
Die "Zotenkönigin aus Muschiland" - das war nur einer der Ehrentitel, die sich Charlotte Roche vor drei Jahren verdient hat. Da veröffentlichte die zuvor vor allem als Avantgarde-Moderatorin beim Musikfernsehen Viva bekannt gewordene Roche ihren ersten Roman: "Feuchtgebiete". Da ging es um viel Schweinisches und allerhand Ekelhaftes. Da erfuhren Avocadokerne neue Anwendungsgebiete im Intimbereich und Hämorrhoiden und dazugehörige Rosetten dürften noch nie in der deutschsprachigen Literatur so prominent vertreten gewesen sein. Der Roman löste nicht nur Proteste wegen seiner pornografischen Darstellungen aus, sondern auch eine Welle von sexuell-feministischer Erweckungsliteratur unterschiedlichster Qualität.
Es ist also kein Wunder, dass Charlotte Roches neuer Roman, "Schoßgebete" (Piper), mit großer Neugierde erwartet wurde. Und die Erwartungen, die befriedigt die Autorin gleich auf den ersten fünfzehn Seiten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da schaltet das Ehepaar Elizabeth und Georg nämlich seine Heizdecke mitten am Tag an und los geht ein ausgiebiges Gebläse. Im Oralsex, darauf ist die Hauptfigur des Romans sehr stolz, sei sie nämlich besser als jede Prostituierte.
Beziehungsterrorismus
Elizabeth "hat sie nicht alle", hat Charlotte Roche kürzlich in einem "Spiegel"-Interview über ihr Alter Ego in "Schoßgebete" gesagt. Das kann sie laut sagen. Elizabeth hat Angst vor Aufzügen und großen Brüsten, Elizabeth verachtet Fleisch und Christen, Elizabeth hat einen Hang zum Fanatismus, ob es sich nun um Umweltschutz oder verdammenswerte Boulevardzeitungen handelt. Außerdem hat Elizabeth eine starke Todessehnsucht, die sie sich nur verkneift, weil sie eine siebenjährige Tochter hat. Weil sie sich nicht umbringen kann, geht sie als Ersatzhandlung zum Notar, um ihr Testament zu ändern. Elizabeth hat einen offensichtlich sehr leidensfähigen Mann, Georg, der es mit der "Beziehungsterroristin" ganz gut aushält. Weil sie das zu schätzen weiß, geht sie sicherheitshalber auf alle seine sexuellen Wünsche ein. Sie begleitet ihn sogar, nur schüchtern widerwillig, ins Bordell. Sie sagt, nur beim Sex fühlt sie sich frei, aber auch das ist nur Schimäre: Denn beim Kopulieren sind ihr Mann und sie nie allein, da sitzt ihr nämlich ihre feministische Mutter auf der Schulter, sekundiert von Alice Schwarzer. Die hasst sie fast so sehr wie Christen.
Die (anti-)religiöse Komponente in "Schoßgebete" steckt nicht nur im etwas kalauernden Titel. Elizabeth ist der Meinung, Christen machen es sich, wie Frauen, die sich die Brüste vergrößern lassen, zu einfach im Leben. Beziehungsweise danach. Das hat nicht zuletzt mit jenem einschneidenden Schicksalsschlag zu tun, der das Rückgrat des Romans ist. Am Weg zu ihrer Hochzeit in England hat Elizabeths Familie einen schweren Autounfall. Ihre Mutter überlebt schwer verletzt, ihre drei Brüder verbrennen im Autowrack. Das ist nicht nur Elizabeths Geschichte. Das ist auch Charlotte Roches Geschichte. Diese grausame Horrorfabel, von der sie, wie sie sagt, oft selbst nicht glaubt, dass sie ihr passiert sei, verarbeitet Roche schonungslos in dem Roman. Auch ihren Hass auf die "Bild"-Zeitung, die damals ein Foto des ausgebrannten Autos veröffentlichte. Elizabeth hat elaborierte Vorstellungen, was jenem Grafiker zustoßen soll, der die Buchstaben der Schlagzeile dazu mit roten Flämmchen verziert hat.
Anale Appetitlichkeiten
Es ist verstörend, mit welcher Forschheit Charlotte Roche die Grenzen zwischen ihrem Roman-Alter-Ego und ihr selbst bei diesem Thema verschwimmen lässt. Neben dem Unfall verblasst jedes andere Schockelement, von denen es ohnehin nicht so viele gibt, wie in "Feuchtgebiete". Gut, es gibt Fadenwürmer und einige andere anale Appetitlichkeiten, aber darauf zielt Roche diesmal nicht ab.
Aber das Zielen, das ist das Problem. Man kommt nämlich nicht drum herum, dass Roche zutiefst kalkulierte Literatur produziert. "Ich weiß, wie Medien funktionieren", sagt sie. Deswegen schmecken die zielgruppengerechten Fingerzeige auf Jonathan Safran Foer und seine Vegetarierbibel "Tiere essen" (dessen Cover sich Roche auf den Unterarm tätowiert hat) etwas fasrig. Auch die bedingungslose Hingabe ihrer Therapeutin gegenüber hat etwas seltsam Sektiererisches. Der wiederum will Elizabeth genauso gefallen, wie ihrem Mann und eigentlich jedem anderen. Sie versucht sogar, ihre Probleme amüsant zu erzählen, damit sich die Ärztin nicht langweilt. Da blitzt eine der wenigen Allgemeingültigkeiten für Frauen von heute auf. Dass das wieder einen Trend auslöst, ist aber unwahrscheinlich.
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