• vom 29.07.2011, 14:55 Uhr

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Update: 29.07.2011, 15:05 Uhr
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Zwei deutsche Autoren haben Antoine de Saint-Exupérys Verschwinden neu untersucht. Trotz all ihrer Akribie überwiegt am Ende aber auch hier die Spekulation.

Der Mythos des letzten Flugs


Von Thomas Karny

Antoine de Saint-Exupéry.

Antoine de Saint-Exupéry.© EPA Antoine de Saint-Exupéry.© EPA

Eigentlich schien das Rätsel um Antoine de Saint-Exupérys letzten Flug gelöst. Im Frühjahr 2008 teilte der deutsche Fliegerveteran Horst Rippert, Bruderdes Sängers Ivan Rebroff, ehemaliger ZDF-Mitarbeiter und nunmehr 86 Jahre alt, einer erstaunten Öffentlichkeit mit, dass er es war, der den prominenten französischen Literaten und Flieger am 31. Juli 1944 vor Marseille abgeschossen hat. Der ehemalige Messerschmitt-Pilot verblüffte mit derart detaillierten Kenntnissen, dass die Authentizität des Geschilderten zunächst außer Frage stand. Der Blätterwald raschelte, das Fernsehen zeigte atemberaubende Dokumentationen, Ripperts Enthüllung war eine Sensation.

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Bald aber regten sich Zweifel an seiner Darstellung. Vor allem seine Angaben zu Höhe, Einsatzhafen und Abschussort, so führten Kritiker ins Treffen, seien widersprüchlich. Und noch lebende Fliegerkameraden zeigten sich irritiert: "Weiß Gott, was Rippert jetzt nach 64 Jahren zu dieser Aussage veranlasst hat!"

Nun haben zwei deutsche Autoren versucht, Licht in das geheimnisvolle Verschwinden von Saint-Exupéry zu bringen und ihre Recherchen in ihrem Buch "Operation Noyade" zusammengefasst. Hermann Laage (geb. 1950), ehemaliger Lehrer und Beamter des Landes Baden-Württemberg, und Norbert Roedel (geb. 1956), langjähriger Mitarbeiter der deutschen Bundesluftwaffe, arbeiten bis heute an der Auffindung und Bergung von gefallenen amerikanischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Darüber hinaus eint sie seit 30 Jahren das Bemühen, Licht in das Schicksal des französischen Literaten zu bringen. Der Untertitel ihres Buches gibt die argumentative Stoßrichtung vor: "Der letzte Flug von Antoine de Saint-Exupéry in den Vercors".

Die Republik Vercors
Der Vercors, ein mächtiger Gebirgsstock in den französischen Alpen südwestlich von Grenoble, ist äußerst schwer zugänglich. Das machte ihn während des Zweiten Weltkriegs zu einem wichtigen Rückzugs- und Ausbildungszentrum der Résistance. Die Alliierten und General de Gaulle sicherten den Vercors-Kämpfern zu, sie über eine Luftbrücke mit Waffen, Munition und wichtigen Gütern zu versorgen. Über 4000 Maquisards sammelten sich im Vercors, der Partisanenkampf sollte zu einem offenen, bewaffneten Aufstand gegen die deutschen Besatzer werden. Man hatte in den Jahren davor ein Spital errichtet, eine Rollbahn für Flugzeugeinsätze angelegt und eine eigene Verwaltung aufgebaut.

Am 14. Juli 1944 rief der Zivilkommandant, Eugène Chavant, die Republik Vercors aus. Nur sieben Tage später fielen deutsche Gebirgs- und Fallschirmjäger in die Region ein und richteten in den folgenden Wochen unter Widerstandskämpfern und Zivilbevölkerung ein Gemetzel an. Weder die Alliierten noch de Gaulle hatten ihr Versprechen gehalten, die Versorgung über eine Luftbrücke war ausgeblieben und die Vercors-Kämpfer blieben auf sich gestellt. In diese letzte, heiße Phase des Vercors fällt Saint-Exupérys letzter Flug.

Seit Ende Juni 1944 ist das korsische Borgo Saint-Exupérys Einsatzflughafen. Von hier aus startet er am Morgen des 31. Juli 1944 in Richtung Vercors, möglicherweise zu einer tollkühnen Aktion, für die man ihn bewusst ausgewählt hatte - einen Abenteurer, der bedrohliche Feuerunfälle und schwere Kopfverletzungen überlebt hatte, nach einem Absturz tagelang durch die Wüste geirrt und der Amputation einer Hand mit Müh und Not entgangen war. Um 10.30 Uhr verliert die Bodenstation den Kontakt zum Piloten. Gegen 13 Uhr war Saint-Exupéry in Borgo zurückerwartet worden. Um 14.30 Uhr wird er als vermisst gemeldet.

In geheimer Mission
Laut Laage und Roedel war Saint-Exupéry offiziell zu Kartographierungszwecken, möglicherweise aber mit einem Geheimauftrag in den Vercors aufgebrochen. Dieser könnte etwa gelautet haben, eine Person auszufliegen. Fakt ist, dass zu jener Zeit ein Partisanentrupp unter der Führung von Jean Prévost versuchte, sich durch die deutsche Umklammerung zu schlagen. Prévost war Agent des amerikanischen Geheimdienstes OSS (Office of Strategic Services) und arbeitete zu Kriegsbeginn auch für den französischen Dechiffrierdienst. 1940 zog er nach Grenoble. Offiziell, um an seiner Dissertation über Stendhal zu arbeiten. Tatsächlich jedoch galten seine Bemühungen dem Aufbau der Widerstandsbewegung im Vercors. Ein nicht ganz unbedeutender Mann also. Möglicherweise sollte Saint-Exupéry, dem ebenfalls Verbindungen zum OSS nachgesagt werden, Prévost aufnehmen und nach Algier ausfliegen. Dahingehend interpretiert das Autorenduo das Zusammentreffen zwischen Saint-Exupéry und dem Direktor von Radio Algier in den Tagen vor dem letzten Flug.

Die Wege der beiden Franzosen hätten sich nicht zum ersten Mal gekreuzt. Saint-Exupéry hatte Prévost bereits 1925 kennen gelernt, als dieser Redakteur der Pariser Literaturzeitung "Navire d’argent" (Silberschiff) war und ihm die erste Veröffentlichung eines literarischen Textes ermöglichte: "L’aviateur" (Der Flieger). Er machte Saint-Exupéry auch mit Eugene Reynal und Curtice Hitchcock bekannt, die seine englischen Übersetzungen veröffentlichen. Die Autoren schließen auch nicht aus, dass Saint-Exupéry auf eigene Faust gehandelt und versucht hat, seinen Freund auszufliegen. Dies würde erklären, warum er von seiner ursprünglichen Route abgewichen war. Da Prévost über ein Funkgerät verfügte, wäre eine gegenseitige Kontaktaufnahme möglich gewesen.




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Extra, Literatur, Geschichte

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-07-28 17:26:29
Letzte Änderung am 2011-07-29 15:05:55


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