• vom 20.12.2011, 21:32 Uhr

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Update: 20.12.2011, 21:35 Uhr
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Absurd, intellektuell, moralisch: der Dramatiker Václav Havel (1936 - 2011)

Die Burg, ein Muttertheater


Von Hans Haider

  • Viele von Havels Stücken wurden im Burgtheater uraufgeführt.

Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.

Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.Foto: Burgtheater Nicht der Autor, sondern eine Tafel mit seinem Namen verbeugte sich im Akademietheater.Foto: Burgtheater

Prag, Hradschin, früher Jänner 1990. Wissenschaftsminister Erhard Busek überbringt Glückwünsche aus Wien. Václav Havel trägt im Amt, es ist später Vormittag, einen schwarzen Rollkragenpulli. Sein Gesicht strahlt. Er blättert im Pass, den er eben bekommen hat, dem ersten seit zwanzig Jahren. Was seine "Proféssion" ist, liest er zögerlich vor: Président de la République fédérative tchèque et slovaque. Über die Schriftstellerei kein Wort. Aus der von ihm selbst und der Mehrheit der Bürger gewählten Politikerrolle wird der Dichter nie mehr herausfinden.

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2008 wollte es der schwer lungenkrebskranke Expräsident noch einmal wissen. Der Entwurf für das Stück "Abgang" (Odchazeni) lag seit 1988 in der Schublade. Ein Staatsmann räsoniert, ironisch-selbstkritisch und darum selbstzerstörerisch, nach dem Verlust der Macht über die verlogenen Mechanismen von Politik und Medien. Ein Achtungserfolg, nicht mehr. "Abgang" wurde als Abrechnung mit Havels Widerpart Václav Klaus missinterpretiert. Er verfilmte den Plot noch selbst als Regisseur - Premiere war heuer im März.

Zum Sterben zog sich der 75-Jährige in sein Häuschen im nordböhmischen Weiler Hrádecek zurück. Wo er am 18. Dezember einschlief, probierte er in den Jahren der Verfolgung in Privataufführungen neue Texte aus. Er kannte sein Publikum jenseits des Eisernen Vorhangs kaum. Was dort als universeller aufklärerischer Humanismus ankam, war mit unzähligen Anspielungen gespickt, die nur in der CSSR oder von tschechischen Emigranten zu verstehen waren.

Kein kalter Krieg
Der Schöpfer von Welterfolgen wie "Das Gartenfest" (1963) und "Benachrichtigung" (1965) saß sechs Jahre im Gefängnis. Warum der Polizeikrieg gegen die Dichter, die Intellektuellen? Der 1968 von der Sowjet-Internationale zerschlagene "Prager Frühling" war eine Kulturbewegung - zugleich Wiederbelebung der Avantgarde in der 1939 schon von den Nazis vernichteten bürgerlichen Republik und jugendkultureller Internationalismus Marke Woodstock. Havel liebte die Prager Popgruppe "Plastic People of the Universe". Als sie ebenfalls drangsaliert wurde, formierten sich ihre Verteidiger zur "Charta 77".

Kritik an kalten bürokratischen, verachtenden Systemen war, mit Orwells "1984" als Leitbuch, eine Waffe im Kalten Propagandakrieg. Kafkas Angstbilder in "Der Prozess" und "Das Schloss" wurden im Westen simpel als vorausgeschaute Beschreibungen von Stalins Terror interpretiert. Havel wollte kein Kalter Krieger sein. Er warb für die Zivilgesellschaft und führte, als Konservativer, in soziotechnokratischen Fiction-Kulissen scheinbar rationale moderne Politsysteme ad absurdum. Wie alle Intellektuellen gar zu gerne, wusste auch Havel das Schicksal der Welt in deren Hände gelegt. Sein Dr. Heinrich Faustka in "Versuchung" (1986) ist ein Wissenschafter in einem Institut zur Bewahrung der reinen materialistischen Lehre. Mephisto spricht für die Hölle, den Staat, das System. Das System siegt, Faust verbrennt.


Foto: Erich Lessing Foto: Erich Lessing




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Autoren, Burgtheater

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-12-20 17:38:19
Letzte Änderung am 2011-12-20 21:35:57


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