• vom 12.08.2011, 14:00 Uhr

Autoren

  • Artikel
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Der deutsche Schriftsteller Leonhard Frank hat sein Werk in den Dienst des Humanismus gestellt. Der Autor starb am 18. August 1961.

Ein Rebell im Maßanzug


Von Oliver Bentz

"Als Leonhard Frank 1961 starb", so Marcel Reich-Ranicki, "hielten die meisten bundesdeutschen Zeitungen einen Nachruf für überflüssig. Man begnügte sich mit knappen Meldungen." Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aber gehörte dieser heute weitgehend dem literarischen Gedächtnis entfallene Autor mit Büchern wie dem sensationellen Debütroman "Die Räuberbande" (1914), seiner gegen die Todesstrafe gerichteten Geschichte "Die Ursache" (1915), der Antikriegs-Novellen-Sammlung "Der Mensch ist gut" (1918) oder seiner die Liebe feiernden Erzählung "Karl und Anna" (1926) zu den erfolgreichsten Schriftstellern seiner Zeit.

Werbung

Engagierte Literatur
Zusammen mit Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin und Hans Fallada stand Leonhard Frank in den zwanziger Jahren mit an der Spitze jener Autoren, die gesellschaftskritische "littérature engagée" verfassten und mit ihrer Prosa gegen die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen ihrer Zeit anschrieben.

Mit sozialkritischem Blick, aus einer das solidarische und humane Zusammenleben propagierenden "gefühlssozialistischen" und pazifistischen Grundhaltung heraus, schrieb Frank alle seine Bücher. Die Frauen und die Liebe, seine fränkische Heimat und das soziale Milieu der einfachen Leute, aus dem er stammte, waren dabei lebenslang der Humus, aus dem seine in einem sparsamen und sachlichen, aber eindringlichen sprachlichen Stil gehaltenen, von komprimierter Bildlichkeit und feinsinniger Charakterzeichnung gekennzeichneten Werke erwuchsen.

Als viertes Kind eines Schreinergesellen 1882 in Würzburg geboren und dort aufgewachsen, erlernte Leonhard Frank nach sechs Volksschuljahren den Schlosserberuf. Früh jedoch interessierte er sich schon für Kunst und Literatur und nahm - nach Tätigkeiten als Chauffeur, Tüncher, Mechaniker, in der Fabrik und im Krankenhaus - 1904 in München das Studium der Malerei auf. Zunächst unterstützt durch ein Würzburger Stipendium, lebte er in den Folgejahren unter bescheidensten Umständen in den Kreisen der Bohème. Ein unter dem Titel "Fremde Mädchen am Meer und eine Kreuzigung" 1913 erschienene Sammlung mit sechs farbigen Lithographien gibt Zeugnis von Leonhard Franks bildkünstlerischem Schaffen - es ist aber gleichzeitig auch schon sein Abschied von der bildenden Kunst, für die er sich als zu wenig talentiert erachtete, und die ihm deshalb als Sackgasse erschien.

Seit 1910 lebte Leonhard Frank in Berlin, wo er mit 28 Jahren zu schreiben begann. Gleich mit seinem ersten Buch, dem, so der Autor, nach "acht Hungerjahren" 1915 erschienenen Roman "Die Räuberbande", landete er einen grandiosen Erfolg. Für den in Würzburg spielenden, halb heiteren, halb tragischen Entwicklungsroman, in dem Frank die von Karl May-Lektüre angefeuerten Abenteuer einer Bande junger Lehrlinge schildert, erhielt er noch im Erscheinungsjahr den Fontane-Preis. Weit mehr als ein Abenteuerroman, in dem Jugendliche ihre Träume von Freiheit und Unabhängigkeit ausleben, ist das Buch aber eine Anklage der jungen Menschen gegen eine verhärtete und im Zweckleben erstarrte spießbürgerliche Welt, gegen die sie aufbegehren.

"So gehen gleich vom ersten Kapitel an", schrieb Max Brod über "Die Räuberbande", der als "Würzburger Trilogie" die beiden Romane "Das Ochsenfurter Männerquartett" (1927) und "Von drei Millionen drei" (1931) folgen sollten, "zwei Ströme durch das Buch: der einer harmlosen Indianerphantastik und der eines tapferen und sehr ernsthaften Revoltierens gegen die philisterhafte Umwelt, die mit Lebendigkeit geschildert ist. In der Tat, dieses Erstlingsbuch zeigt einen fertigen, ganz eigenwüchsigen Dichter, dem so ziemlich alles gerät, was er mit seiner sehr gegliederten Prosa anpackt."

