• vom 14.10.2011, 14:00 Uhr

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Update: 17.10.2011, 15:57 Uhr
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Geist, Charme und Eleganz


Von Christina Walker

  • Hilde Spiel genoss als Erzählerin, Feuilletonistin und Übersetzerin internationales Ansehen.
  • Am 19. Oktober jährt sich der Geburtstag der Wienerin und Exil-Britin zum 100. Mal.

Sie war Erzählerin und Essayistin, sie war die Grande Dame der Theaterkritik und des Feuilletons. Sie forschte, übersetzte, debattierte auf Podien, im Rundfunk und im Fernsehen. Sie war Humanistin, intellektuell und weltoffen, in London zu Hause, in Berlin und ist doch Wienerin geblieben. Auch wenn sie sich nicht leicht tat mit ihrer Vaterstadt. An ihrem Tisch saßen so divergente Charaktere wie Elias Canetti, Heimito von Doderer oder Hans Habe. Keinen hat Hilde Spiel mit ihrer Meinung verschont, aber nur selten einen vergrämt.

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"Ich erinnere mich, wie man in Österreich, um sich nicht unbeliebt zu machen, den Anschein der Oberflächlichkeit erwecken musste, wie man um alles in der Welt vermied, nach außen hin allzu subtil zu sein", notierte Hilde Spiel im Jänner 1946. Sie war soeben als "War Correspondent" der Londoner Wochenzeitschrift "New Statesman and Nation" in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend zurückgekehrt. Ihre Aufzeichnungen aus jenen Wochen ("Rückkehr nach Wien", 1968) sind ein Dokument dessen, was in Wien so wenig gefragt war: analytisches Talent und die Gabe zu durchdringender Einsicht.

Fern jeder Sentimentalität, aber nicht ohne Mitgefühl beschrieb Hilde Spiel die Befindlichkeit der hart getroffenen Stadt und ihrer Bewohner. Die Reise führte auch in die eigene Vergangenheit. "Aber was ist übrig?", fragte die Autorin. Etwa von der "Weltoffenheit und Urbanität, die wir in den späten zwanziger Jahren in uns spürten", vom kosmopolitischen Geist dieser Zeit und dem "Bewusstsein einer concordia discors"?

Im Weichbild Wiens
In diesem Geist, in dieser Atmosphäre der Übereinstimmung des Mannigfaltigen im "Weichbild Wiens" wuchs Hilde Spiel auf; hier entstanden ihre ersten Erzählungen und Romane. Spiels Eltern, beide aus wohlhabenden jüdischen Familien, konvertierten noch vor der Geburt ihrer Tochter zum Katholizismus. Nicht allein darum reagierte Hilde Spiel später irritiert, wenn sie als "jüdische Schriftstellerin" reklamiert wurde. Sie hätte es vorgezogen, einfach als österreichische Autorin bezeichnet zu werden. Religiosität spielt in ihrem Werk keine Rolle, vielmehr eine liberale, tolerante, sozial engagierte Bildung. Eine solche erfuhr sie als Schülerin im legendären Lyzeum der Frauenrechtsaktivistin und Sozialreformerin Eugenie Schwarzwald.

Gleich um die Ecke dieser Schule, in der Herrengasse im 1. Wiener Gemeindebezirk, lag das Café Herrenhof, in den 1920er und 30er Jahren Treffpunkt der Literaten, Künstler, Journalisten und der "frühreifen" Mädchen. "Im Kaffeehaus erblüht und mit Mokka begossen. . ., alles erklügelt, nichts impulsiv", beschimpft Journalist Lukas Steiner das weibliche Jungvolk, das niemand anderer als er selbst in die rauchgefüllten Hallen führt. Kati, selbst noch Schülerin und Hilde Spiels erste Romanheldin, ist nur eine von ihnen. "Kati auf der Brücke" (1933) fängt im impressionistischen Überschwang von Gefühl, fiebriger Lebenslust und Todessehnsucht die Widersprüchlichkeit dieser Epoche ein. Geschildert in leichtfüßiger Prosa, schwebt Kati zwischen verstummtem Elternhaus, Café und Künstlerateliers, zwischen erster Liebe und Enttäuschung, zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. 1934 erhielt die gerade 23-jährige Hilde Spiel für ihren Erstling den begehrten Julius-Reich-Preis .

Im selben Jahr erschütterten der Bürgerkrieg und das Verbot der Sozialdemokratischen Partei Österreich. Hilde Spiel, selbst seit 1933 Parteimitglied, blieb unbehelligt. Trotz erster Gedanken, das Land zu verlassen, wollte sie ihr Studium bei Moritz Schlick abschließen, den sie verehrte wie alle, so Spiel, "deren metaphysische Spinnweben er wegblasen half, um sie dann in geduldiger logischer Analyse den Weg fruchtbaren Philosophierens zu lehren".

Vor den politischen Tumulten und eigenen Liebeswirren zog sich Hilde Spiel nach Italien und ins geliebte Salzkammergut zurück, den Hauptschauplatz ihres zweiten Romans ("Verwirrung am Wolfgangsee", 1935).

Der Mord an Moritz Schlick im Juni 1936 bewog die Autorin und ihren Verlobten, den aus Nazi-Deutschland geflohenen Schriftsteller Peter de Mendelssohn, endgültig zur Emigration. Noch im Herbst übersiedelten die beiden nach London, lebten zwischen "adeligen Prätentionen und einer vie de bohème" und tauschten zur Hochzeit Vorhangringe aus Messing. "Wie lernt man schreiben?", fragte sich Hilde Spiel und eroberte in zähem Ringen die fremde Sprache.

Krieg und Bombenhagel rückten auch der Londoner Vorstadt näher. Tochter Christine wurde geboren, die später einige der wichtigsten Bücher ihrer Mutter ins Englische übertrug, und Sohn Felix. Ein drittes Kind starb bei der Geburt. Seit 1941 war Hilde Spiel britische Staatsbürgerin. Kurzgeschichten erschienen in britischen Zeitschriften, ein erster Roman auf Englisch.

Die Familie schlug Wurzeln auf der Insel, die Autorin in der neuen Sprache. Doch die Wochen als Kriegskorrespondentin in Wien brachten einiges ins Wanken. "Ich werde immer wieder und wieder erproben müssen, wo ich wahrhaft zu Hause bin", resümierte Spiel im Frühjahr 1946.




Schlagwörter

Hilde Spiel, Extra, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-10-13 18:54:20
Letzte Änderung am 2011-10-17 15:57:05


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