
Wie war das doch gleich mit dem essayistischen Roman? Der österreichische Autor Robert Musil habe diesen Roman-Typus mehr oder weniger erfunden. In der Folge habe sich diese Form, in welcher der Autor den Bogen der Erzählung aus einem Mosaik von Texten zusammensetzt, zu einer typischen Erscheinungsform der Moderne entwickelt. Was, bitte, soll denn Herman Melvilles "Moby Dick", diese (Wal-)Schwarte von Abenteuer-Literatur des 19. Jahrhunderts, damit zu tun haben, die am besten verfilmt gefällt - das jüngste Ergebnis zeigt übrigens RTL am kommenden Sonntag.
Doch die (Wal-)Schwarte ist nur eine (Wal-)Schwarte wegen der Dinge, die man ihr angetan hat. Man hat "Moby Dick" kürzend abgespeckt, umgeschrieben, zur Jugendliteratur simplifiziert, auf die spannende Geschichte reduziert vom verrückten Kapitän, der den weißen Wal jagt, der ihm ein Bein abgebissen hat. Nur: Genau das, eine herkömmliche Abenteuer- und Seefahrer-Geschichte nämlich, ist "Moby Dick" nicht - wie ja kaum eine Erzählung Melvilles ist, was sie an der Oberfläche zu sein vorgibt.
Melville, am 1. August 1819 in New York City als Sohn eines erfolglosen Importkaufmanns geboren, lernt Seefahrt und Walfang selbst kennen. Nachdem er als Lehrer einer Grundschule gearbeitet hat, heuert er 1841 auf einem Walfänger an, desertiert 1842, heuert auf dem australischen Walfänger "Lucy Ann" an, nimmt an der Rebellion auf diesem Schiff teil, wird deswegen inhaftiert und heuert danach auf der amerikanischen Fregatte "United States" an.

Der Erfolg seiner Erzählungen "Typee", "Omoo", "Redburn" und "White-Jacket" ("Weißjacke"), in denen er eigene Erlebnisse aufarbeitete, ermöglicht es Melville, an Land sesshaft zu werden. Er heiratet und lässt sich auf einer Farm nieder. Seine späteren Erzählungen jedoch überfordern die Leser, seine Bücher haben keinen Absatz. 1863 muss Melville die Farm verkaufen. 1866 nimmt er den Posten eines Zollinspektors im New Yorker Hafen an. Er gilt als einziger unbestechlicher Beamter der notorisch korrupten Behörde. 1885 scheidet er aus dem aktiven Dienst aus.
Die zentralen Sätze zum Verständnis von Melvilles Werk stehen in "White-Jacket": "Gleich einem Kriegsschiff, das durch die Meere segelt, durchsegelt diese Erde den Weltenraum. Wir Sterbliche sind alle an Bord einer schnell dahinsegelnden, niemals sinkenden Weltenfregatte, deren Schiffbaumeister Gott ist; und sie ist nur ein einziges kleines Fahrzeug in der Milchstraßenflotte, deren Großadmiral Gott ist." Melville versteht seine Romane nicht als Erzählungen - sie transzendieren ihr vordergründiges Thema zum religiösen Gleichnis. Melville schreibt auf gewisse Weise Heilsgeschichten - Evangelien.
Ahabs Rache an Gott
In "Moby Dick" geben schon die Namen den Hinweis. Gleich der erste Satz zeigt die Doppelbödigkeit: "Nennt mich Ismael", sagt der Ich-Erzähler; nicht etwa "Ich heiße Ismael". Der Erzähler ist nicht Ismael, er ist ein Ismael: Er setzt sich dem verstoßenen Sohn von Abraham und Hagar gleich.
Der Name des Kapitäns Ahab wiederum spielt einerseits auf den alttestamentarischen König der Israeliten an, der den Baal-Kult wiedereinführt und dessen Blut die Hunde lecken, andererseits auf den falschen Propheten, den Jeremias erwähnt. Wenn Ahab eine Golddublone an den Mast nagelt, errichtet er ein Götzenbild, und in einer Art Kommunions-Ritual schwört er die gesamte Mannschaft auf seine eigene Person ein.
Der weiße Pottwal, der Ahab ein Bein abgebissen hat und den Ahab jagt, um an ihm Rache zu nehmen, wandelt sich zum Inbegriff der Natur, in der sich kein eigener individueller Wille, sondern einzig der Wille Gottes manifestiert. Dadurch wird Ahabs Rache am Wal zu einer Rache an Gott.
Während kein einziger anderer Autor des 19. Jahrhunderts dermaßen weit in den Bereich der Metaphysik vordringt, revolutioniert Melville obendrein die Struktur des Romans. Schon in "Redburn" und "White-Jacket" reiht er, statt geradlinig zu erzählen, in sich abgeschlossene Kapitel zum Leben auf einem Schiff. Nicht der Autor trägt die Handlung vor: Der Leser destilliert sie aus den Inhalten der Essays.
In "Moby Dick" nimmt die Handlung nur etwa die Hälfte des Romans ein. Die andere Hälfte besteht aus in sich abgeschlossenen wissenschaftlichen Abhandlungen, Darstellungen des Lebens an Bord, Betrachtungen und Meditationen. An die Stelle der Schilderung eines Ereignisses tritt fallweise das Ereignis selbst, wenn Melville etwa das Kapitel "Erste Nachtwache" ohne jeden kommentierenden Zwischentext als Lied, Rede und Gegenrede der Wachhabenden ausführt. Aus der Vielfalt der Stimmen, die sich in den zahlreichen Sprachebenen manifestiert, setzt sich der Mikrokosmos dieses Schiffes zusammen, der seinerseits nur ein Abbild des Makrokosmos ist und zeigt, was geschieht, wenn sich die Welt, von einem falschen Propheten geführt, gegen Gott erhebt. Der falsche Prophet kann dabei auch ein - vermeintlich - christlicher sein, denn Melvilles Kritik am traditionellen Christentum ist so offensichtlich, dass die britische Ausgabe diese Passagen vorsichtshalber kürzte.
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