Als eine der wenigen Ausnahmen unter deutschen Intellektuellen war Leonhard Frank schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges überzeugter und engagierter Kriegsgegner. Direkt nachdem er 1915 den sozialdemokratischen Journalisten Felix Stössinger, weil dieser die Versenkung des Passagierschiffes "Lusitania" mit über 1000 Toten als "größte Heldentat der Menschheitsgeschichte" feierte, im Berliner "Café des Westens" zur Empörung der übrigen Künstlergesellschaft öffentlich geohrfeigt hatte, ging er nach Hause, packte seine Koffer und setzte sich in den nächsten Zug nach Zürich. Am nächsten Morgen, als die Polizei in seine Wohnung kam, um ihn zu verhaften, war Frank schon in der Schweiz, wohin ihn seine pazifistische Grundüberzeugung ins Exil getrieben hatte.

Antikriegsmanifest
Dort schrieb er mit seiner 1917 erschienenen Novellensammlung "Der Mensch ist gut" weiter gegen den Krieg an. In Deutschland wurde das Buch, das er ausdrücklich nicht als Kunstwerk, sondern als "aufwühlendes, direkt wirkendes Manifest gegen den Kriegsgeist" verstanden haben wollte und dessen Geschichten Kasimir Edschmid als "fulminante Predigten" und "die klarsten erzählenden Pamphlete gegen den Krieg" bezeichnete, sofort verboten. Leonhard Frank, der über das Verbot außer sich war, ließ Exemplare des Werkes in die Einbanddecken des Schweizer Zivilgesetzbuches binden und schickte es unter dieser Tarnung nach Deutschland, wo es von Kriegsgegnern heimlich verbreitet wurde. Die Sozialdemokraten druckten 500.000 Exemplare des Textes auf Zeitungspapier, um sie unter Frontsoldaten zu verteilen.




Schlagwörter

Extra, Literatur, Porträt

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-08-12 13:17:06
Letzte Änderung am 2011-08-12 13:52:42


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

Flämischer Politiker wütet gegen Comic

Schuiten - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen... weiter




Von Disney bis Underground

"Gratis-Comic-Tag" am 11. Mai

20130510Die Simpsons - Der Film - APAweb/dpa Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt... weiter



Werbung



Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



Beliebte Inhalte



Emmelie de Forest holt den nächsten Song Contest nach Dänemark. - APAweb / AP / Alastair Grant
  • Emmelie de Forest setzte sich mit "Only teardrops" gegen 25 Konkurrenten durch.
  • weiter

  • Formel 1, Radio-Symphonieorchester und 250 Jobs stehen zur Diskussion.
  • weiter

Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

 - APA (epa) Eine Sturmflut kurz vor dem Pfingstwochenende hat an den Stränden an der Oberen Adria schwere Verwüstungen angerichtet...weiter

Volksschulwand vorher (links) und nachher (rechts) - Bild: Andreas Praefcke An einer Volksschule in Wien mussten nach dem Protest der Mutter einer Schülerin die Kreuze in allen Klassenzimmern entfernt werden...weiter

Reinhard Göweil In Tirol liebäugelt die ÖVP-Führung mit einer Koalition mit den Grünen. In Salzburg geht sich das zwar rechnerisch nicht aus...weiter

  • Der Streit um religiöse Symbole ist ein Nebenschauplatz
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter




LitCologne

Goetz-Zitate in Köln

lit.cologne - lit.cologne Dass es keine Lesung wie so viele andere bei der 13. LitCologne werden würde, stand bei Rainald Goetz von vorne herein fest... weiter




Litblog

Der Preis des Schriftstellers

20121205_klier - Privatarchiv Klier Der Tiroler Autor, Maler und langjährige Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" Walter Klier (57) wurde heuer mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis (5... weiter




Literaturfestival "Sprachsalz" in Hall in Tirol

Bergmuseum für Beatniks

Pointierte Sprachspielerin: die Schweizerin Daniela Dill. - sprachsalz Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das... weiter





Werbung