
New York. "Jajaja, alles schön und gut. Aber wie hieß der Mann mit der Gurke nochmal?" Der gebürtige Wiener Stefan Slupetzky ist ein so sympathischer wie in deutschsprachigen Landen bekannter Schriftsteller. Mit der Figur des Leopold Wallisch, einem aus niederen Beweggründen von der Wiener Polizei entlassenen Privatdetektiv, bereichert er seit 2004 die europäische Krimilandschaft. Er hat dafür unter anderem den Friedrich-Glauser-Preis bekommen. Es war bei weitem nicht seine erste Auszeichnung, hatte sich der Mann doch schon seit Mitte der Achtziger einen Namen in einem ganz anderen Genre gemacht: als Autor von Büchern für Kinder und Teenager.
In Amerika kennt ihn kein Mensch, von seinen Werken ganz zu schweigen. Aber es gibt Hoffnung, und die liegt in der Gurke. Jüngst fand in New York zum achten Mal das Festival für neue Literatur aus Europa statt, dessen Ausrichter - zum Großteil in Manhattan ansässige Kulturforen von EU-Ländern - diesmal die Kriminalliteratur zum Schwerpunkt gewählt hatten. Drei Tage voll mit Podiumsdiskussionen, Lesungen und Filmvorführungen zum Thema, verteilt über die ganze Stadt.
Klingt toll, wäre da nicht das Problem, dass sich das Interesse an Literatur aus Europa im Allgemeinen wie an der Kriminalliteratur im Besonderen sich selbst in der Kulturhauptstadt Amerikas in engen Grenzen hält; Autoren, die in ihren jeweiligen Heimatländern als Superstars gelten, werden in den USA nur wahrgenommen, wenn sie in Übersetzung vorliegen - und selbst dann landen sie im Land von James Ellroy, Elmore Leonard oder Walter Mosley gewöhnlich nicht in den Regalen der großen Buchhandlungen, in denen die Bücher der zeitgenössischen US-Krimiautoren stehen, sondern (falls überhaupt) in der Abteilung mit der Überschrift "Ausländische Literatur".
Krimi-Handelsbilanz
Das prinzipielle Verhältnis der Amerikaner zu Krimis, die in fernen Ländern spielen, beschreibt BJ Rahn, Anglistikprofessorin am Hunter College, so: "Die Faustregel lautet: Krimis aus den USA werden weltweit exportiert, Kriminalliteratur aus dem Rest der Welt findet ausschließlich ebendort statt. Ausnahmen bestätigen leider die Regel." Nachdem die Rahmenbedingungen so sind, geriet deshalb schon die Auftaktveranstaltung zu einer Art Eurovision Song Contest mit amerikanischem Publikum. Mit dem Unterschied, dass es kein halbgares Liedgut zu hören gab, sondern eine kurze Vorstellung plus eine auf Englisch gehaltene Lesung aus dem Werk des jeweiligen, in Europa in der Regel hochdekorierten Autors (plus eine in dessen jeweiliger Muttersprache).
Ein Lehrbeispiel, wie man es nicht machen sollte, lieferte der in Frankreich als Bestsellerautor gefeierte Caryl Férey. Nachdem er zunächst die bemühte wie betagte Moderatorin brüskiert hatte ("Es ist alles in Wirklichkeit ganz anders und ich werde dementsprechend auch etwas ganz anderes lesen als sie angekündigt haben"), klärte er im Anschluss das Auditorium im Prunksaal des Czech Center in einem endlosen Auszug aus einem seiner Bücher über seinen ewigen Helden Joe Strummer auf, den verstorbenen Sänger der Punk-Ikonen The Clash.
Nachdem diese Art von Ignoranz und Dummheit - New Yorkern etwas über Joe Strummer zu erzählen ist ungefähr so, wie Franzosen etwas über Serge Gainsbourgh - hatten es alle nach Férey Auftretenden entsprechend schwer. Was sich fallweise als schade erwies. So versäumte etwa jener Teil des Publikums, der nach dem peinlichen Auftritt die Veranstaltung vorzeitig verlassen hatte, die Präsentation des auf Kuba geborenen Jóse Carlos Somoza, dessen Roman "ZigZag" in einem Institut für Quantenphysik spielt, in dem eine Forscherin ermordet wird und dessen Werke bisher in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Oder den des Polen Zygmunt Miloszewski, in dessen Buch "Entanglement" ein Warschauer Staatsanwalt einem Mord nachgeht, dessen Motiv im Polen der bleiernen Achtziger verschüttet liegt. Oder der Rumänin Ana Maria Sandu, die in "Kill me" das Verhältnis zwischen einer alten Frau und einem Mädchen beschreibt.
Nun ist es immer seltsam, wenn in einer österreichischen Zeitung steht, dass sich ausgerechnet ein heimischer Autor am besten geschlagen hat, aber nachdem es, wie die Publikumsreaktionen zeigten, tatsächlich so war, sollte, ja darf man es auch nicht verschweigen. Eigenvorstellung plus Lesung beschränkte Stefan Slupetzky auf sieben Minuten, in der er das Publikum in tadellosem Englisch mit einer schrägen Episode aus seinem bisher letzten Roman "Lemmings Zorn" (Rowohlt) unterhielt: einer Szene, in der die hochschwangere Lebensgefährtin seines tapsigen Protagonisten ihre Wehen bekommt, was allerweil für Situationskomik sorgt (und die er mit einer privaten Anekdote verband, in der die Gurke an sich eine prominente Rolle spielt).
Nach Veranstaltungsende fanden sich zahlreiche Zuschauer ein, die am Büchertisch nach Werken des "Manns mit der Gurke" Ausschau hielten. Nur um zu erfahren, dass dieser bisher nicht ins Englische übersetzt sei. Am Ende drückten zahllose Festivalbesucher ihr Bedauern darüber aus, dass man den Wiener bisher nur auf Deutsch lesen kann.
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