• vom 26.12.2011, 16:52 Uhr

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Update: 26.12.2011, 17:22 Uhr
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Ferdinand von Schirach im Gespräch über Verantwortung, den Fall Fritzl und seinen Großvater

Allein mit der Macht der Worte


Von Claudia Böhm

  • Der Jurist brachte heuer seinen ersten Roman, "Der Fall Collini", heraus.

Der Jurist als Schriftsteller: Ferdinand von Schirach.

Der Jurist als Schriftsteller: Ferdinand von Schirach.© Berliner_Zeitung, Der Jurist als Schriftsteller: Ferdinand von Schirach.© Berliner_Zeitung,

Heuer ist der erste Roman des Rechtsanwalts Ferdinand von Schirach, "Der Fall Collini", erschienen. Darin beschäftigt sich Schirach mit der juristischen Behandlung von Kriegsverbrechern im Nachkriegsdeutschland. Bekannt wurde der Jurist mit seinen gefeierten Kurzgeschichtenbänden "Schuld" und "Verbrechen", in denen er eigene Fälle verarbeitete. Der "Wiener Zeitung" gab er als einziger Zeitung in Österreich eines seiner raren Interviews.

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"Wiener Zeitung": Warum wollten Sie Rechtsanwalt werden?

Ferdinand von Schirach: In meiner Familie gibt es seit ein paar hundert Jahren Juristen, die meisten waren Richter oder Professoren. Es lag also nicht ganz fern. Ich wollte allerdings immer nur Strafverteidiger sein. Mich reizt das "David-gegen-Goliath-Prinzip": Auf der einen Seite steht die Staatsanwaltschaft mit ihrem großen Apparat, unterstützt von tausenden Polizisten und einer gut funktionierenden Verwaltung. Dann gibt es die Richter und deren ungeheure Macht, Menschen legal einzusperren. Als Strafverteidiger sind Sie allein im Gerichtssaal, Sie haben nur die Sprache, die Macht der Worte, die Klarheit des Arguments. Genau diese Situation gefällt mir.

Das Strafrecht gilt, verglichen mit dem Zivilrecht, als brotlos. Bedeutet Ihnen Geld nicht viel?

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Das Zivilrecht ist brotlos, wenn man erfolglos ist, das Strafrecht ist es nicht, wenn man seine Sache gut macht. Offen gesagt hat Geld für mich keinen großen Reiz. Ich will keine Yacht, spiele kein Golf, und den meisten sogenannten Luxus finde ich lächerlich.

Wie kommt man zu solch prominenten Mandanten wie Günter Schabowski (DDR-Politiker, Anm.) oder Norbert Juretzko (Autor von Enthüllungsbüchern über den deutschen Geheimdienst, Anm.)?

Verzeihen Sie bitte, aber das unterliegt dem Mandantengeheimnis. Grundsätzlich ist es aber einfach: Man muss die Dinge, die man tut, ordentlich machen. Wenn Sie als Bäcker dauernd schlechte Brötchen backen, wird es auch dort schwierig.

Wonach entscheiden Sie, welchen Fall Sie annehmen?

Es gibt kein Schema. Ich mache sehr wenige Fälle im Jahr, vielleicht fünf oder sechs, viel weniger als die meisten Strafverteidiger. Es muss eine Sache sein, die neu für mich ist und die ich noch nicht hatte. Und ich muss glauben, dass ich etwas bewirken kann. Einen Fall wie Fritzl würde ich zum Beispiel nicht verteidigen - dort stand ab der ersten Minute fest, wie hoch die Strafe sein wird. Es dürfen auch keine Fälle sein, in denen Menschen sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird. Und ich verteidige keine Rechtsradikalen.

Wenn man ständig mit den schrecklichsten Verbrechen konfrontiert wird, schockiert einen das noch?

Die Tat selbst ist fast immer scheußlich und erschreckend. Davon leben Spielfilme, man sieht im Halbdunkel mit drohender Musik einen nackten, blutenden Menschen. Aber das ändert sich, wenn man genauer hinsieht. Und fast nie ist die Tat das Interessante. Es ist die Schuld des Menschen.

Gehen einem die Fälle noch nah?

Wäre es anders, dann müsste ich mir sofort einen neuen Beruf suchen. Sobald ein Gerichtsverfahren zu einer 08/15-Veranstaltung wird, sollte man aufhören. Man wäre dann kein Verteidiger mehr, sondern ein Zyniker. Das Leben wäre arm und eng. Mit einer solchen Haltung könnte ich nicht leben.

Wenn Sie jemanden verteidigen, übernehmen Sie eine große Verantwortung. Belastet Sie das?

Natürlich. Jeder große Schwurgerichtsprozess ist eine Belastung. Er wird zu einem Teil des eigenen Lebens.

Können Sie noch vollkommen unvoreingenommen auf neue Menschen zugehen, oder läuft da bei Ihnen gleich so eine Art Subtext ab?

Das war bei mir eine Entwicklung. Als junger Anwalt sah erstmals Menschen und ihre Taten, die es in meiner bürgerlichen Welt so nicht gab. Nach kurzer Zeit begann ich, alles um mich herum anders zu sehen und Menschen anders zu beurteilen. Aber je älter ich werde, umso mehr scheue ich mich davor, überhaupt Urteile zu fällen. Die vielleicht interessanteste Haltung zum Leben ist Offenheit. Man sieht zu und entscheidet nicht.

Beschreiben Sie im neuen Buch "Der Fall Collini" den Anfang Ihrer eigenen beruflichen Laufbahn?

Wenn man schreibt, ist man in jeder Figur. Es gibt viele Szenen, die ich so auch erlebt habe, es ist sicher bisher mein persönlichstes Buch. Aber ich hatte am Anfang keinen solchen Fall.

Viele Kindheitsbeschreibungen in "Der Fall Collini" erinnern einen an die eigene Kindheit. Früher brauchte man Fantasie.

Vielleicht stimmt das. Es gab weniger Ablenkung für Kinder, und sie mussten sich noch mehr mit sich selbst beschäftigen. Vladimir Nabokov hat einmal gesagt, die Langweile, die man als Kind empfinde, sei die Grundvoraussetzung für alle Kreativität.

Ist "Der Fall Collini" auch biographisch im Hinblick auf Ihren Großvater Baldur von Schirach, der Gauleiter von Wien war?

Nein. Hans Meyer ließ im Buch 20 Partisanen erschießen. Mein Großvater war für die Deportation der Juden aus Wien verantwortlich, seine Schuld ist überhaupt nicht mehr zu messen. Ich schreibe nicht über die Männer der NS-Zeit. Ich weiß nichts von ihnen, was nicht schon tausendfach gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben, wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit würden wir alles verlieren.




Schlagwörter

Schirach, Buch, Literatur

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-12-26 16:59:06
Letzte Änderung am 2011-12-26 17:22:12


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