• vom 30.09.2011, 14:00 Uhr

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Update: 11.10.2011, 13:04 Uhr
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Der irische Schriftsteller Flann O’Brien, dessen Werk in den letzten Jahren weit über Irland hinaus wiederentdeckt wurde, wäre am 5. Oktober 100 Jahre alt geworden.

Mit dem Aufzug in die Ewigkeit


Von Christina Walker

Obligat für irische Dichter: der schwarze Filzhut, hier am Kopfe von Brian O’Nolan alias Flann OBrien.

Obligat für irische Dichter: der schwarze Filzhut, hier am Kopfe von Brian O’Nolan alias Flann OBrien.© Hulton-Deutsch Collection/COR Obligat für irische Dichter: der schwarze Filzhut, hier am Kopfe von Brian O’Nolan alias Flann OBrien.© Hulton-Deutsch Collection/COR

"Handelt es sich um ein Fahrrad?", begrüßt Sergeant Pluck den Erzähler, der auf der Polizeiwache eigentlich den Diebstahl einer goldenen Uhr anzeigen möchte. Der Satz aus Flann O’Briens "Der dritte Polizist" ("The Third Policeman", 1968) ist unter seinen Anhängern längst zur stehenden Wendung geworden - und der postum erschienene Roman zum Sinnbild des begnadeten, aber zu Lebzeiten wenig erfolgreichen Schriftstellers.

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"Ich persönlich schaffe es nicht, etwas zu schreiben, was mir auch nur ansatzweise gefällt, allerdings bemühe ich mich nicht sehr", tiefstapelte er 1940 in einem Brief an den US-amerikanischen Schriftsteller William Saroyan. Das gerade fertig gestellte Manuskript des "Dritten Polizisten" war auch gleich mit im Kuvert. Doch es fand sich weder in den USA noch in Dublin oder London ein Verlag dafür. Flann O’Brien erfand kurzerhand die Anekdote vom verloren gegangenen Manuskript, um diese Niederlage nicht publik machen zu müssen.

Durchgeknallte Collage
In Irland zählt der am 5. Oktober 1911 im nordirischen Strabane geborene Satiriker zu den bekanntesten Autoren des 20. Jahrhunderts. Hierzulande hat Kurt Palms Verfilmung von "In Schwimmen-zwei-Vögel" (1997) für eine größere Aufmerksamkeit gesorgt, nachdem bereits Harry Rowohlts kongeniale (Neu-)Übersetzung von O’Briens Werk die deutschsprachige Fangemeinde vergrößerte. Heute sind Pubs in seiner Heimatstadt Dublin, in Boston oder in Graz nach ihm benannt. Unter Literaturwissenschaftern gilt er als Vorreiter des postmodernen Romans.

Flann O’Brien, "nom de guerre" des Beamtensohnes Brian O’Nolan, verfasste einen solchen, längst bevor der Begriff "Antiroman" erfunden war. Sein Erstling "In Schwimmen-zwei-Vögel" ("At Swim-Two-Birds", 1939) ist eine durchgeknallte Collage aus keltischen Sagen, Wildwestroman, Arbeiterlyrik, echten Briefen und Studentenalltag. Ein Buch im Buch im Buch: Der Ich-Erzähler arbeitet an einem Buch über einen Mann namens Trellis. Der wiederum schreibt über das Böse, wofür er sich Figuren in Western und in alten Sagen ausleiht, und sie ziemlich fehlbesetzt. Da ist etwa Furriskey, der Oberschurke, der viel lieber ein braver Ehemann wäre, oder König Sweeney, der dazu verdammt ist, auf Bäumen zu hausen, und eine gute Fee, die ihren Anspruch auf die Seele von Trellis’ Sohn beim Pokern verspielt.

Noch vor dem Erscheinen schrieb O’Nolan an seinen Agenten, dass er über einen Vorschuss froh wäre. "Ich möchte mir nämlich einen schwarzen Hut und andere Accessoires kaufen." Der breitkrempige schwarze Filzhut gehörte zur Standardausrüstung der Dubliner Literaten, zu denen sich Brian O’Nolan nun zählen durfte. Er wählte einen mit nicht allzu breiter Krempe. Schließlich musste der Hut auch für das altehrwürdige Custom House taugen. Dort arbeitete er seit 1935 im Ministerium für Kommunalverwaltung.

Nach Abschluss seiner Studien am University College Dublin, wo O’Nolan als Humorist in der Studentenzeitung auf sich aufmerksam gemacht hatte, entschied er sich für die Sicherheit einer Beamtenlaufbahn. Eine folgenschwere Entscheidung. Als sein Vater im Sommer 1937 unerwartet verstarb, wurde Brian, das dritte von 12 Kindern und der einzige mit einem ordentlichen Einkommen, der Ernährer der Familie. Eine radikale Hinwendung zur Kunst war nun kein Thema mehr.

Ab Oktober 1940 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen (Myles von den Ponys) die Kolumne "Cruiskeen Lawn" (Gefüllter Krug). Die Macht des Katholizismus, die Frömmelei seiner Landsleute sowie ihre Vorliebe für Alkohol und die von der Gälischen Liga gestützte irische Heimattümelei versorgten ihn ständig mit Stoff. Nicht zuletzt waren Politiker und hohe Funktionäre in dem sozial und wirtschaftlich völlig rückständigen Land Ziele seines Spotts. Myles verwendete dazu gern eine Methode, die Karl Kraus in der "Fackel" zu einer eigenständigen Kunst erhoben hat: die (Selbst-)Entblößung gewisser Zeitgenossen und ihrer hohlen Sprache mittels Zitat.

"Cruiskeen Lawn" war sofort ein Erfolg und, wie O’Nolans Biograf Anthony Cronin schreibt, "so etwas wie die Heilige Schrift für intellektuelle Dubliner". Unter seinen Freunden und in den Pubs, die er fleißig frequentierte, wurde der Autor bald nur noch als "Myles" angesprochen. Die Lokale rund ums Custom House erwiesen sich zudem als guter Horchposten für die Anliegen der Volksseele.

Romane und Kolumnen neben der Lohnarbeit zu verfassen - O’Nolan war mittlerweile zum Privatsekretär des Gesundheitsministers aufgestiegen -, zeugt von Disziplin. Das Schreiben ging ihm in jenen Jahren leicht von der Hand, auch wenn sich die kleineren Geschwister, die abends am Esszimmertisch neben ihm ihre Aufgaben machten, über das Geklapper der Schreibmaschine beschwerten.

Umso erstaunlicher ist es, welche Art von Literatur in diesem familiären Umfeld entstand. "Der dritte Polizist" ist eine so komplexe wie absurde Geschichte "aus der Welt der Toten und der Verdammten, in der keine Regel und kein Gesetz (nicht einmal das Gesetz der Schwerkraft) Geltung hat". O’Briens Meisterwerk beginnt mit einem Raubmord.




Schlagwörter

Extra, Literatur

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Dokument erstellt am 2011-09-30 13:17:08
Letzte Änderung am 2011-10-11 13:04:49


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