• vom 26.11.2011, 08:00 Uhr

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Befreiende Grausamkeit


Von Christian Hoffmann

  • Die Kriminalromane der Japanerin Natsuo Kirino haben in ihrem Heimatland Skandale ausgelöst. Für die gewalttätigen Frauen, die in ihren Büchern Angst und Schrecken verbreiten, haben Kritiker den Begriff "feminist noir" verwendet.

 - © Getty Images

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Yayoi Yamamoto ist eine durchschnittliche junge Japanerin, verheiratet mit einem kleinen Angestellten, zwei Kinder. Das Paar lebt in einer billigen Gegend von Tokyo, die Ehe läuft schlecht, das Geld ist knapp. Das sind die Rahmenbedingungen für die entscheidende Szene im Morgengrauen, bei der sich die Ehepartner im Vorzimmer ihres Hauses in einem heftigen Streit gegenüber stehen. "In einer Geschwindigkeit, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte", heißt es über die zarte Yayoi, "hatte sie den Ledergürtel von der Hose gezogen und Kenji um den Hals gelegt." Ehe Kenji, der betrunkene Ehemann, begreift, was da passiert, hat seine Gemahlin die Schlinge bereits zugezogen. "Tief aus seiner Kehle klangen jetzt Laute wie das Quaken eines Frosches", heißt es weiter. "Ein herrliches Gefühl! Sie wunderte sich selbst maßlos, woher sie die tobende Raserei, die brutale Grausamkeit nahm, die irgendwo in ihr geschlummert haben musste, aber eines stand fest: Sie auszukosten war ein unendlich erfrischendes, befreiendes Gefühl."

Information

Website Natsuo Kirino

BÜCHER VON NATSUO KIRINO:

Die Umarmung des Todes. Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns. Verlag Goldmann, München 2003. 608 Seiten.
Teufelskind. Aus dem Japanischen von Frank Rövekamp. Verlag Goldmann, München 2008. 224 Seiten.
Grotesk. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Verlag Goldmann, München 2010. 608 Seiten.

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Der Mord, den Yayoi an ihrem Ehemann begeht, steht am Beginn eines Romanes, der im japanischen Original den Titel "Out" trägt, in der deutschen Übersetzung "Die Umarmung des Todes". Das Buch, das im Jahr 1997 erschien, wurde ein Skandal und machte seine Autorin, Natsuo Kirino, weltberühmt. Die Empörung soll in Japan so groß gewesen sein, dass sich der Moderator einer Radiosendung, zu der die Autorin eingeladen worden war, weigerte, das geplante Interview mit ihr zu führen: Ihr Werk sei zu abstoßend und unmoralisch.

Bei "Die Umarmung des Todes" handelt es sich keineswegs um einen traditionellen Kriminalroman, in dem ein scharfsinniger Detektiv über die Lösung eines kriminellen Rätsels grübelt. Das Buch ist auch nicht zarten Gemütern zu empfehlen, die auf Kirschblütenromantik und japanischen Lokalkolorit aus sind. Der Mord, der die Handlung in Gang setzt, findet in einer freudlosen Welt endloser Plackerei, chronischer Geldnot und erstickender gesellschaftlicher Konventionen statt. Die Kolleginnen von Yayoi, die bei der Entsorgung des getöteten Ehemannes helfen werden, arbeiten mit ihr in einer Fabrik, in der sie am Fließband und in Nachtschichten Fertiggerichte herstellen. Die Übung im Zerteilen und Verpacken von Fleisch, die sie sich bei dieser Tätigkeit in langen Jahren angeeignet haben, wird ihnen nützen, wenn es darum geht, den ehelichen Leichnam in kleinen Paketen zu entsorgen.

Die Aktivitäten der vier Frauen ziehen allerdings nicht nur die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich, sondern auch die der Unterwelt. Und so bekommen sie schließlich ein Angebot, das sie kaum ablehnen können: Sie sollen gegen gute Bezahlung auch andere Tote entsorgen. Wie in einem Albtraum wiederholt sich die makabre Szene im Badezimmer einer Kollegin von Yayoi, mit dem kleinen Unterschied, dass es sich bei dem zu Zerlegenden nicht mehr um einen unzuverlässigen Ehemann, sondern um einen Unbekannten handelt, "um einen kleinen mageren Mann, um die sechzig". Wieder wird das Geschehen in großer Anschaulichkeit geschildert, ist es doch "der Arbeit in der Lunchpaket-Fabrik gar nicht so unähnlich, solange man nur die Angst und das Grauen betäubt".

Eine Ohrfeige

Natsuo Kirino beeindruckt ihre Leser nicht nur mit einem meisterhaft gebauten Plot, sondern vor allem mit einem merkwürdig kalten Blick auf den Alltag ihrer Figuren. Masako Katori, eine Arbeitskollegin der Mörderin und die eigentliche Hauptfigur des Romans, hatte ursprünglich in einer Bank gearbeitet und war "im Zuge der Seifenblasen-Ökonomie" langsam in die Welt der Fließbandarbeiterinnen abgestiegen. Und das obwohl "sie stets ordentlich und mit Würde in der grauen Uniform, die an ihr immer wie frisch aus der Reinigung wirkte, vor ihrem Online-Terminal gesessen hatte". Ihre Erinnerungen an die Jahre in der Darlehenskasse ist voll von "himmelschreienden Ungerechtigkeiten", hartnäckiger Benachteiligung gegenüber den männlichen Kollegen und gnadenlosem Mobbing, nachdem sie es gewagt hatte, dieses Thema anzusprechen, das darin gipfelte, dass ihr ein Vorgesetzter, "ein völlig unfähiger, wesentlich jüngerer Mann", eines Abends im Zuge von Überstunden eine Ohrfeige verpasste, weil sie ihn auf einen Fehler aufmerksam macht.

Angesichts solcher gesellschaftlicher Zustände bekommen die mörderischen Ereignisse in dem Roman eine Dimension, die natürlich den Rahmen bloßer Unterhaltungsliteratur sprengt. Nicht zufällig wurde in Verbindung mit den Büchern von Natsuo Kirino der Begriff "feminist noir" geprägt, die kriminalistische Handlung ist der Rahmen, in dem Zustände in einem höllischen Japan geschildert werden, einem Japan, in dem sich Mann und Frau in tiefer, von der Gesellschaft vorgegebener Feindschaft begegnen.

Die Frau, die mit solchen Büchern Skandale auslöste, ist Jahrgang 1951 und war von Beruf ursprünglich Juristin. Sie arbeitete in verschiedenen Jobs, von der Marktforschung bis zum Journalismus und der Arbeit als Drehbuchautorin. Ihre eigenen Bücher begann sie in den 80er Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes zu schreiben, ironischer Weise zunächst Liebesromane und Jugendbücher. Den Kriminalroman entdeckte sie erst im Laufe dieser Arbeit und hatte damit auf Anhieb Erfolg. 1993 erschien "Regen auf ihrem Gesicht", ein Buch über eine japanische Detektivin, das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-11-24 11:08:07
Letzte Änderung am 2011-11-24 15:45:55


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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