
Clark Ashton Smith ist kein Thema der Anglistik beziehungsweise der Amerikanistik. Fragt man einen Literaturwissenschafter, weshalb seine Disziplin Clark Ashton Smith meidet, würde er, sofern er den Namen überhaupt kennt, wohl sagen, dass es sich da doch nur um einen Autor von Horrorgeschichten dreht, schon daran zu erkennen, dass die deutschsprachigen Ausgaben derzeit bei Festa, also einem einschlägigen Spezial-Verlag erscheinen.
Moment einmal: Nur ein Autor von Horrorgeschichten? Wie war das doch gleich? - Der literarische Wert, lehrt die Literaturwissenschaft, definiert sich durch den Stil. Das ist keineswegs abwegig. Eine Liebesszene bei Hans Henny Jahnn steht nun einmal höher als eine Szene gleichen Inhalts bei Rosamunde Pilcher.
Doch die Literaturwissenschaft, speziell jene, die sich mit deutschsprachigen Autoren auseinandersetzt, ist gezwungen, von der Maxime abzuweichen, dass der Stil das Qualitätskriterium ist, seit inhaltlich bemerkenswerte, stilistisch jedoch höchst mangelhafte Autoren die Szene betraten. Wollte man einen Hermann Hesse oder einen Heinrich Böll allein an ihrem Stil beurteilen, müsste man schier verzweifeln.

Was aber tun mit einem Autor, der ein hervorragender Stilist ist, sich zu seinem Thema jedoch ausgerechnet Fantasy und Horror erkoren hat? Andererseits: Gar so abwegig ist diese Thematik auch in der hohen Literatur nicht, seit ein gewisser Homer von menschenfressenden einäugigen Riesen und Seeungeheuern berichtete, mit denen sein Held Odysseus zurechtkommen musste. Und wer das für ein allzu antikes Beispiel erachtet, möge bedenken, dass die Germanistik über Jeremias Gotthelf, Georg Heym, E.T.A. Hoffmann, Marie Luise Kaschnitz, Heinrich von Kleist oder Theodor Storm keineswegs den Bannfluch der Trivialität ausgesprochen hat und eine düstere Gespenster-Ballade wie Johann Wolfgang von Goethes "Erlkönig" sogar in den höchsten Tönen preist. Die Entschuldigung lautet in der Regel, dass diese Autoren eben nicht ausschließlich Horror geschrieben haben (in der Luft schwingt der Nachsatz mit: ". . . sondern auch Vernünftiges").
Dichter versuchen sich in Sachen Horror
Die Deutschsprachigen tendieren halt dazu, alles in Schubladen zu packen. Das bereitet ihnen solche Mühe, wenn erstklassige Autoren sich hauptsächlich dem Horror und der Fantasy (oder auch dem Kriminalroman) verschreiben. In Frankreich indessen würde man nicht über Charles Villiers de
lIsle Adam die Nase rümpfen, sondern eher über einen Snob, der diesen Autor höchst bizarrer Erzählungen, die als Horrorgeschichten jederzeit durchgehen können, allen Ernstes nicht für einen bedeutenden Schriftsteller hält, und in Russland erginge es einem nicht anders, lästerte man über Nikolai Gogol, Waleri Brjussow oder Fjodor Sologub wegen ihrer wiederholt zum Horror neigenden Themenwahl.
Und was soll man erst mit den Engländern und den Amerikanern machen, wo doch Edgar Allan Poe und Nathanael Hawthorne Großmeister des Unheimlichen sind und diese Thematik bei Walter de la Mare, Saki, Patrick McGrath oder Rudyard Kipling so wunderbare Blüten treibt? Und die vielschichtigen Gesellschaftsromane von Henry James werden längst wesentlich seltener gelesen und kommentiert als sein Kurzroman "The Turn of the Screw" (übersetzt unter anderem als "Die Drehung der Schraube" und "Das Geheimnis von Bly"), der nun wirklich ein Gipfel sowohl der unheimlichen als auch der psychologischen Literatur ist.
Clark Ashton Smith ist Amerikaner, und somit gelten die Kategorisierungen ohnedies nicht - zumindest nicht im angloamerikanischen Raum. Sollte man glauben. Doch auch dort handelt man ihn als Genre-Autor, seine Bücher werden in Taschenbuch-Ausgaben mit den üblichen dunkel-farbintensiven Titelbildern verkauft, wie es bei Horror-Schreibern halt üblich ist. Allerdings ist der Grund ein etwas anderer.
Smith, der am 13. Januar 1893 in Long Valley (Kalifornien) geboren wurde und mit 14 Jahren beschloss, nicht mehr in die Schule zu gehen, sein Wissen durch die Lektüre von Enzyklopädien erweiterte und im Selbststudium Französisch und Spanisch erlernte, gehörte als Autor zum Kreis um Howard Phillips Lovecraft.
Lovecraft (1890-1937) nun war ein ziemlicher Sonderling, der in Providence ein einsiedlerisches Leben führte und zumeist nur nachts sein Haus verließ. Kontakt zur Außenwelt pflegte er mittels einer regen Korrespondenz, insgesamt soll er zwischen 1912 und seinem Todesjahr die schier unfassbare Zahl von rund 87.500 Briefen verfasst haben.
Lovecrafts Grundidee ist die des "kosmischen Horrors": An die Stelle der Gespenster treten Dämonengötter aus anderen Welten und anderen Dimensionen, die, von allzu neugierigen Menschen beschworen, Wege in unsere Welt finden, die sie einst beherrscht haben. Hinter den Geschichten scheint ein Mythos zu stehen, der freilich allein Lovecrafts Erfindung ist. Lovecraft bedient sich dabei eines antiquierten, adjektivüberladenen Stils voller Manierismen an der Grenze zur Lächerlichkeit. Seine Geschichten veröffentlichte er in "Weird Tales", einem Magazin für Amateur-Autoren von Gruselgeschichten.
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