• vom 05.01.2012, 13:30 Uhr

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Update: 11.01.2012, 16:09 Uhr
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Die deutsche Schriftstellerin und Filmemacherin Nina Jäckle setzt Leser in rhythmisierte, gedankenvolle Räume ohne Wegweiser. Belohnt werden sie dort mit feiner Situationskomik.

"Fühle mich im Abstrakten wohl"


Von Markus Bundi

"Für mich ist das Streben nach Sinnvollem, dem Sie so viel Bedeutung beimessen, lediglich eine nervöse Störung des Selbstverständnisses." - Der dies sagt, hört auf den Namen Zielinski, und dieser Zielinski hat sich im gleichnamigen Roman von Nina Jäckle im größten Zimmer des Ich-Erzählers eingerichtet. Ein gescheiter und ruhiger Zeitgenosse, wie es zunächst scheint, der in jenem Zimmer in einer Holzkiste wohnt; ein Mann von gepflegter Erscheinung, der keinerlei Ansprüche stellt - dem Ich-Erzähler in gewissen Momenten allerdings einen kräftigen Schlag auf die Stirn versetzt.

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Die "nervöse Störung" in diesem virtuosen Roman ist freilich nichts anderes als Zielinski selbst, der im Kopf des Ich-Erzählers haust, sich jedoch verselbständigt hat und sein Unwesen treibt. Der Ich-Erzähler versucht derweil, die Ruhe zu bewahren, sich in "bewusster Schizophrenie" einzuüben, seine Situation zu analysieren: "Zielinskis Stimme klingt, als würde er sich um mich sorgen, ich weiß nicht, ob ihm das zusteht, schließlich ist er die Krankheit, an der ich leide."

Information

Zur Person

Nina Jäckle, geboren 1966 in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg), lebte in Frankreich, in der Schweiz und Spanien, derzeit ist sie in der Nähe von München zu Hause. Sie debütierte 2002 mit "Es gibt solche", einem Band mit Erzählungen, darauf folgten die Romane "Noll" (2004), "Gleich nebenan" (2006) und "Sevilla" (2010) – alle im Berlin Verlag erschienen. Ebenfalls 2010 kam der Band "Nai oder was wie so ist" heraus, gefolgt vom Roman "Zielinski" (2011) beide im Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen. 2009 debütierte sie mit "Das möblierte Zimmer" als Filmemacherin (zusammen mit Michael Schröder). Sowohl für ihr literarisches wie ihr filmisches Schaffen wurde die Autorin mehrfach ausgezeichnet.

Ein auf den ersten Blick absurdes Szenario, das sich die 45-jährige deutsche Schriftstellerin für ihr sechstes Buch ausgedacht hat - aber auch eines, das, hat man sich einmal auf den Ich-Erzähler eingelassen, einer inneren Logik folgt. "Sich selbst kann man ja alles erzählen", meint Nina Jäckle und erwähnt das Phänomen von fixen Ideen, denen Menschen immer wieder verfallen. Die literarische Kunst besteht freilich darin, die Vorstellungen des Ich-Erzählers für Leser nicht nur plausibel darzustellen, sondern zu deren Vorstellungen selbst werden zu lassen.

Dynamik des Erzählens
Nina Jäckle besitzt die Gabe, Groteskes wie Absurdes in einer solchen Selbstverständlichkeit zu erzählen, dass sich Zweifel kaum je einstellen. "Alles wird zu Geschichten - und es ist nicht wichtig, wann oder wo etwas geschah, wie, oder ob es geschah. Man erzählt und deshalb passiert etwas. Die Geschichten hören nicht auf, sie kommen nicht zur Ruhe, denn man erzählt sie wieder und wieder und anders. Alles ist im Erzählen beeinflussbar, und so ist nichts, wie es ist, nichts bleibt, wie es war, sobald man erzählt."

Jäckle bedient sich einer einfachen Sprache, und sie baut auf den Klang der Wörter, denn es ist der "Sound" eines Textes, der ein abstrakt anmutendes Szenario erst belebt, der Vorstellungen und Bilder evoziert. Die Leichtigkeit, hinter der sehr viel Textarbeit steckt, zeigt sich auch im Vorgängerbuch "Nai" (2010), das sich keiner Gattung zuordnen lässt. Noch in ihren ersten Veröffentlichungen, den Erzählungen "Es gibt solche" (2002) und in ihrem ersten Roman "Noll" (2004), bewegte sich die Schriftstellerin in realistischen Szenarien, beschrieb Familiengeschichten oder den Umgang mit Nachbarn.

Eine Entwicklung hin zum Surrealen sieht Jäckle indes nur bedingt: "Ich selbst kann in meinem Schreiben keine Tendenz entdecken, da für mich jedes meiner Bücher ein eigenes, abgeschlossenes Sprachgebilde ohne Bezug zu den anderen Büchern ist."

Was die Bücher eine, sei vielleicht das deutliche Anliegen, Sprachgebilde zu schaffen: "Dass man von Buch zu Buch und somit während des Älterwerdens den eigenen Stil mehr und mehr ausarbeitet, dieser Stil sich also in dir etabliert, sich bindend festsetzt, halte ich für unumgänglich und auch für einengend. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass ich mich im Abstrakten und Abwegigen sehr wohl fühle."

"So fängt es auch an: die Gedanken kommen und die Gedanken gehen. Das ist so im Kopf." - So fängt es tatsächlich an, und Nai ist zunächst einmal damit beschäftigt, zu den scheinbar banalsten Selbsterkenntnissen zu gelangen. Wie es sich nämlich mit Händen und Füßen verhält, mit zwei Augen, der Nase und dem Mund. Noch unklar, ob Mädchen oder Junge, wappnet sich Nai alsbald für ein "meisterhaftes Abenteuer", das mitten in der Nacht beginnt; das Schuhwerk fest geschnürt, aufrecht im Bett stehend, das Plötzliche erwartend, das jeden Anfang eines Abenteuers kennzeichnet - und findet sich unversehens in einem Fluss wieder, bis zu den Knien im Wasser.

So findet sich auch der Leser wieder, plötzlich, mitten im Abenteuer, zusammen mit Nai und einer Stimme, "die ein wenig überall und ein wenig nirgendwo ist"; einer weibliche Stimme, die fortan Nais Geschicke mitbestimmt, und keineswegs immer einig ist mit dem, was sich Nai gerade als Fortsetzung wünscht.

Nai begegnet dem "Ungestüm", und hat auch die schwerste Probe zu bestehen, die Begegnung mit sich selbst, mit Naizwei, ahnend, dass sich im Hintergrund auch noch Naidrei, gar Naizwölf verbirgt. Nina Jäckle betont, sie schreibe keine Literatur, in der sich der Leser wiederfinden solle. "Vielmehr setze ich den Leser mit jedem Buch wieder in eine Art Kiste, in der er auf sich selbst gestellt ist, in einen rhythmisierten, gedankenvollen Raum ohne Wegweiser."




Schlagwörter

Jäckle, Literatur, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-01-05 16:02:29
Letzte Änderung am 2012-01-11 16:09:23


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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