
Die Menschen sind immer noch überrascht, wenn sie ihm das erste Mal persönlich begegnen, sagt er, und dass ihn das selbst am meisten wundern würde. "Die meisten scheinen wirklich Angst davor zu haben, dass ich im nächsten Moment die Axt raushole. Dabei habe ich noch nie einer Fliege etwas zuleide getan." Dale Peck lacht und nimmt noch einen Schluck Weißwein, Prost, auf die Menschen und auf die Macht des ersten Eindrucks. Angsteinflößend sieht er nicht wirklich aus, der glatzköpfige Bulle aus Long Island. Höchstens, wenn er ausnahmsweise mal finster dreinschaut. Was kaum passiert. Dale Peck ist ein fröhlicher Mensch, der gern lacht und gern redet. "Im persönlichen Kontakt merken die Leute in der Regel recht schnell, dass ich keiner von den Bösen bin. Aber ich bin mir bewusst, welcher Ruf mir vorauseilt."
Fast genau zehn Jahre ist es heute her, dass Peck im Literaturbetrieb der USA zu dem wurde, was die Amerikaner einen "echten Charakter" nennen. Was auf den Satz "Rick Moody ist der schlechteste Schriftsteller seiner Generation" folgte, mit dem Peck im renommierten Monatsmagazin "The New Republic" eine Kritik über dessen Werk "The Black Veil" einleitete, lässt sich heute nur mehr bedingt nachvollziehen. "Es ist schon wahr. Ich habe meine Bekanntheit vor allem diesem einen Satz zu verdanken. Aber ich habe es damals gesagt und ich sage es auch heute: Wenn dieser eine Satz genügt hat, um das auszulösen, was folgte, dann erzählt das mehr über den Zustand des amerikanischen Literaturbetriebs als über mich."
Meister der Verrisse
Bestsellerautor Moody ("The Ice Storm") galt damals wie heute als einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller der Vereinigten Staaten; Pecks Kritik dementsprechend als Majestätsbeleidigung. Von heute auf morgen rissen sich die großen Magazine und Zeitungen plötzlich um Portraits von "Peck, the Knife"(so schrieb die "New York Times", frei übersetzt heißt das: Peckie Messer), das Onlineblatt Salon.com kreierte gar einen neuen Terminus, um einen gnadenlosen Verriss zu beschreiben: "Pecked".
Dem Drängen seines Verlags - Peck war, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, schon damals mehr Schriftsteller als Kritiker -, der ihn angesichts des Hypes zum Handeln drängte, gab er trotzdem erst 2004 nach. So lange dauerte es bis zum Erscheinen von "Hatchet jobs: Writings on Contemporary fiction", einer Sammlung von Rezensionen, die seinen Ruf nur mehr zementierten (wozu der Autor nicht zuletzt selber beitrug: Das Cover von "Hatchet Jobs" ziert Peck mit einer buchstäblichen Axt in der Hand). Kurt Vonnegut, David Foster Wallace, Michael Cunningham, Thomas Pynchon: Mal mehr, mal weniger substanziell, aber immer unterhaltsam zerlegt Peck darin Teile des uvres dieser Ikonen - oder gleich das ganze, wie im Fall des im Vergleich zu diesen Denkmälern weniger legendären, aber kaum minder renommierten Sven Birkerts.
Dass Peck bis heute mit der ihm eigenen Mischung aus Respekt- und Furchtlosigkeit dann und wann übers Ziel hinausschießt, liegt angesichts seiner bisherigen Karriere quasi in der Natur der Sache. Wasser auf die Mühlen seiner zahllosen Kritiker gießt er in regelmäßigen Abständen selbst.
Rabauke und Kenner
Zuletzt trat er anlässlich eines internationalen New Yorker Literaturfestivals gehörig ins Fettnäpfchen, als er eine - von seinem Verlag vorzeitig online gestellte - Rede zum Thema "Jüdisch-amerikanische Literatur heute" mit folgenden Worten einleitete: "Wenn ich noch einmal ein Buch über den Holocaust lesen muss, werde ich selbst einen Juden töten". Es dauerte keine Stunde, bis der Satz aus dem Internet wie aus der Rede verschwunden war, aber der darum entstandene Rummel und der Imageschaden war getan. Den zu Recht bezogenen Prügeln standen und stehen laut Peck die Leute gegenüber, "die diesen Satz so gelesen und interpretiert haben, wie ich ihn gemeint habe: als ironische Spitze."
Heute gibt es praktisch nur mehr einen Bereich, in dem Peck selbst von seinen Kritikern Respekt gezollt wird: in seiner Eigenschaft als Auskenner, was Literatur angeht, die nicht aus den USA stammt; in einem Land, in dem lediglich drei Prozent der im Handel erhältlichen Bücher aus Übersetzungen aus anderen Sprachen stammen eine Nische, die außer Peck nur wenige andere abdecken.
Ende vergangenen Jahres schrieb er für die Literaturbeilage der "New York Times" eine sechsseitige Geschichte, in der er Leben und Werk eines in Nordamerika bis dahin außerhalb von Germanistenkreisen de facto unbekannten österreichischen Schriftstellers einordnete. Seit dem Erscheinen des Stücks erlebt dieser Autor eine kleine "Entdeckung" in den USA. Der Name des Schriftstellers: Thomas Bernhard. "Natürlich freut mich das, weil Bernhard einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller ist. Wie man der Geschichte hoffentlich angemerkt hat", sagt Peck.
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