
Ilse Aichinger und ihre Zwillingsschwester Helga kamen am 2. November 1921 in Wien als Töchter eines Lehrers und einer jüdischen Ärztin zur Welt. Während der Schwester die Flucht nach England gelang, verbringt Ilse Aichinger mit ihrer Mutter die NS-Zeit in Wien und erlebt so hautnah, wie ihre Großmutter und zahlreiche andere Verwandte von Wien aus in den Tod deportiert werden.
1945 beginnt Aichinger ein Medizinstudium, das sie 1947 abbricht, um zu schreiben. Bereits 1946 war ihr erster literarischer Text, "Aufruf zum Misstrauen", in der Zeitschrift "Plan" erschienen, 1948 folgt ihr einziger Roman, "Die größere Hoffnung". 1951 wird sie erstmals zur Tagung der "Gruppe 47" eingeladen und erhält im Folgejahr, nach Günter Eich und Heinrich Böll, den Literaturpreis der "Gruppe 47". 1953 heiratet sie Günter Eich, über dessen lange verschwiegene literarische Anfänge in der NS-Zeit sie wohl großmütig hinweggesehen hat. 1954 wird Sohn Clemens, 1957 Tochter Mirjam geboren. 1963 übersiedelt die Familie von Bayern nach Groß-Gmain bei Salzburg, wo Ilse Aichinger, nach dem Tod Günter Eichs (1972) bis 1984 lebte, bevor sie nach vier Jahren in Frankfurt 1988 nach Wien zurückkehrte.
Prosa und Kolumnen
Ihr immer schon langsamer Publikationsrhythmus reduzierte sich nach den Prosasammlungen "Schlechte Wörter" (1976) und "Meine Sprache und ich" (1978) sowie dem ebenfalls 1978 erschienenen Gedichtband "Verschenkter Rat" weiter. 1987 folgte der Prosaband "Kleist, Moos, Fasane", Ende der 1990er Jahre begann Aichinger Kolumnen für die Wiener Tageszeitung "Der Standard" zu schreiben, die in mehreren Bänden erschienen, wie "Film und Verhängnis" (2001) oder "Unglaubwürdige Reisen" (2005).
Während bei der ersten Sammlung noch ein klarer Gestaltungswille Aichingers für die Buchausgabe sichtbar wird, wirft die zweite, nur mehr chronologisch gereihte Sammlung Fragen in Bezug auf die tatsächliche Autorschaft bzw. das Ausmaß der redaktionellen Bearbeitung auf. Die mitunter auch selbsternannten Berater und Betreuer der greisen Ilse Aichinger waren hier vielleicht nicht immer nur hilfreich.
Insgesamt umfasst ihr Werk einen Roman, mehrere Hörspiele, ein knappes Dutzend Lyrik- und Prosabände, durchgehend schmale Bücher, deren Fülle und Dichte allerdings immer wieder überraschen. Ehrungen blieben nicht aus, neben vielen anderen erhielt sie zwei Mal, 1961 und 1991, den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1995 endlich auch den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Doch Aichinger ist immer eine Figur am Rande des Betriebs geblieben. Zu Beginn ihrer Karriere war freilich auch kein anderer Platz vorgesehen.
Hans Werner Richter, egomaner Organisator der "Gruppe 47", berichtet in einem Porträt Ilse Aichingers von seiner freudigen Überraschung, dass sie nämlich gar kein "Pummelchen" war, vielmehr bei ihren Auftritten "einige meiner Tagungsteilnehmer so stark anzog, daß sie . . . die Contenance verloren". Freilich, so Richter, waren es nicht Aichingers Texte, "die eine solche Verzauberung hervorriefen, es war vor allem ihre Stimme, in deren Bann man geriet. (. . .) Man konnte der Melodie dieser Stimme nachgeben, ohne daß einem bewußt wurde, was da gesagt wurde."
Richters Porträt endet mit dem Bericht eines kollektiven Bordellbesuchs während der Tagung in Niendorf 1952, den der wackere Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks Ernst Schnabel als Überraschungscoup organisiert hatte. "Unsere beiden neu entdeckten Dichterinnen", so Richter über ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, "hockten auf einer Couch, eng aneinandergeschmiegt, so, als wären sie unversehens in einen Sturm gekommen". Man kann das als zeittypische Altherrenprosa abtun, doch es zeichnet ein griffiges Bild der Situation, die Autorinnen im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit vorfanden.
Bei einem Besuch Richters in Wien führt ihn Ilse Aichinger durch die Stadt, und "nie erwähnte sie . . . ihre eigene Vergangenheit, etwa im Dritten Reich. Es war, als hätte sie selbst den Mantel des Vergessens darübergehängt. Nur einmal sagte sie: Hier, an dieser Stelle, habe ich gestanden, als meine Verwandten abtransportiert wurden. (. . .) Damals fragte ich nicht weiter, vielleicht aus Angst, mehr zu erfahren, als ich hören wollte."
Wer das nicht hören will, verfehlt freilich programmatisch ihr Werk, das wie kaum ein anderes topografische Realien und Erinnerungsbewegungen zusammenführt zu einer Geografie der Verfolgung, die all jene einschließt, die den Holocaust nicht überlebt haben. "Ich sehe täglich einen grünen Esel über die Eisenbahnbrücke gehen. (. . .) Ich weiß nicht woher er kommt (. . .) Ich vermute aber, aus dem aufgelassenen Elektrizitätswerk jenseits der Brücke, von wo die Straße pfeilgerade nach Nordwesten geht (eine Weltrichtung, mit der ich ohnehin nie etwas anfangen konnte)", heißt es in der Erzählung "Mein grüner Esel", einem subtilen Memorial für die Deportierten; der hoffnungsgrüne Esel hält das Andenken lebendig und bleibt unerreichbar. Mit den Jahren, die vergehen, lässt sich zumindest davon träumen, dass "er manchmal schläft, anstatt zu sterben".
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