
Winfried Georg Sebald war zeitlebens very much his own man, wie man in seiner englischen Wahlheimat sagt. Ein unangepasster Außenseiter, der - trotz seines besseren Wissens um die Vergeblichkeit des Widerstandes gegen die perfiden Lügen und allgegenwärtigen Dummheiten unserer Gegenwart - die Hoffnung auf eine bessere Ordnung der Dinge (fast) bis zuletzt nicht aufgab. Dass die Melancholie, die seine Texte so markant prägte, kein Verzweifeln an der Welt, sondern ein sanfter Widerstand gegen sie ist, hat er jedoch wiederholt betont. Dass sich sein Gemüt gegen Ende der neunziger Jahre zunehmend und erheblich zu trüben begann, ist allerdings ebenso unbestreitbar. Sein Tod durch einen Autounfall am 14. Dezember 2001 kam insofern plötzlich, aber nicht ganz überraschend.
Das literarische Werk, wie auch die Person Sebalds, sind seit einigen Jahren Gegenstand einer sich mit phänomenalem Tempo vollziehenden Kanonisierung. Dies gerade auch aufgrund jener Fraktion von Kritikern, die durch ihre Versuche, seinen Ruhm anzukratzen, naturgemäß das Gegenteil erreichen.
Unter den führenden deutschsprachigen Literaturkritikern herrscht jedoch eine weitgehende Einigkeit über die immense Bedeutung seiner Texte, sodass Sebalds Stern derweil unaufhaltsam höher steigt - dies auch deshalb, weil er sich nicht wehren kann gegen die Vergötterung seiner Person und die Vereinnahmung seiner Texte. Dass Sebald gar in der engeren Auswahl für den Literaturnobelpreis war, hat ein Mitglied der Schwedischen Akademie nach seinem Tod verraten. "Sein Tod gehört in die lange Reihe bedeutsamer Autoren-Tode von Kleist bis Celan, von Kafka bis Levi", erläuterte der US-Literaturwissenschafter Scott Denham. Ein einflussreicher US-Kritiker hatte Sebald einen Monat vor seinem Tod in der "New York Times Book Review" gar zum "prime speaker of the holocaust" promoviert.

Unter dem Label "Holocaust-Autor" wurde Sebalds Werk in den akademischen Zweig der "Holocaust-Industrie" (Norman Finkelstein) eingemeindet. Verklärt zum literarischen Wundertäter, der vermittels seiner Bücher das von den Nazis zerstörte Kulturideal einer deutsch-jüdischen Symbiose restituierte, vermöge dann auch ein wenig vom Lichte seiner Aura auf seine Jünger fallen - vielleicht. Der Messias aus dem Allgäu sozusagen.
Ein Heiliger oder gar Erlöser aber wollte Sebald nie werden. Um ihn dennoch in diese Ecke manövrieren zu können, müssen allerhand Anstrengungen unternommen werden. So etwa die an Thomas Bernhard erinnernde Ein-Buch-These: "Man könnte die Behauptung aufstellen", so Ruth Klüger, "dass Sebald immer dasselbe Buch geschrieben hat, nur dass es immer besser wurde."
Ist es aber nicht vielmehr so, dass Sebald mit jedem Buch formal neu angesetzt hat? Am Beginn steht sein prosalyrisches "Elementargedicht! "Nach der Natur" (1988), ein literarisches Triptychon mit Porträts des Malers Matthias Grünwald, des Forschers Georg W. Steller (man beachte dieselben Initialen!) und schließlich das autobiografische Selbstporträt. Mit "Schwindel. Gefühle." kommt dann 1990 ein merkwürdiger Hybrid zwischen Reiseerzählung, Kriminalroman und literarischer Literaturkritik heraus, der zwar hauptsächlich in Norditalien spielt, aber wesentliche Bezüge zur österreichischen Literatur aufweist. Durch die Gonzagagasse im Ersten Bezirk vazierend, begegnet dem Erzähler der Geist des Dichters Dante, dann schildert Sebald eine Donaupartie mit dem schizophrenen Dichter Ernst Herbeck und macht sich später auf die Spuren von Kafkas Badereise nach Riva im Jahr 1915. Auch Autoren wie Grillparzer spielen eine Rolle. Und es ist das erste Buch, in dem Sebald den fortan zu seinem Markenzeichen gewordenen Einsatz von Illustra-tionen aller Art erprobt.
Englische Einflüsse
Mit dem 1992 erschienenen Erzählungsband "Die Ausgewanderten" gelingt Sebald dann der Durchbruch, auch wenn er beim Bachmann-Wettbewerb 1990, wo er aus dem Buch liest, keinen der sieben Preise bekommt. Die 1996 erschienene englische Übersetzung ist dann der Startschuss seines kometenhaften Aufstiegs in den anglophonen Ländern. Im Jahr zuvor aber erscheint mit seiner "englischen Wallfahrt", wie "Die Ringe des Saturn" im Untertitel heißen, sein bestes Buch: das essayistisch durchsetzte semidokumentarische Protokoll einer Fußwanderung durch East Anglia, in der er Spuren der Vernichtung noch in den entlegenen Landstrichen der Grafschaft Suffolk aufspürt. Dass er das nachfolgende Projekt mit dem Arbeitstitel "Aufzeichnungen aus Korsika. Zur Natur- & Menschenkunde" zurückstellte, hatte wohl damit zu tun, dass es konzeptionell zu nahe am Vorgänger war. Als Fragment wurde es postum veröffentlicht.
Stattdessen erscheint nach sechsjähriger Wartezeit sein vergleichsweise konventionelles opus magnum "Austerlitz", mit dem er seinem Prinzip eines beständigen Neuansetzens erstmals insofern untreu wurde, als er auf Muster der Romangattung zurückgreift. Dafür wird das Buch, das im Frühjahr 2001 erstmals auch gleichzeitig auf Englisch erscheint, ein Renner und Sebald damit zu einem internationalen Superstar. Der Kult um den zurückgezogen lebenden Schriftsteller war am Höhepunkt angelangt.
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