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Update: 14.11.2011, 17:01 Uhr
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Ein kunstvoller Ego-Trip

Kermani, Navid: Dein Name


Von Hermann Schlösser

  • Navid Kermanis monumentaler Roman "Dein Name" zeichnet ein Selbstbildnis des Autors, in dem zugleich eine reiche Welterfahrung enthalten ist.

Navid Kermani, Philologe, Romancier und Redner.

Navid Kermani, Philologe, Romancier und Redner.© EPA Navid Kermani, Philologe, Romancier und Redner.© EPA

"Es ist Donnerstag, der 8. Juni 2006, 11:23 Uhr auf dem Laptop, der einige Minuten vorgeht, also 11:17 Uhr ungefähr, oder, da er den Satz noch schreibt, 11:18 Uhr." Mit diesem Satz, der nichts anderes darstellt als das Vergehen der Zeit, beginnt das wahrscheinlich eigenwilligste Stück Prosa, das heuer in deutscher Sprache erschienen ist. Der Verfasser dieses 1228 Seiten starken literarischen Kraftaktes heißt Navid Kermani. Er ist 1967 als Sohn iranischer Einwanderer in der Stadt Siegen geboren, die er mit dem Einheimischenwitz: "Was ist schlimmer als verlieren? Siegen" charakterisiert. Kermani, der in seinem auskunftsfreudigen Buch auch mitteilt, dass sein Vorname auf der langen Endsilbe betont wird ("Naviiid"), ist praktizierender Muslim und studierter Orientalist. Er hat sich mit einer philologischen Studie über das "ästhetische Erleben des Koran" habilitiert ("Gott ist schön", 1999), hat eine Reihe von Essays und Romanen verfasst und zählt in Deutschland zu jenen Intellektuellen, die in Debatten zum Themenbereich Migration und Multikulturalität gehört werden.

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Jetzt hat Kermani also alles beschrieben, was ihm zwischen dem 8. Juni 2006, 11:23 Uhr und dem 11. Juni 2011, 10:15 Uhr widerfahren ist. Der Titel des Ganzen, "Dein Name", scheint willkürlich gewählt zu sein. Im Lauf des Textes werden eine Reihe anderer Titel erwogen, u. a. "In Frieden", aber auch "Der Roman, den ich schreibe" oder "Der Riesenknödel", die ebenso passend wären.

Aber wie auch immer benannt, die Aufschreibsysteme des Autors sind jedenfalls auf der Höhe der Zeit: Kermani arbeitet nicht mit dem Notizblock, sondern mit dem Notebook, und er integriert SMSe, E-Mails, Interneteinträge und Nachrichten vom Anrufbeantworter in seinen Text.

Information

Navid Kermani liest am 7. November um 20.00 Uhr im Akademietheater und eröffnet damit die heurige BUCH WIEN Lesefestwoche. Eintritt: 18.- Euro.

Navid Kermani: Dein Name. Roman. Hanser Verlag, München 2011, 1228 Seiten, 35, 90 Euro.

Überhaupt ähnelt dieses Buch über weite Strecken einem Blog: Sehr ausführlich kommen die Ereignisse aus dem Privatleben des Autors zur Sprache: Die schwere Geburt seiner zweiten Tochter, die Herzoperation seines Vaters, seine eigene Hodenkrebs-Erkrankung, eine lang schwelende Ehekrise, aber auch wesentlich banalere Dinge, wie die Anschaffung einer Dunstabzugshaube für die Küche und dergleichen mehr.

Bei der Aufzeichnung all dieser Episoden scheint der Autor ein Programm zu befolgen, das er selbst auf den ersten Seiten des Buches in die Worte fasst: "Am liebsten würde er auch die Tippfehler bewahren. Wenn ihm ein Absatz nicht gefällt, streicht er ihn nicht, sondern schreibt im nächsten Absatz, dass der vorige ihm nicht gefallen hat. Nichts geht verloren, alles ist wert, aufbewahrt zu werden, alles von gleichem Gewicht, das Heilige und die Waschmaschine."

Im Lauf des langen Schreibprozesses wird dem Autor, der über sich gern in der dritten Person spricht, jedoch immer klarer, dass sich dieses schlichte Spontaneitäts-Programm auf Dauer nicht befolgen lässt. "Alles" lässt sich auch im umfangreichsten Buch nicht erfassen, deshalb muss eine Auswahl stattfinden. Da Kermani alles andere als ein naiver Schriftsteller ist, bedenkt er in seinem Buch die Kriterien und Prinzipien seiner Auswahl genau. Somit ist "Dein Name" nicht nur ein Roman, sondern zugleich auch eine Reflexion über das Schreiben eines Romans. Aus Poesie wird Poetologie, aus Erzählung Essay. Freunde und Freundinnen des fröhlichen Fabulierens werden mit einem solchen Buch nicht allzu viel Vergnügen haben - wer aber beim Lesen gerne denkt, wird von Navid Kermani nachhaltig dazu angeregt.

Ein Totenbuch
Das erste Ordnungsprinzip, mit dessen Hilfe Kermani seine Textmassen zu gliedern gedachte, war das Konzept eines Totenbuches. Der Autor musste erleben, dass in verhältnismäßig kurzer Zeit eine Reihe von Freundinnen, Bekannten und Verwandten starben. Er würdigte diese Toten in ausführlichen, liebevollen Nachrufen, die er in sein Buch aufnahm: in anderer Schrifttype gesetzt als der Fließtext und mit Bildern der Verstorbenen versehen.

Das Problem dieser "Totenbuch"-Konzeption wird dem Autor bald klar: Will er seinem Roman immer neue Nachrufe einverleiben, müssten ständig Menschen in seiner Umgebung sterben, damit ihm der Stoff nicht ausgeht. Und das kann sich vielleicht der Romanschreiber Kermani in vermessenen Augenblicken wünschen, nicht aber der Mensch gleichen Namens, der am Ende einer langen schriftstellerischen Entwicklung, auf S. 1217, erklärt: "Er will nicht, dass etwas gut ist für einen Roman, wenn es schlecht ist auf Erden."

Diese humane Einsicht zeitigt noch andere Folgen für Kermanis Buch. Wollte er am Anfang ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten anderer schreiben, unterzieht er den Text schließlich einer gründlichen Überarbeitung. "Die Tippfehler" möchte er nicht mehr erhalten (obwohl leider doch viele stehen geblieben sind, wie kritisch anzumerken ist), und vor allem löscht er diskret die Namen derer, die in seinem Buch vorkommen. Nur Künstler, die ohnehin jeder kennt, und Tote werden beim Namen genannt. Alle anderen Personen erhalten eine Art Pseudonym. Die drei älteren Brüder Kermanis, allesamt Ärzte wie schon ihr Vater, tauchen zum Beispiel nur unter den Berufsbezeichnungen "der Internist", "der Ophtalmologe" und "der Orthopäde" auf. Darin drückt sich womöglich auch ein gewisser Minderwertigkeitskomplex des Jüngsten aus, der als einziger Mann der Familie kein Mediziner ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-11-04 12:05:08
Letzte Änderung am 2011-11-14 17:01:34


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