
Er habe sich wirklich bemüht, sagt er, aber es nützt halt nichts. Er versteht es nicht und wird es auch nie verstehen. Erst neulich hat ihm wieder einmal einer so ein Ding in die Hand gedrückt und er hat ein bisschen damit herumgespielt. Ja, interessant, zweifellos. Aber trotzdem: "Ich werde nie kapieren, warum jemand nicht lieber ein Buch in die Hand nimmt." Nick Tosches ist 62. Er hat in diesen Jahren mehr gesehen, gehört und erlebt als, das lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, jeder andere Gegenwartsschriftsteller der USA. Aber diese neuen E-Reader? Bücher lesen nicht auf Papier, sondern auf einem Bildschirm? "Fuck that. No way. Aber was solls. In Amerika gehört das Lesen von Büchern der Vergangenheit an, das ist nur eines der Zeichen der Zeit. Die Welt ist noch nicht ganz tot, aber sie liegt im Sterben. Das ist sicher. Aber es ist zumindest unterhaltsam, ihr dabei zuzuschauen. Wenn ich heute unsere Politiker davon reden höre, dass es darum geht, unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen, denke ich mir jedesmal: Und was bitte ist mit der Welt, in der wir hier und heute leben?"
Nick Tosches hat sich noch nie Illusionen gemacht, weder was die Menschen, noch was die Arbeit angeht. Er ist die personifizierte Unsentimentalität; obgleich von kleiner Statur ein Fels von Mensch, dem die bewältigten wie die unbewältigten Unebenheiten des Lebens ins Gesicht geschrieben stehen. Auf die Frage, wie er die Beurteilung seiner Arbeit einschätzt, wenn er einmal nicht mehr ist, antwortet er mit zwei Zitaten von Ernest Hemingway. Das erste: "Lass die Nachwelt sich um sich selber kümmern." Das zweite: "Scheiß auf die Nachwelt."
Popstar im Frauengefängnis
Bis ihn das Schicksal alles Irdischen ereilt, will Nick Tosches aber noch ein paar Bücher schreiben, das bisher letzte ist gerade erschienen. Welche Popularität er in den USA genießt, allen voran in seiner Wahlheimat New York, wurde erst jüngst wieder im Rahmen der Präsentation von "Save the last Dance for Satan" (Kicks Books) offenbar. In der Bibliothek eines ehemaligen Frauengefängnisses las Tosches den Hundertschaften, die sich schon Stunden vorher vor der Jefferson Market Library auf Manhattans West Side eingefunden hatten, aus seinem neuen Roman vor; einem vergleichsweise dünnen Band düsterer Prosa, "dessen Schreiben großen Spaß gemacht hat, auch wenn ich, weiß Gott, noch Größeres vorhabe. Ich sag mir nach jedem Buch, jetzt lass ichs gut sein. Aber es gibt so viele seltsame Geschichten, die ich noch erzählen will. Niemandes Leben reicht aus, um alles zu erzählen, was man will." Die Lesung in New York geriet zum Hochamt: Von jenem Gang knapp unter der Decke, von dem aus die Gefängniswärter einst über die weiblichen Häftlinge wachten, trug Tosches im Stil eines Predigers aus seinem Text vor. Jedesmal, wenn er mit dem Lesen eines Kapitels fertig war, ließ er die Blätter nach unten flattern, wo sich die Fans darum rissen. Unter den Schöpfern amerikanischer Gegenwartsliteratur genießt Nick Tosches seit Jahrzehnten eine Ausnahmestellung. Zu verdanken hat er das vor allem seiner Konsequenz, sich dem Mainstream zu verweigern, im Leben wie in der Arbeit.
Opium, ein Geschenk Gottes
Der "New Yorker" nannte seine Art, die Welt zu beschreiben, "schlicht superb", das Magazin "Time" seine Bücher "definitiv", die "Washington Post" adelte ihn einst zu "einem der grandiosesten Schriftsteller dieses Landes". Als vorläufige Bilanz seines Schaffens stehen heute rund eineinhalb Dutzend Bücher, viele davon übersetzt in bis zu 20 Sprachen: Biografien, Romane, Gedichtbände, Songtexte, ausgewählte Musik- und Filmkritiken. Eine Auswahl: "Hellfire", 1982 erstmals erschienen, die Lebensgeschichte von Jerry Lee Lewis, vom "Rolling Stone" zur "besten RocknRoll-Biografie aller Zeiten" gekürt (auf Deutsch 2008 bei der Edition Tiamat erschienen); "Dino: Living High in the Dirty Business of Dreams" (1992, auf Deutsch bei Heyne erschienen), die Dean-Martin-Story; "The Last Opium Den", eine 2002 in Buchform erschienene Reportage, im Rahmen derer sich Tosches quer durch Südostasien auf die Suche nach der letzten richtigen Opiumhöhle auf Erden macht (und am Ende in Laos fündig wird, aber den genauen Platz nicht verrät, "weil dieser schöne Ort sonst von deutschen Touristen überrannt werden würde"). Oder der ebenfalls vor sieben Jahren erschienene Roman "In the Hands of Dante", dessen Protagonisten er nicht wirklich unabsichtlich auf seinen eigenen Namen getauft hat. Die Rolle des fiktiven Schriftstellers Nick Tosches, der in eine wilde Jagd auf das Originalmanuskript der von Dante Alighieri Ende des 13. Jahrhunderts verfassten "Göttlichen Komödie" verwickelt wird, wird im kommenden Jahr von einem seiner größten Fans auf der Leinwand ausgefüllt werden: Johnny Depp, der sagt, "dass es keine Zeile von Nick Tosches gibt, die ich nicht gelesen habe", hat sich die Filmrechte gesichert. Der Regisseur heißt Julian Schnabel, neben seinem Job als Filmemacher ("Before Night Falls") einer der bedeutendsten bildenden US-Künstler.
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