"Wiener Zeitung": Herr Altmann, an welchen Tisch möchten Sie sich setzen?
Andreas Altmann: Dieser hier gefällt mir. Ich setze mich am besten mit dem Rücken zur Wand. Wenn ich keine Leibwächter um mich habe, möchte ich alles überblicken. Ich will wissen, wer oder was auf mich zukommt.
Fühlen Sie sich bedroht?
Nein, ich habe gerade einen Witz gemacht. Aber es gibt Menschen, die fühlen sich von meinen Büchern und Aussagen provoziert. Sie drohen. Das ist auch gut so. Ich möchte den Leuten in den Hintern treten, sie aus ihrer Lethargie reißen. Ich mag stänkern. Das löst bei manchen Leuten Aggressionen aus.

Sie sind als Reisereporter bekannt geworden, der die Leser an seinen Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lässt, Ihr neues, enorm erfolgreiches Buch "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" ist ebenfalls autobiografisch. Haben Sie in Ihrer Literatur jemals etwas erfunden?
Erfinden brauche ich nicht. Die Geschichten, die ich aufstöbere, sind stark genug. Manchmal verändere ich Namen, um jemanden zu schützen. Aber wenn ich Namen nennen will, dann nenne ich sie. Mein Buch über das Leben meiner Eltern, das ja auch ungeheure und haarsträubene Informationen über das gesellschaftliche Umfeld in Altötting preisgibt, wurde von Rechtsanwälten geprüft, es ist juristisch nicht anfechtbar. Ich bin somit verpflichtet, wasserdicht zu recherchieren.
Wann haben Sie entschieden, dass Sie Ihre brutale Kindheit literarisch verarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich machen werden?
Im Frühjahr 2009, bei einer Meditation. Plötzlich fiel mir der Titel des Buches ein und ich wusste, dass ich es jetzt schreiben kann. Früher konnte ich es nicht. Nicht nur, weil meine Eltern noch lebten. Ich musste erst Distanz finden, den richtigen Sound, ich durfte nicht in die Falle einer "Heulsusenprosa" tappen, es durfte nicht weinerlich oder wehleidig werden: Der Rotz musste hinein. Der Titel war der richtige Wegweiser, ich schrieb ihn sofort auf.
Oft reagieren Menschen mit Verdrängung, wenn sie solche traumatischen Kindheitserlebnisse hatten. Sie konnten sich noch nach fast 50 Jahren an genaue Details erinnern, weil Sie ab dem Alter von elf Jahren ein Tagebuch geführt haben. Wie liest sich für einen Erwachsenen ein Tagebucheintrag eines Elfjährigen, der von seinem Vater psychisch gequält und brutal geschlagen wurde?
Es liest sich ganz banal: "Vater hat mich heute wieder verprügelt und Detta hat zugeschaut, die blöde Sau." Das waren noch keine stilistischen Höhenflüge. Ich war als Kind und Jugendlicher kein guter Schreiber, das Talent lag tief verborgen. Mein Deutschlehrer las meine Aufsätze vor als Beispiel für schlechten Stil. Und er hatte nicht einmal Unrecht. Dennoch war das Schreiben bereits eine Art Rettungsboot, ein Fluchtweg, eine Lungenmaschine, die mich wieder atmen ließ. Ich fühlte mich besser, wenn ich alles aufgeschrieben hatte. Die Freude an der Schönheit einer brillanten Formulierung kam erst später. Mit 28 kleinen Buchstaben ist man imstande, von der Welt zu erzählen. Wäre mir der Zugang zum Talent des Schreibens verwehrt gewesen, hätte ich mich umgebracht.
Wie sind Sie an die Arbeit für das Buch herangegangen?
Wie bei meinen anderen Büchern auch. Ich habe viel recherchiert, auch in den Archiven von Altötting, habe Menschen befragt, die sich noch an die Zeit erinnern konnten. Dann begann ich zu schreiben. Ich arbeite dabei wie ein Maurer: jeden Tag morgens zur Baustelle, bei mir eben zum Schreibtisch. Der Maurer zieht Wände hoch, ich eben Seiten. Nach zehn Monaten war das Buch fertig.
Was wäre passiert, wenn das Buch von Kritik und Lesern nicht dermaßen positiv aufgenommen worden wäre? Hätten Sie sich dann als Versager gesehen?
Mit "Was wäre wenn"-Überlegungen gebe ich mich nicht ab. Wissen Sie, ich mag ein paar Sachen aus dem Buddhismus, eine davon: JETZT leben, nicht im Konjunktiv. Nun, ich war als Versager prädestiniert, mein Vater hat mir das oft genug mitgeteilt. Aber das ist vorbei, irgendwann hatte ich Erfolg. Basta. Was wäre wenn? Keine Ahnung.
Welche Reaktionen gibt es von Seiten der Leserschaft. Bekommen Sie Zuschriften von Menschen, denen es ähnlich ergangen ist?
Ich bekomme viele Zuschriften, selbstverständlich auch von Menschen, die mir von ähnlich traumatischen Erlebnissen berichten. Eines meiner Lieblingsmails ist aber das von einer Frau, die mir geschrieben hat, dass ihr Mann nach dem Lesen des Buches ins Schlafzimmer ging und die Nacht durchheulte.
Hat sich für Sie durch das Schreiben Ihrer eigenen Geschichte etwas in Ihrer Betrachtungsweise geändert? Sind Sie während des Schreibens zorniger oder nachsichtiger geworden?
Nein, nur klarsichtiger. Ich habe begriffen, dass mein Vater schuldlos schuldig war. Die Dinge sind, wie sie sind. Ich glaube ans Glück, an die Evolution, an den Zufall. Und meine Eltern, das gilt auch für meine Mutter, hatten kein Glück. Das ist natürlich keine Entschuldigung für die Schandtaten meines Vaters.
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