• vom 02.12.2011, 14:00 Uhr

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"Schreiben war für mich ein Rettungsboot"

Andreas Altmann


Von Irene Prugger

  • Der deutsche Schriftsteller Andreas Altmann über seine schlimme Jugend in Altötting, das Buch, das er darüber geschrieben hat, seine kompromisslose Haltung allem und jedem gegenüber - und über sein Leben als Globetrotter und "Erlebnis-Junkie".

"Mir sagt seit langem keiner mehr, wo es langgeht. Ich entscheide, ob ich will oder nicht will. Ich kann nicht gehorchen": Reisereporter Andreas Altmann. - © Wolfgang Schmidt

"Mir sagt seit langem keiner mehr, wo es langgeht. Ich entscheide, ob ich will oder nicht will. Ich kann nicht gehorchen": Reisereporter Andreas Altmann. © Wolfgang Schmidt

"Wiener Zeitung": Herr Altmann, an welchen Tisch möchten Sie sich setzen?

Information

Zur Person

Andreas Altmann, geboren im bayrischen Altötting als Sohn eines angesehenen Devotionalienhändlers, durchlebte das Drama einer zermürbenden Kindheit. Der Vater kehrte als emotionaler Krüppel vom Krieg nach Hause zurück und drangsalierte die Familie mit psychischer und physischer Gewalt. Diese Erfahrungen hat Andreas Altmann in seinem neuesten Buch, "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" (Piper Verlag, 2011) niedergeschrieben, das derzeit auf deutschen und österreichischen Bestsellerlisten rangiert.

Noch als Schüler am Gymnasium flüchtete Altmann aus dem Haus des Vaters und kam nie mehr zurück. In den ersten Jahren schlug er sich mit verschiedenen Berufen durch, u. a. als Privatchauffeur, Anlageberater, Straßenbauarbeiter, Buchclubvertreter, Dressman und Postsortierer. Nachdem er ein Jahr lang durch Europa trampte, begann er ein dreijähriges Schauspielstudium mit Abschluss am Mozarteum in Salzburg. Es folgten Verträge als Schauspieler am Bayerischen Staatsschauspiel München und am Schauspielhaus Wien.

Doch Altmann fühlte sich auch in diesem Beruf fehl am Platz, nicht begabt genug. Deshalb unternahm er wieder Reisen in die Welt. Unter anderem lebte er in einem indischen Ashram und in einem buddhistischen Zenkloster in Kioto (Japan). Ende der 1980er Jahre erschienen seine ersten Reisereportagen für namhafte Zeitschriften, wie etwa "Geo", und er machte sich einen Namen als Autor zahlreicher sehr persönlich erzählter, genau beobachteter und stilistisch brillanter Reisebücher.

Dafür wurde er - unter anderem - mit dem Egon Erwin Kisch-Preis, dem Weltentdeckerpreis, dem Johann Gottfried Seume-Literaturpreis und dem Globetrotter-Reisebuchpreis ausgezeichnet. Wenn er nicht auf einer Abenteuerreise ist und Geschichten von unterwegs schreibt, lebt Andreas Altmann in Paris.
Website Andreas Altmann

Bücher von Altmann (Auswahl)

Weit weg vom Rest der Welt. Rowohlt, 1996. Neuauflage 2005.
Im Land der Freien - Mit dem Greyhound durch Amerika.
Einmal rundherum - Geschichte einer Weltreise. Rowohlt, 2002.
Notbremse nicht zu früh ziehen! – Mit dem Zug durch Indien. Rowohlt, 2003
Getrieben - Stories aus der weiten wilden Welt. Solibro, 2005.
34 Tage, 33 Nächte – Von Paris nach Berlin zu Fuß und ohne Geld. Frederking & Thaler, 2005.
Der Preis der Leichtigkeit – Eine Reise durch Thailand, Kambodscha und Vietnam. Frederking & Thaler, 2006.
Reise durch einen einsamen Kontinent – Unterwegs in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile. Dumont, 2007.
Im Land der Regenbogenschlange – Unterwegs in Australien. Dumont, 2008.
Sucht nach Leben - Geschichten von unterwegs. Dumont, 2009.
Triffst du Buddha, töte ihn! Ein Selbstversuch. Dumont, 2010.

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Andreas Altmann: Dieser hier gefällt mir. Ich setze mich am besten mit dem Rücken zur Wand. Wenn ich keine Leibwächter um mich habe, möchte ich alles überblicken. Ich will wissen, wer oder was auf mich zukommt.

Fühlen Sie sich bedroht?

Nein, ich habe gerade einen Witz gemacht. Aber es gibt Menschen, die fühlen sich von meinen Büchern und Aussagen provoziert. Sie drohen. Das ist auch gut so. Ich möchte den Leuten in den Hintern treten, sie aus ihrer Lethargie reißen. Ich mag stänkern. Das löst bei manchen Leuten Aggressionen aus.

"Ich habe ein paar Dutzend gefährlicher Momente hinter mir": Andreas Altmann in Vietnam.

