"Wiener Zeitung": Nach Ansicht von Marcel Reich-Ranicki sind sowohl Literaten als auch Mediziner Fachleute für das menschliche Elend. Demzufolge sei es nahe liegend, dass es zwischen diesen beiden Berufsgruppen erstaunlich viele Berührungspunkte gibt. Welches Interesse war bei Ihnen zuerst da: jenes für die Literatur oder jenes für die Medizin?
Paulus Hochgatterer: Eindeutig jenes für die Literatur. In der Selbsterforschung, die man als Kinderpsychiater natürlich gern in die eigene Kindheit hinein betreibt, stößt man in Hinblick auf die Literatur klarerweise zuallererst auf die eigene Lektüreerfahrung und auf die Geschichten, die einem von den Eltern vorgelesen wurden. Gleichzeitig spielte in unserer Familie das Erzählen der eigenen Geschichten eine große Rolle. Das war in meiner Kindheit etwas, das ich in der Erinnerung sehr mit Lust verbinde. Die Geschichten aus dem Leben meiner Eltern erzählt zu bekommen, war mindestens ebenso wertvoll, wie wenn ich Märchen aus Grimms Märchenbüchern vorgelesen bekam.

Ist diese Lust an realen Geschichten auch mit Ihrem Schreiben verbunden?
Es ist insofern mit meinem Schreiben verbunden, als ich - wie jeder, der schreibt- auch über mich selbst schreibe und dies nicht als unlauter empfinde, sondern als etwas, das Wert hat.
Als Leser hat man schon allein deswegen eine Nähe zu Ihnen als Autor, weil die Protagonisten in Ihren Büchern oft Psychiater sind.
Zu Recht! Mit Psychiatern kenne ich mich einigermaßen aus. Warum sollte ich also nicht über Psychiater schreiben?

Lesen Ihre Ärzte-Kollegen Ihre Bücher?
Ja, inzwischen geben sie es auch zu. Und mein Eindruck ist, dass sie den meisten gefallen.
Die Kollegenschaft bzw. der Spitalsbetrieb kommt in Ihren Romanen ja nicht immer gut weg.
Die Medizin hält das schon aus, und die Psychiatrie hält das, glaube ich, erst recht aus, wenn man sich ein bisschen lustig macht über sie.
Inwiefern unterscheidet sich der diagnostische Blick beim Schreiben von jenem in Ihrer Arbeit als Kinderpsychiater?

So unterschiedlich ist das gar nicht. Sowohl beim Schreiben als auch in der Psychiatrie kommt es sehr auf phänomenologische Dinge an. Es dreht sich somit um die Frage: Wie stellen sich Menschen oder Dinge dar? Was sieht man an der Oberfläche? Das ist für beide Bereiche wichtig. Und das wirklich Entscheidende sind dann jene Dinge, die zwischen den Zeilen oder zwischen den Worten stehen.
Der Umgang mit Sprache ist also da wie dort ganz entscheidend.
Genau. Diesbezüglich gibt es zwischen Psychiatrie und Schreiben viele Parallelen.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Speziell in der Kinderpsychiatrie, also im Umgang mit traumatisierten, das heißt mit misshandelten oder missbrauchten Kindern, sind jene Botschaften am wichtigsten, die zwischen den Worten herauszulesen sind. Traumatisierte Kinder erzählen fast nie explizit, was ihnen widerfahren ist. Und daher ist es die Aufgabe oder die Kunst des Behandlers, zu hören, was diese Kinder zwischen den Worten sagen, die sie tatsächlich aussprechen. Und für das Beschreiben derartiger Phänomene gilt im Grunde genau das Gleiche: Das Explizite ist das eine - und das, was der Leser zwischen den Worten spürt oder was durch das Explizite in ihm hervorgerufen wird, das ist das eigentlich Wichtige.
Was fällt Ihnen leichter: das Schreiben oder das Heraushören von Botschaften?
Manchmal das eine, manchmal das andere.
Anton Tschechow zählte ebenfalls zum Kreis jener Persönlichkeiten mit der Doppelbegabung Literatur und Medizin. Von ihm stammt der Satz: "Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte". In welcher Beziehung stehen Sie zu diesen beiden Berufen?
Wenn man den Formalisierungsgrad der Erwerbstätigkeit als Kriterium nimmt, dann ist es sicher so, dass die Medizin, also die Psychiatrie meine Ehefrau und die Literatur meine Geliebte ist. Aber als jemand, der nun fast 25 Jahre verheiratet ist, muss ich sagen, es spricht ja auch nichts dagegen, dass die Ehefrau trotz langjähriger Beziehung die Geliebte bleibt. Ich habe jedenfalls zu beiden Bereichen eine hochlibidinöse Beziehung, sowohl zur Literatur als auch zur Psychiatrie.
Obwohl, wie ich vermute, die Arbeit mit traumatisierten Kindern auch belastend ist?
Das ist die eine Seite. Aber die Arbeit mit Kindern ist einfach für all jene gesund, die es mit Lust tun. Rein statistisch weiß man, dass jene Menschen, die mit Kindern arbeiten, deutlich die höchste Lebenserwartung haben.
Die einzige Ausnahme in dieser Statistik sind die Klosterschwestern, die durchschnittlich überhaupt am längsten leben. Aber sonst: Kindergärtnerinnen, Grundschullehrer - all das sind Menschen mit hoher Lebenserwartung.
Und wie sieht es mit der statistischen Lebenserwartung von Kinderpsychiatern aus?
Das ist so eine kleine Gruppe, die wurde bis jetzt nicht erfasst.
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