Als Förderin der jungen Schriftsteller- und Künstlergeneration nach 1945 wird Herta Staub in den kulturhistorischen Abrissen selten genannt, obwohl sie als Kunst- und Pressereferentin im Büro des Wiener Kulturstadtrats Viktor Matejka einen großen Anteil hatte an der Vermittlung von Publikations- und Verdienstmöglichkeiten genauso wie von Papier, Wohnraum, Brennstoffen oder Lebensmittelkarten. Ihr eigenes literarisches Werk ist, wohl auch wegen der Organisation der praktischen Seiten ihres Lebens, schmal geblieben - ein Kinderbuch, drei Stücke, drei Lyrikbände, ein Roman - und es ist in sich ein Spiegel der schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Umwälzungen.
Not und Prekariat
Dabei war Herta Staubs Start ins Leben am 21. Dezember 1908 durchaus hoffnungsfroh: Eine gutbürgerliche Wiener Familie, der Vater ist Chemiker und aufgeschlossen liberal, es gibt eine Sommervilla in der Hinterbrühl, Dienstboten, Kindermädchen, einen Gärtner. Doch der Erste Weltkrieg bedeutet für die Familie eine radikale Zäsur. Der Vater stirbt 1922 an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung, die Intimität des bürgerlichen Familienlebens endet mit dem Vermieten von Zimmern, die kleine Herta wird nach Holland geschickt; sie ist eines der 30.000 Kinder, die in den Hungerjahren im Ausland aufgepäppelt werden sollten. Ein Universitätsstudium ist unter diesen Umständen nur für ihren lungenkranken Bruder Alexander möglich, den Herta Staub dann fast ihr ganzes Leben lang betreuen wird. Für sie gibt es eine Schmalspurausbildung in einer Schule für Frauenberufe.
Nach Schulabschluss ist sie Teil des Heeres Arbeit suchender junger bürgerlicher Frauen, das sich damals erstmals in den Großstädten formierte. Staubs Anstellungsverhältnisse sind alle prekär: Eintänzerin, Köchin, wechselnde Bürojobs. Doch bereits 1926/27 beginnt sie vereinzelt Gedichte und Reportagen zu veröffentlichen, in den "Literarischen Monatsheften" und im "Wiener Tag". Das führt 1932 zur Redaktionsmitarbeit bei der "Wiener Zeitung", wo sich Edwin Rollett als väterlicher Freund - mit allen Untertönen dieser Bezeichnung - ihrer annimmt. Durch die politische Entwicklung werden die Spielräume für die Redaktion zunehmend kleiner. Herta Staub ist in der Paneuropa-Bewegung aktiv, und der Kampf für ein unabhängiges Österreich ist ihr noch ein Anliegen.
Sie kommt in den Kreis um Heinrich Suso Waldeck, zu dem auch Carl Zuckmayer, Rudolf Henz, Paula von Preradovic, Erich Scheibelreiter, Siegfried Freiberg oder Carry Hauser zählen. Einige davon werden rasch die Seiten wechseln oder es sich mit den Nationalsozialisten zumindest recht gut richten. Auch Herta Staub gerät durchaus in die Nähe des Regimes, wie ein Wissenschaftler anhand von Funden aus dem Nachlass jüngst mit großer Häme gegen Staubs erste Biografin Lisa Fischer dokumentierte. Es scheint vor allem ihre unglückliche Liebesbeziehung zu Rudolf Sparing gewesen zu sein, NS-Beauftragter für Schriftleiterfragen und Mitorganisator der Gleichschaltung des österreichischen Pressewesens nach dem "Anschluss", die sie zu recht bedenklichen Hitler-affinen bis -begeisterten Äußerungen in Briefen wie Notizen veranlasste. Auch Herta Staub hat ihre Biografie nach der Befreiung 1945 offenbar wie so viele erfolgreich geschönt und sich in die Nähe von Widerstandskreisen zu positionieren verstanden. Ihre Neigung zu Ideologemen des Nationalsozialismus, oder zumindest ihre politische Verwirrung, waren freilich in ihrem Roman "Blaue Donau ade" von 1937 immer schon nachzulesen.
1945 aber scheint für Herta Staub einen tatsächlichen Neuanfang bedeutet zu haben - an der Kultur des raschen Vergessens hat sie sich, vielleicht auch aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Viktor Matejka, nicht beteiligt. 1945 bis 1949 ist sie Kunstreferentin im Kulturamt der Stadt Wien, was menschlich wie intellektuell eine Neuorientierung impliziert. Aber die innere Unruhe bleibt. 1949 tritt sie vom Protestantismus zum Katholizismus über, und es ist wohl auch ihre metaphysische Sinnsuche, die sie in die Nähe des Philosophen Rudolf Kassner führt. Seinem Werk widmet sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens mit der Arbeit an der Kassner-Gesellschaft und einer zehnbändigen Werkausgabe.
Herta Staub ist 63, als ihr Bruder heiratet und sie, erstmals für sich allein verantwortlich, endlich die elterliche Wohnung verlassen kann. Sie zieht in den 16. Bezirk, einen besonders traditionsreichen Boden der Erwachsenenbildung, in der sie sich weiterhin engagiert. Einige Ehrungen und Preise blieben nicht aus, und 1970 wird ihr als erster Frau der Berufstitel "Professor" verliehen. Als Herta Staub am 18. August 1996 stirbt, stehen am Partezettel als Trauernde nur ihr Bruder Alexander und dessen Frau. "Man ist allein und wird es wohl für immer bleiben. / Das mit den Freunden ist ja nur so-so. / Sie können einem höchstens Nachts die Zeit vertreiben, / von irgendwo ersehnte, kurze Grüße schreiben", so beginnt eines ihrer frühen Gedichte mit dem Titel "Sentimental".
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