• vom 30.11.2011, 15:36 Uhr

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Update: 30.11.2011, 16:16 Uhr
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Rabindranath Tagore und Rudyard Kipling beschreiben Indien aus grundverschiedenen Perspektiven

Der Inder und der Imperialist


Von Edwin Baumgartner

  • "Die Bürde des Weißen Mannes" bringt einen Literaturnobelpreisträger hervor.

Rudyard Kiplings Gedicht über die Völker der britischen und amerikanischen Kolonialstaaten als
"Bürde des Weißen Mannes" stieß schon zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung auf Widerspruch, etwa in der abgebildeten Karikatur, die Victor Gilliam 1899 im amerikanischen "Judge" veröffentlichte.

Rudyard Kiplings Gedicht über die Völker der britischen und amerikanischen Kolonialstaaten als
"Bürde des Weißen Mannes" stieß schon zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung auf Widerspruch, etwa in der abgebildeten Karikatur, die Victor Gilliam 1899 im amerikanischen "Judge" veröffentlichte.

Indien, 30. Dezember 1865: Während in Bombay eine Engländerin in den Wehen liegt, spielt in Kalkutta ein vierjähriges Kind in einem Palast. Jahre später werden der Engländer, der eben geboren wird, und der Inder, der gerade eine halbwegs erfreuliche Kindheit erlebt, zu den größten Autoren ihrer Nationen gehören. Beide werden sich mit Indien befassen, der eine aus der Sicht der Kolonialmacht, der andere aus der Sicht des Inders. Beide werden Mitglieder der Freimaurer. Beide werden sie den Literaturnobelpreis bekommen. Der Inder wird den Engländer verachten, der Engländer den Inder nicht wahrnehmen. Der Inder wird zum Modedichter in Europa, der Engländer zu einem der meistgehassten Autoren in Indien wie auch, etwas später, in Europa. Beide werden sie, lange nach ihrem Tod, nur noch in ihren Ländern ein Begriff sein: Rabindranath Tagore (1861-1941) steht mit seiner aufklärerischen Arbeit am Beginn des modernen Indien, dichtete die indische Nationalhymne - und ist in Europa so vergessen, dass sein 150. Geburtstag praktisch übersehen wurde; und Rudyard Kipling (1865-1936) gilt allenfalls noch in Großbritannien als einer der wichtigsten Autoren.

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Beide Dichter entstammen gut situierten Familien. Kiplings Vater ist Vorstand der Jeejeebhoy-Kunstschule, später wird er Direktor des Museums von Lahore. Zur Familie von Kiplings Mutter gehören der Politiker Maler Edward Burne-Jones und der dreimalige konservative Premierminister Großbritanniens, Stanley Baldwin.

Tagores Familie sind angesehene bengalische Brahmanen, sein Vater formulierte die Glaubenssätze des Brahmo, setzte sich mit dem Christentum auseinander und entwickelte einen vernunftorientierten Hinduismus. Obwohl die Familie verschuldet war, konnte sie ihren palastartigen Besitz behalten, der heute eine Universität beherbergt.

Der Barde des British Empire gerierte sich als Herrenmensch: Rudyard Kipling.

Der Barde des British Empire gerierte sich als Herrenmensch: Rudyard Kipling. Der Barde des British Empire gerierte sich als Herrenmensch: Rudyard Kipling.

Sowohl Kipling als auch Tagore erhalten eine umfassende Bildung. Tagore bricht die Ausbildung jedoch ab und begleitet seinen Vater auf dessen Reisen durch Indien in Sachen Religion. 1878 wird Tagore dann nach London geschickt, studiert Jus und Literatur, kommt freilich nicht einmal in die Nähe eines Studienabschlusses. Seine Familie ruft ihn deshalb zurück nach Indien und verheiratet den 22-Jährigen mit einem erst 10-jährigen Mädchen.

Für Tagore ist Englisch eine Fremdsprache - für Kipling auch. Denn sein Kindermädchen ist Portugiesin, seine andere Bezugsperson ein Hindu. Beide müssen den Buben wiederholt ermahnen, er möge mit seinen Eltern Englisch sprechen. Erst als Kipling im Alter von fünf Jahren zu Verwandten nach England gebracht wird, beginnt er, nicht nur in diese Sprache zu übersetzen, sondern auch in ihr zu denken.

Bildungsreform und "Dschungelbuch"

Durch ihn betritt auch Indien die Bühne der Weltliteratur:
Rabindranath Tagore.

Durch ihn betritt auch Indien die Bühne der Weltliteratur:
Rabindranath Tagore.
Durch ihn betritt auch Indien die Bühne der Weltliteratur:
Rabindranath Tagore.

Das also ist der familiäre und kulturelle Hintergrund jener beiden Autoren, durch die Indien seine ersten größeren Auftritte in der Weltliteratur hat. Denn die alte indische Literatur ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lediglich eine Sache für Fachleute.

Während Tagore in Indien an einer Bildungsreform arbeitet, Gedichte publiziert und Dramen aufführen lässt, fasst Kipling, ebenfalls von Indien aus, wo er als Journalist arbeitet, mit seinen - auf Englisch geschriebenen - Geschichten allmählich in Großbritannien Fuß und ist bei seiner Übersiedelung nach London längst kein Unbekannter mehr. Die beiden "Dschungelbücher", 1894 und 1895, entwickeln sich gar zum Sensationserfolg. (Im deutschen Sprachraum müssen sie freilich bis 1989 auf ihre erste vollständige und dem Original sprachlich adäquate Übersetzung durch Gisbert Haefs warten.) Der Roman "Kim", 1901 veröffentlicht, gilt sofort als Meisterwerk. Noch stören niemanden die politischen Unkorrektheiten des Romans, eher bewundert man den knappen, brillanten Stil mit seiner rhythmischen Prosa und seiner präzisen Ausdrucksweise. 1906 folgt "Puck of Pook’s Hill" ("Puck vom Buchsberg"), Erzählungen aus Englands Geschichte und eines der besten Kinderbücher, die jemals geschrieben wurden. Niemand rümpft die Nase, als Kipling 1907 der Literaturnobelpreis zuerkannt wird.

Ihn erhält auch, als erster Asiate, Tagore - sechs Jahre später. Und das gilt durchaus als Sensation. Denn Tagore ist im Westen fast völlig unbekannt. Dass der Inder überhaupt im Westen Fuß fassen kann, verdankt er seinen Dichter-Kollegen William Butler Yeats, Ezra Pound und George Bernard Shaw, die er auf einer Reise nach England 1912 kennenlernt. Genau genommen schaffte es Tagore innerhalb eines Jahres, vom gerade entdeckten Dichter zum Literaturnobelpreisträger aufzusteigen.

Über Kipling freilich rümpft Tagore die Nase: Er kann mit dem klischeebeladenen Indien, das Kipling darstellt, nichts anfangen. Tagore selbst freilich spielt die Klischees mit: Er akzeptiert es, wenn er als Mystiker und Heiliger aus einer fremden Kultur bestaunt wird - obwohl er in seiner Heimat genau diesem Bild entgegenwirkt. Bald gelten seine Werke in ganz Europa als die Dichtungen eines weisen Hindus, während Tagore in Indien den traditionellen Hinduismus durch eine vernunftorientierte Religion zu ersetzen sucht. Doch Konsequenz ist ohnedies nicht Tagores Sache: Schließlich kämpft er auch gegen die Kinderehe - und verheiratet seine beiden älteren Töchter mit zwölf und vierzehn Jahren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-11-30 15:41:20
Letzte Änderung am 2011-11-30 16:16:36


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