
Kleist ist ein veritables Rätsel. Das wird er auch trotz der Büchermassen bleiben, die in beständiger Regelmäßigkeit und gehäuft zu Jubiläen wie dem nunmehr zu begehenden 200. Todestag (am 21. November) über dem schmalen Werk geradezu ausgeschüttet werden. Die rätselhafte Schönheit, das ungestüm Extremistische seiner eigensinnigen Texte sind dadurch aber wenigstens ein Stück weit verständlicher geworden.
Das letzte Kleist-Jubiläum ist noch gar nicht so lange her: 2007 (zum 230. Geburtstag) war es, da legten der Literaturwissenschafter Gerhard Schulz und der Journalist Jens Bisky bereits zwei umfangreiche Biografien vor. Die Wahl fiel damals leicht: Gegen die kenntnisreiche, auf subtilen Textanalysen basierende Studie von Schulz hatte das Buch des "SZ"-Journalisten Bisky kaum eine Chance. Ähnlich ist die Situation auch heuer: Ein Literaturjournalist tritt gegen einen Germanistik-Professor an - und unterliegt, wenngleich knapper als beim vier Jahre zurückliegenden Duell.
Peter Michalzik, der Feuilletonredakteur der "Frankfurter Rundschau" hat ein lebensnahes Porträt des Dichters geschrieben, das gut lesbar ist und insbesondere auf dessen schwierige Lebensumstände fokussiert. Verständlich wird, welch einsame Position dieser große Außenseiter in einer ihm fremden Welt innehatte. Eine besondere Stärke des Buches ist die Analyse der Briefe Kleists, die ja einen eminenten Teil seines Werkes darstellen, zumal was biografische Informationen betrifft. Michalzik geht hierbei bewusst "fundamentalistisch" vor, tritt voraussetzungslos an die Briefzeugnisse heran, um zu sehen, was sie uns über den Dichter sagen.
Das ergibt nicht immer ein positives Bild: Wie herablassend und tyrannisch verfährt er etwa in seinem Briefwechsel mit Wilhelmine von Zenge, die er oberlehrerhaft gemäß seinen verqueren Idealen zu erziehen versucht, um sie dann einfach sitzen zu lassen. Wer also den Menschen und Zeitgenossen Kleist besser verstehen will, der ist mit "Kleist. Dichter, Krieger, Seelensucher" gut beraten.
Zu Günter Blambergers Biografie hingegen sollten jene greifen, die den Schriftsteller, Künstler und insbesondere "Projektemacher" Kleist besser verstehen wollen. Der an der Universität Köln lehrende Literaturwissenschafter ist als Präsident der Kleist-Gesellschaft hinreichend als Experte ausgewiesen und demonstriert seine Sachkenntnis auf beeindruckende Weise, indem er exzellente Analysen des Werkes liefert sowie des Selbstmords am Kleinen Wannsee im November 1811 mit der todkranken Geliebten Henriette Vogel.
Exemplarisch zeigt Blamberger, dass nicht das Leben, sondern die Texte die eigentliche Existenz eines Dichters ausmachen - zumal in einem Fall wie Kleist, von dem wir nicht einmal genau wissen, wie er aussah.
Lücken im Lebenslauf
Unsere wenigen gesicherten Kenntnisse über Kleist verdanken sich in erster Linie seiner eigenen Selbstdarstellung in Briefen. Für den eng befreundeten Offizier Otto August Rühle von Lilienstern, dem er auch die Schrift mit dem schönen Titel "Aufsatz den sicheren Weg des Glücks zu finden und ungestört, auch unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn zu genießen" widmete, hatte Kleist die autobiografische Aufzeichnung "Geschichte meiner Seele" verfasst, welche jedoch verloren ging. Oder auch nicht.
Denn wie der Autor Rapahel Graefe uns zu verstehen geben möchte, ist ihm das so lange verschollene Manuskript durch Zufall in die Hände gelangt, weshalb er es uns zur gefälligen Kenntnisnahme vorlegt. Die Lektüre dieser Nachdichtung erweist sich jedoch als wenig erquicklich. Einmal abgesehen von den sprachlichen Schwächen des Buches, das weit vom Stil Kleists entfernt liegt sowie gewissen kompositorischen Schwächen, scheitert der "Herausgeber" daran, die allzu vielen Lücken im Lebenslauf des Dichters auf spannende oder überraschende Weise zu füllen.
Das Missglücken derartiger Bücher, die sich in die Köpfe von Schriftstellern oder deren Begleitpersonen hineinzusetzen versuchen und zu Jubiläen wie Satelliten die eigentlichen, gewichtigen Beiträge umkreisen, ist durchaus symptomatisch. Heuer etwa erschien u.a. Tanja Langers Erzählung "Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit", in der es, gemäß dem Untertitel um "Die letzte Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist" geht. Natürlich ist Langers Version der letzten Stunden eine legitime, und wer sich für historische Stoffe interessiert, soll gerne zu diesem schmalen Band greifen- so lange er nicht glaubt, einen tatsächlichen Einblick in das Handeln der beteiligten Charaktere zu erhalten.
Germanistik für alle
Handfesteres bieten die neue Studie des Kleist-Experten Walter Hinderer sowie ein von Nicolas Pethes herausgegebener Sammelband. Es ist erstaunlich zu sehen, welch überraschende Schlüsse oder faszinierenden Detailbeobachtungen im rätselhaften Werk Kleists Germanisten machen. Spannend und aufschlussreich ist auch ein neu aufgelegter Klassiker der Sekundärliteratur, nämlich Jochen Schmidts exzellentes Buch über die "Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche". Diese drei Bücher zeigen, dass Literaturwissenschaft nicht unbedingt eine rein akademische Angelegenheit sein muss, sondern auch einer allgemeinen Leserschaft hilfreiche Verständnisdienste bieten kann.
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