
Es ist ruhig hier und grün. Die Luft ist klar und kalt. Kälter als in der Innenstadt, eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt. Die Sonne scheint über dem idyllischen Volksdorf im Hamburger Nordosten, einem Vorort mit schmalen Straßen, alten Bäumen und viel Wald, mit großen Einfamilienhäusern und dicken Neuwagen. An diesem Donnerstagnachmittag sitzen zahlreiche Jugendliche mit Markenklamotten und gediegen gekleidete Frauen jeden Alters in den Cafés der properen Fußgängerzone. Wer sich das Leben hier leisten kann, arbeitet hart daran, das eigene Glück zu sichern und die Kinder auf der Erfolgsspur zu halten.
"Es schnurren die Rolläden wie Katzen, ein behagliches Summen der Elektromotoren; wenn Renate auf den Schalter hinter den Gardinen drückt, schließt das Haus seine Augen." Oben, im Musikzimmer, spielt Juliette die Nocturnes von Chopin. "Sie spielt wie ein Engel, denkt Renate. Und lächelt. Die Rolläden fügen sich mit einem dezenten Geräusch in ihre Arretierung. Es passen die Dinge ineinander."
Druck der Anpassung
Mit ihrem vierten Roman "Last Exit Volksdorf" kehrt die Hamburgerin Tina Uebel ins gutbürgerliche Milieu ihrer Kindheit zurück. Mit 19 zog sie von Volksdorf in die Stadt, seit vielen Jahren lebt sie nun auf der Reeperbahn in St. Pauli. Nach Volksdorf kommt die 41-Jährige nur, um ihre Mutter zu besuchen und um zum Zahnarzt zu gehen. Für sie sind solche Vororte in sich abgeschlossene Gesellschaften, in denen der Druck von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird. "Hier muss alles passen. Du musst die richtigen Sachen anhaben, etwas darstellen, du musst dich um jeden Preis anpassen. Jeder weiß alles über dich. Und bist du einmal definiert, ist es schwer, dich neu zu erfinden." Vor allem für Jugendliche ein Problem.
Tina Uebel beschreibt in "Last Exit Volksdorf" vielfach bissig zugespitzt einen beklemmenden Mikrokosmos; schnell wechselt die Perspektive von Jugendlichen zu ihren Eltern, Großeltern und Lehrern. Es ist eine Welt, in der insbesondere die mittlere Generation nicht gut wegkommt, in der vieles gut gemeint ist, sich aber jeder auf sich konzentriert. Eltern haben keine Ahnung davon, was in ihrem Nachwuchs vorgeht; Überdruss und Einsamkeit führen trotz oberflächlich heiler Familien zu Gewalt- und Drogenexzessen, und Schwäche darf es nicht geben. Dennoch wollte Tina Uebel keinen Milieuroman schreiben. Wer Volksdorf kennt, erkennt das Setting, weiß aber auch, dass der Ort im Buch ein Konstrukt ist aus Tina Uebels Volksdorf von vor 20 Jahren und einem gutbürgerlichen Wohnort, wie es ihn - vom norddeutschen Duktus seiner Charaktere einmal abgesehen - genauso im Speckgürtel von München oder Wien geben könnte.
"Ein absoluter Albtraum, die Angelegenheit mit diesem Buch." Tina Uebel versucht ihr wild toupiertes, aschblondes langes Haar zu bändigen, um es gleich wieder zu zerzausen. Ihre Gestik, Mimik und die Art, wie sie spricht, sind abgehackt und hektisch. "Inzwischen bin ich völlig paranoid. Vielleicht kann ich mich 2015 entspannen." Sie lacht kurz auf und zündet sich die nächste Zigarette an. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet, die Justiziare bei C.H.Beck offenbar auch nicht: "Last Exit Volksdorf" erschien im Februar dieses Jahres und wurde vom Verlag kurz darauf wieder eingezogen. Jemand glaubte, sich in einer Romanfigur erkannt zu haben, und erließ eine einstweilige Verfügung gegen das Buch. Uebel schrieb die entsprechenden Passagen um - es sind nur wenige auf 20 bis 30 Seiten -- und gab der umstrittenen Figur einen anderen Namen. Erstaunlicherweise handelt es sich dabei um ein 13-jähriges Mädchen, dem von mehreren Seiten übel mitgespielt wird und das im Gegensatz zu anderen Charakteren nur Opfer, nicht Täter ist.
Seit Mai ist die Neufassung auf dem Markt und Tina Uebel hofft, dass "Last Exit Volksdorf" nun als literarisches Werk und nicht mehr als Skandalroman gelesen wird. "Es ging mir nie darum, das Leben in Volksdorf zu schildern, jemanden bloßzustellen oder anzugreifen. Ich hoffe, es kommt im Buch rüber, dass ich sehr viel Mitgefühl auch mit den unsympathischeren Figuren habe. Die Frage ist: Wohin geht man mit seiner Verzweiflung?" Was Volksdorf auch für sie persönlich symbolisiere, das seien die Rollläden an den Fenstern, die schon in der Dämmerung heruntergelassen werden, und die hohen Rhododendronhecken. "Der Druck, die Fassade aufrecht zu erhalten, ist an einem Ort wie Volksdorf natürlich viel stärker als in St. Pauli. Wenn du Alkoholiker bist, gehst du in St. Pauli einfach in die Kneipe und setzt dich mit den ganzen anderen Alkoholikern an einen Tisch. Hier bist du mit deiner Verzweiflung allein."
Einzelhauslepra
Verzweifelt sind Uebels Protagonisten fast alle. Da ist Nasrin, die für ihren Klassenkameraden Finn und kurz darauf für dessen Freund Ben schwärmt - und von beiden nur kurze Zeit geduldet wird. Tina Uebel beschreibt wunderbar die schnell wechselnde, intensive Verliebtheit und die Verwirrung einer 13-Jährigen: die vielen Fragen, die sich auftun, vor allem die, wie man auf andere wirkt. Soweit, so normal. Doch dann passiert etwas, das Nasrins Gefühlswelt erstarren lässt. Um sie herum spielen alle den Vorfall herunter; sogar ihre Mutter Iris merkt nicht, wie Nasrin immer tiefer fällt, während sie selbst Yoga macht oder ihre Darmtöne misst. Die satirische Übertreibung verleiht dem Roman den bei aller Gesellschaftskritik und emotionalen Verwahrlosung nötigen Humor.
Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen...
weiter
Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt...
weiter
Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo...
weiter
Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit...
weiter
Dass es keine Lesung wie so viele andere bei der 13. LitCologne werden würde, stand bei Rainald Goetz von vorne herein fest...
weiter
Der Tiroler Autor, Maler und langjährige Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" Walter Klier (57) wurde heuer mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis (5...
weiter
Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das...
weiter