• vom 16.11.2011, 14:35 Uhr

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Update: 16.11.2011, 15:31 Uhr
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James Matthew Barrie schreibt sich mit einem einzigen Werk der Literaturgeschichte ein: Peter Pan

Die Abgründe des ewigen Kindes


Von Edwin Baumgartner

  • Peter Pan bezahlt für die ewige Jugend den Preis des Vergessens.

Das ewige Kind fliegt im Burgtheater: Markus Meyer als Peter Pan in der Inszenierung von

Annette Raffalt. - © Anna StÃ?¶cher

Das ewige Kind fliegt im Burgtheater: Markus Meyer als Peter Pan in der Inszenierung von

Annette Raffalt.
© Anna StÃ?¶cher

Wie schön wäre es doch, ewig ein Kind zu sein. Wirklich? Einen gibt es, der es geschafft hat - auch, wenn er lediglich eine literarische Gestalt ist: Peter Pan. Ab Sonntag fliegt der ewige Bub im Wiener Burgtheater.

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Als Hohelied an die immerwährende Kindheit hat der schottische Schriftsteller James Matthew Barrie seinen später von ihm selbst dramatisierten Roman gedacht. Doch wie es bei vielen großen Autoren geschieht: Auch diese Geschichte entwickelt sich unter den Händen ihres Schreibers zu etwas Anderem. Die dunklen Seiten sind unübersehbar.

Barrie allerdings ist kein Parallelfall zu jenem des anderen großen britischen Kinderbuch-Autors, Lewis Carroll. Während Carroll in seinen Büchern seine pädophilen Neigungen kompensiert, sind Barries Neigungen über jeden Verdacht erhaben. Zumindest beinahe. Er mochte Kinder, so ist die Meinung der meisten Biografen, vielleicht, weil er sich beim Schreiben in eine Art Wunsch-Kindheit versetzte.

James Matthew Barrie liebte Kinder - pädophil dürfte er nicht gewesen sein.

James Matthew Barrie liebte Kinder - pädophil dürfte er nicht gewesen sein. James Matthew Barrie liebte Kinder - pädophil dürfte er nicht gewesen sein.

Der Vater des am 9. Mai 1860 im schottischen Kirriemuir geborenen James Matthew Barrie ist ein halbwegs erfolgreicher Weber. James Matthew ist eines von zehn Kindern der Familie, von denen drei im Kindesalter sterben.

Barrie strebt schon während seiner Schulzeit und seines Studiums an der Universität von Cambridge eine Karriere als Autor an. Er arbeitet als Journalist und verfasst Kurzgeschichten, die er gesammelt in "Auld Licht Idylls" (1888), "A Window in Thrums" (1890) und "The Little Minister" (1891) vorlegt. Es sind alt-schottische Idyllen, das signalisiert schon die schottische Schreibung "auld" statt des herkömmlichen "old". Die Kritiker verreißen sie als "sentimental" und "unzeitgemäß". Den Lesern aber gefallen sie und begründen Barries Ruf als Schriftsteller.

Nach seinem Umzug nach London schreibt Barrie vor allem für das Theater, wo er auch seine Frau, die Schauspielerin Mary Ansell, kennenlernt. Als Dramatiker hat er zuerst wenig Erfolg, doch 1901 hat er mit "Quality Street" seinen Durchbruch, und ein Jahr später wird "The Admirable Crichton" gefeiert. Vor allem diese originelle Satire festigt Barries Ruf: Da strandet eine wohlhabende Familie samt Butler auf einer einsamen Insel. In dieser Extremsituation schwingt sich der Butler zum Herrn über seine Herrschaft auf. Doch nach der Rettung fallen alle in die alten Rollenmuster zurück.

Eine Begegnung im Park
Fünf Jahre zuvor, 1897, beginnt mit einer Begegnung in den Kensington Gardens ein Stück Literaturgeschichte: Barrie begegnet auf einem seiner Spaziergänge den fünf Söhnen von Sylvia und Arthur Llewelyn Davies in Begleitung ihres Kindermädchens. Barrie spricht sie an. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem Schriftsteller und den Kindern, denen er Geschichten erzählt. Erst später freundet sich Barrie auch mit den Eltern an.

Barrie verarbeitet diese Freundschaft in seinem Buch "The Little White Bird", das sich um die Freundschaft eines pensionierten Offiziers zu einem der Arbeiterklasse entstammenden Buben dreht. Im Mittelteil dieser Erzählung erscheint erstmals die Gestalt des ewigen Buben Peter Pan. Dieser Teil des Buchs wurde auch separat veröffentlicht.

Am 27. Dezember 1904 ist dann die Theater-Sensation perfekt: "Peter Pan, or The Boy Who Wouldn’t Grow Up" (Peter Pan oder: Der Bub, der nicht erwachsen werden wollte) wird bei der Uraufführung umjubelt.

Doch was an der Oberfläche eines der besten Stücke für Kinder ist, die jemals geschrieben wurden, hat beunruhigende Dimensionen. Schon der Name Peter Pan ist eine Seltsamkeit: Barrie verbindet einen der gebräuchlichsten Vornamen mit dem des griechischen Waldgottes, der dem Gefolge des Orgiasten-Gottes Dionysos zugezählt wird. Zumindest in einem Punkt ist der griechische Pan das Gegenteil seines britischen Namensvetters: Der Gott ist, zumindest in der Überlieferung des Plutarch, sterblich. Peter Pan hat indessen in seinem Reich "Never Land" durch die ewige Jugend auch das ewige Leben.

Das "Never Land" ist dabei kein Paradies - vielleicht gerade deshalb, weil dort alles wahr wird, woran man glaubt. Deshalb kann Peter Pan fliegen. Die Abenteuer und Gefahren entsprechen dabei mehr oder weniger jenen Versatzstücken, denen man in der Kinder- und Jugendliteratur jener Zeit begegnet. Peter selbst allerdings ist aufgrund seines Egoismus und seiner Rücksichtslosigkeit als Integrationsmodell für Kinder ungeeignet.

Begründet ist Peters Verhaltensweise freilich: Er muss, um jung zu bleiben, alles Veränderliche vergessen. So vergisst er seinen von ihm besiegten Gegenspieler, den Piraten Captain Hook, ebenso wie seine, Peters, Helferin, die Fee Tinkerbell, die, das deutet Barrie an, stirbt. Das Vergessen inkludiert, dass Peter sich über sein Verhalten nie Rechenschaft ablegen muss - womit sein Gewissen ausgeschaltet ist. Der Höhepunkt dieses Vergessens: Peter vergisst Wendy, die er ins Never Land entführte, damit sie für die Kinder des Landes eine Art Ersatzmutter spielt. Wobei Wendy für Peter Mutter und Beinahe-Geliebte in einer Person ist.




Schlagwörter

Peter Pan, Barrie, Theater, Literatur

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-11-16 14:41:15
Letzte Änderung am 2011-11-16 15:31:38


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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