• vom 12.08.2011, 14:00 Uhr

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lyrik erlesen

Vom Nutzen der Nachworte


Von Andreas Wirthensohn

Brauchen Gedichtbände eigentlich dringender Nachworte als beispielsweise ein Band mit Erzählungen? Oder anders gefragt: Ist Lyrik erklärungsbedürftiger als Prosa? Diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man sich ein paar Neuerscheinungen zu Gemüte führt. Bezeichnenderweise handelt es sich dabei um Bände mit Gedichten nicht deutschsprachiger Autoren.

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Der Schotte John Burnside ist hierzulande bislang vor allem als Romancier bekannt - drei Romane sind schon auf Deutsch erschienen, alle ohne Nachwort -, hat aber ursprünglich als Lyriker begonnen und seit 1988 zehn vielfach ausgezeichnete Gedichtbände vorgelegt. Nun präsentiert der Hanser Verlag in seiner schönen Reihe "Edition Lyrik Kabinett" erstmals eine zweisprachige Auswahl aus diesem opulenten lyrischen Werk: "Versuch über das Licht" (München 2011). Herausgegeben und übersetzt hat sie Iain Galbraith.

Burnside erweist sich darin, salopp formuliert, als Meister der schottischen Bukolik. Alles mögliche Getier bevölkert diese Verse, der Blick schweift über grüne Hügel und die Boote im Hafen, und den Hintergrund bildet das unstete schottische Wetter mitsamt seinen Lichtverhältnissen. Garant dafür, dass diese Naturlyrik nie ins Beschaulich-Idyllische abdriftet, ist vermutlich zweierlei: Burnsides schottisches Naturell - auch seine Romane blicken mit Vorliebe in düstere Abgründe - und die Tatsache, dass wir es hier mit einem poeta doctus zu tun haben, der Mahlers "Lied von der Erde" ebenso kennt wie Lukrez’ Traktat "De rerum natura" oder die englische Romantik.

Genau darin aber liegt auch das Problem dieser Ausgabe: Viele Gedichte sind im Grunde nur wirklich verständlich, wenn man ein paar Hintergrundinformationen bekommt, und die verweigert der Herausgeber weitgehend. Schlimmer aber noch wiegt, dass das nicht einmal dreiseitige Nachwort von beschämender Lieblosigkeit ist. Nach der Lektüre ist man um keinen Deut klüger, was es denn mit diesem wohl bedeutendsten Gegenwartsdichter Schottlands auf sich hat: kein Wort über zentrale Merkmale dieser Poesie, keine literaturhistorischen Fingerzeige, ja nicht einmal ein paar Hinweise zum Verfasser. Stattdessen ergeht sich Galbraith in der Deutung eines einzigen Gedichts, die ganz hübsch ist, aber nicht annähernd der Tatsache gerecht wird, dass Burnside mit diesem Band sozusagen sein deutsches Lyrikdebüt gibt.

Wie man es deutlich besser hätte machen können, zeigt Jan Wagner als Übersetzer und Herausgeber des Bandes "Zoom!", in dem er uns den britischen Lyriker Simon Armitage vorstellt (Berlin Verlag, Berlin 2011). Auch Armitage ist in seiner Heimat ein etablierter, um nicht zu sagen berühmter Poet (mit inzwischen immerhin elf Gedichtbänden) und bei uns bislang allenfalls Anglisten bekannt gewesen. Nicht genug zu loben ist deshalb Jan Wagner, selbst ein erstklassiger Lyriker, der Armitages Gedichte nicht nur herausragend übersetzt, sondern auch mit einem Nachwort versehen hat, das kaum Wünsche offen lässt.

Anders als Burnside ist Armitage sozusagen ein Dichter der Straße, der mit allen möglichen Soziolekten spielt und dem nichts Alltägliches unpoetisch genug ist, als dass er es nicht bedichten könnte. Allein das Eingangsgedicht des Auswahl-Bandes, mit dem Armitage 1989 debütierte, ist von großartiger Unverkrampftheit. "Schneewitz" heißt es, es beginnt salopp "Kennt ihr schon den mit dem Typen aus Heaton Mersey?" und endet mit einer Pointe, die dem Zuhörer gehörige Schauer über den Rücken jagt.

Auch der litauische Dichter Eugenijus Alianka wird aufs Beste ins Deutsche geleitet. "exemplum" (Suhrkamp, Berlin 2011) ist schon sein zweiter Gedichtband, der in Übersetzung vorliegt (leider nur einsprachig, aber wer will es dem Verlag verdenken?) und von der Übersetzerin Claudia Sinnig mit einem höchst informativen und kundigen Nachwort versehen wurde. Aliankas Poeme kommen ganz leichtfüßig daher, in rhythmischem Parlandoton und konsequenter Kleinschreibung, seine Verse sind von verschmitzter Ironie und kunstvoller Beiläufigkeit, und doch schimmert immer wieder die reiche lyrische Tradition durch, der sich Eugenijus Alianka verpflichtet fühlt.

Kein Zweifel: Die Lyrik dieser drei Dichter kann durchaus für sich bestehen, aber deutlich mehr Lesefreude hat man, wenn einem zumindest die ein oder andere helfende Krücke gereicht wird. Darum die klare Forderung: Bitte mehr Nachworte!




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