"Ich habe ein paar Dutzend gefährlicher Momente hinter mir": Andreas Altmann in Vietnam.© Altmann "Ich habe ein paar Dutzend gefährlicher Momente hinter mir": Andreas Altmann in Vietnam.© Altmann

Sie sind als Reisereporter bekannt geworden, der die Leser an seinen Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lässt, Ihr neues, enorm erfolgreiches Buch "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" ist ebenfalls autobiografisch. Haben Sie in Ihrer Literatur jemals etwas erfunden?

Erfinden brauche ich nicht. Die Geschichten, die ich aufstöbere, sind stark genug. Manchmal verändere ich Namen, um jemanden zu schützen. Aber wenn ich Namen nennen will, dann nenne ich sie. Mein Buch über das Leben meiner Eltern, das ja auch ungeheure und haarsträubene Informationen über das gesellschaftliche Umfeld in Altötting preisgibt, wurde von Rechtsanwälten geprüft, es ist juristisch nicht anfechtbar. Ich bin somit verpflichtet, wasserdicht zu recherchieren.

Wann haben Sie entschieden, dass Sie Ihre brutale Kindheit literarisch verarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich machen werden?

Im Frühjahr 2009, bei einer Meditation. Plötzlich fiel mir der Titel des Buches ein und ich wusste, dass ich es jetzt schreiben kann. Früher konnte ich es nicht. Nicht nur, weil meine Eltern noch lebten. Ich musste erst Distanz finden, den richtigen Sound, ich durfte nicht in die Falle einer "Heulsusenprosa" tappen, es durfte nicht weinerlich oder wehleidig werden: Der Rotz musste hinein. Der Titel war der richtige Wegweiser, ich schrieb ihn sofort auf.

Oft reagieren Menschen mit Verdrängung, wenn sie solche traumatischen Kindheitserlebnisse hatten. Sie konnten sich noch nach fast 50 Jahren an genaue Details erinnern, weil Sie ab dem Alter von elf Jahren ein Tagebuch geführt haben. Wie liest sich für einen Erwachsenen ein Tagebucheintrag eines Elfjährigen, der von seinem Vater psychisch gequält und brutal geschlagen wurde?

Es liest sich ganz banal: "Vater hat mich heute wieder verprügelt und Detta hat zugeschaut, die blöde Sau." Das waren noch keine stilistischen Höhenflüge. Ich war als Kind und Jugendlicher kein guter Schreiber, das Talent lag tief verborgen. Mein Deutschlehrer las meine Aufsätze vor als Beispiel für schlechten Stil. Und er hatte nicht einmal Unrecht. Dennoch war das Schreiben bereits eine Art Rettungsboot, ein Fluchtweg, eine Lungenmaschine, die mich wieder atmen ließ. Ich fühlte mich besser, wenn ich alles aufgeschrieben hatte. Die Freude an der Schönheit einer brillanten Formulierung kam erst später. Mit 28 kleinen Buchstaben ist man imstande, von der Welt zu erzählen. Wäre mir der Zugang zum Talent des Schreibens verwehrt gewesen, hätte ich mich umgebracht.

Wie sind Sie an die Arbeit für das Buch herangegangen?

Wie bei meinen anderen Büchern auch. Ich habe viel recherchiert, auch in den Archiven von Altötting, habe Menschen befragt, die sich noch an die Zeit erinnern konnten. Dann begann ich zu schreiben. Ich arbeite dabei wie ein Maurer: jeden Tag morgens zur Baustelle, bei mir eben zum Schreibtisch. Der Maurer zieht Wände hoch, ich eben Seiten. Nach zehn Monaten war das Buch fertig.

Was wäre passiert, wenn das Buch von Kritik und Lesern nicht dermaßen positiv aufgenommen worden wäre? Hätten Sie sich dann als Versager gesehen?

Mit "Was wäre wenn"-Überlegungen gebe ich mich nicht ab. Wissen Sie, ich mag ein paar Sachen aus dem Buddhismus, eine davon: JETZT leben, nicht im Konjunktiv. Nun, ich war als Versager prädestiniert, mein Vater hat mir das oft genug mitgeteilt. Aber das ist vorbei, irgendwann hatte ich Erfolg. Basta. Was wäre wenn? Keine Ahnung.

Welche Reaktionen gibt es von Seiten der Leserschaft. Bekommen Sie Zuschriften von Menschen, denen es ähnlich ergangen ist?

Ich bekomme viele Zuschriften, selbstverständlich auch von Menschen, die mir von ähnlich traumatischen Erlebnissen berichten. Eines meiner Lieblingsmails ist aber das von einer Frau, die mir geschrieben hat, dass ihr Mann nach dem Lesen des Buches ins Schlafzimmer ging und die Nacht durchheulte.

Hat sich für Sie durch das Schreiben Ihrer eigenen Geschichte etwas in Ihrer Betrachtungsweise geändert? Sind Sie während des Schreibens zorniger oder nachsichtiger geworden?

Nein, nur klarsichtiger. Ich habe begriffen, dass mein Vater schuldlos schuldig war. Die Dinge sind, wie sie sind. Ich glaube ans Glück, an die Evolution, an den Zufall. Und meine Eltern, das gilt auch für meine Mutter, hatten kein Glück. Das ist natürlich keine Entschuldigung für die Schandtaten meines Vaters.




Schlagwörter

Literatur, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-12-01 20:21:37
Letzte Änderung am 2011-12-02 13:25:16


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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