
"Das isländische Nationalgesicht ist rundlich mit kleiner Nase. Wie ein Schneeball, in dem ein Kiesel steckt. Ich denke mal, bei jedem Volk ist ein Teil des Gesichts besonders ausgeprägt. (...) Die Isländer haben sich offensichtlich die Wangen ausgesucht. Einige der Gesichter, die mir begegnen, scheinen nur aus zwei Arschbacken mit einem Loch und zwei Augen zu bestehen."
Keine Sorge, das hat ein Isländer geschrieben. Allerdings in der Rolle eines amerikanischen Auftragskillers. Aber das ist eine andere Geschichte, genauer gesagt die Geschichte des Romans "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen" (dtv) von Islands Parade-Schriftsteller Hallgrimur Helgason. 2010 gewann er übrigens das Rennen um den "Kuriosesten Buchtitel des Jahres".
Kurios, skurril, schräg. Das sind Attribute, die man der isländischen Literatur sowieso gern umhängt. Dem Literaturkritiker und Übersetzer Peter Urban-Halle ist in der Hinsicht am Wochenende in der "NZZ" der Kragen geplatzt. Er meinte da: "Die isländische Literatur zelebriert ihre Ur-Verrücktheit, krankt aber auch an ihr." Er kritisierte eine Rückwärtsgewandtheit und einen Mangel an Originalität, den gerade das Originell-Sein-Wollen bringe: "Der Hang zu aussterbenden Originalen und ihre Lakonik wirkt aber manchmal wie das zwanghafte Festhalten am Alten, die Literatur wird zum Museum."
Literarische Traditionstreue

Kristof Magnusson ist Deutsch-Isländer, Übersetzer und selbst Autor ("Das war ich nicht"). Er sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass Urban-Halle junge isländische Literatur gelesen habe, denn da kann man die netten skurrilen Typen lange suchen. Er empfiehlt etwa die Romane "Frauen" von Steinar Bragi (Kunstmann) oder "Der Schöpfer" von Gudrún Eva Mínervudóttir (btb Verlag): "Die wurden beide am Höhepunkt des Booms geschrieben. Da dreht sich alles um Fake und um Künstlichkeit, die uns in einem bestimmten gesellschaftlichen Klima umgeben."
Wobei, die Sache mit der Rückwärtsgewandtheit, die kann man nicht so ganz von der Hand weisen. Allerdings im Sinne von literarischer Traditionsverbundenheit. Und das liegt an den Sagas. Diese Texte aus dem Mittelalter, die fiktionalisierte Geschichtsschreibung über die bäuerlichen Siedler sind, spielen nicht nur auf der intellektuellen Ebene eine Rolle in Island, jedes Kind kennt diese Geschichten: "In der deutschen Literatur ist der Kanon eben größer, aber es gibt da nicht das eine Werk, das man kennen muss, weil man sich sonst total unmöglich macht." Es gibt Saga-Comics und die ganze Sagakultur hat sogar im Alltagsleben einen Platz: "Im Sommer wollte ich mit Freunden zu einem Gletscherlauf, aber die Straße wurde weggespült. Man musste eine fünf Stunden längere Umleitung über miese Straßen fahren, aber das Ganze hätte auch einen Vorteil, hieß es in den Verkehrsnachrichten, man kommt nämlich dann am Hof von Gunnar aus der ,Saga von Njall vorbei", erzählt Magnusson.
Insularischer Eigenwille
Die Popularität der Sagas, inhaltlich von einem isländischen Literaturkritiker einmal knapp mit "Bauern schlagen sich" zusammengefasst, dürfte auch mit der unerwarteten Komik zusammenhängen: "Bei der Präsentation der Neuübersetzung vom S. Fischer Verlag, an der ich auch beteiligt war, wurden die Texte von Schauspielern vorgetragen. Das Publikum hat sich kaputtgelacht." Mancher fühlt sich an Monty Python erinnert, Magnusson an nonchalante Gewaltszenen bei Quentin Tarantino. In seiner "Gebrauchsanweisung für Island" (Piper) zitiert er eine Todesszene aus der "Saga von Grettir": "Da stürmte Porbjörn zur Tür, packte seinen Spieß mit beiden Händen und stach ihn Atli in den Bauch, sodass er ganz hindurchging. Während er den Stoß bekam, sagte Atli: ,Breite Spieße werden immer beliebter."
"Das Sympathische ist, es ist kein Siegerhumor, es immer der Humor von tragisch scheiternden Menschen, die das Beste draus machen", analysiert Kristof Magnusson. Haben die Isländer denn einen eigenen Humor oder ist das nur ein Klischee? "Doch, da sind die Isländer schon sehr eigen. Das ist wie vieles von insularischem Eigenwillen geprägt. Halldor Laxness (isländischer Literaturnobelpreisträger, Anm.) hat einmal gesagt, die Isländer sind nur Geschichten zugänglich, wenn jemand beginnt, zu argumentieren, dann verlieren sie das Interesse. Das einzige Argument, dem die Isländer zugänglich seien, wäre der Humor." Es gäbe da eine Sketchserie, so Magnusson, mit dem Namen "Die Frau die nur Bockwürste kochen kann": "Die ist wirklich sehr lustig. Aber ich weiß nicht, warum."
Dass Island jetzt Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, ist hoch an der Zeit. Gelten doch die Isländer als literaturbegeistertes Volk. Schriftsteller Hallgrimur Helgason hat einmal gesagt: "Jeder zweite Isländer will Dichter sein. Und jeder will zumindest Romanfigur sein." Das kann Kristof Magnusson nur unterschreiben: "Ich denke, viele Bücher werden in Island nur gelesen, um zu sehen, wer darin vorkommt." Nicht einmal die Krise hat den Isländern die Lust am Lesen verdorben: Das Verlagswesen litt nicht unter dem Wirtschaftseinbruch.
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