darüber sagen lässt: "Die Wahrheit liegt nämlich immer in der Mitte, und das vergessen heute alle, wo man nur extrem ist". Peter Zellmann hat übrigens diese gesunde Mitte, diese Vereinbarkeit des scheinbar Unvereinbaren, kürzlich in einem Vortrag als Ganzheitlichkeit oder als das "Sowohl als auch" bezeichnet. Interessanterweise verwendet Jörg Mauthe in seinem Buch "Der Weltuntergang zu Wien" exakt diese drei Worte als Definition des Liberalen!

Mauthe, der die Geschichte des Neffen des Musilschen Tuzzi aufgezeichnet hat, weiß von ihm, der auch eine Laufbahn als Beamter im Außenministerium eingeschlagen hatte, zu berichten, dass bei ihm "das Humane mit dem Beamtenhaften [. . .] eine höhere Einheit eingegangen ist", und dass er bei der Erfüllung seines Auftrages zur Rettung der Republik bereit war. "bis zum äußersten des eben noch Möglichen" (Mauthe, "Die große Hitze") zu gehen. Sein Vater, General in der k. u. k. Armee und Träger des Maria-Theresien-Ordens, war früh gestorben und seine Mutter in den Gefängnissen der Gestapo umgekommen. Daher hatte der schon bei Musil erwähnte Onkel die Erziehung des jungen Tuzzi übernommen.




Schlagwörter

Extra, Literatur, Österreich

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-07-21 19:02:16
Letzte Änderung am 2011-07-22 11:41:08


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