"Wiener Zeitung":

Hellmuth Karasek: Ja, aber auf der anderen Seite, wenn man Witze nicht erklärt, hinterlassen sie oft einen etwas fahlen, nutzlosen Beigeschmack. Ich habe ein Buch über das Alter geschrieben "Süßer Vogel Jugend", und dachte, das Alter ist ein so trostloser, schrecklicher Zustand, selbst wenn man es jemandem erzählt, denkt der: "Um Gottes willen, das sieht der zu finster". Bis man selber dort landet und merkt, es ist die nackte Wahrheit. Alter ist wirklich ein Massaker und eine Katastrophe, über die es sehr viele Witze gibt, weil Witze Ventile sind, mit denen wir das Schreckliche wenigstens in Gesellschaft und Solidarität weglachen können.
Sind heitere Menschen beliebter als Pessimisten und Schwarzmaler?
Das ist so. Ich habe Billy Wilder mal gefragt: "Du hast die lustigsten Filme der Welt gemacht, bist Du eigentlich ein lustiger Mensch?", und da hat er mich angeguckt und gesagt: "Ich will Dir eine Geschichte erzählen. In Zürich kommt ein Mann zu einem Psychiater an einem schönen Vormittag. ,Herr Doktor, Sie müssen mir sofort helfen, ich drohe gerade in einer grässlichen Depression zu versinken. Da sagt der Arzt: ,Ja, was mache ich nur mit Ihnen?, zeigt aus dem Fenster, wo man einen herrlichen Panoramablick auf den Züricher See hat, und sagt: ,Sehen Sie diesen wunderbaren See? Da gehen Sie jetzt spazieren. Dahinter sehen Sie die schneebedeckten Alpenspitzen, die in der blauen Luft funkeln. Auf dem See sehen Sie Boote fahren, Kinder spielen am Rand, Sie kommen an der Goldküste vorbei, wo die schönsten Villen stehen, und dann gehen Sie zurück in die Kronenhalle Mittag essen. Dann wird es Ihnen schon viel besser gehen. Nachmittags gehen Sie in der eleganten Bahnhofsstraße mit ihren Uhren- und Herrenmodegeschäften spazieren, wo die besten Chocolatiers der Schweiz sind. Am Abend gehen Sie in den Zirkus mit dem weltberühmten Clown Grock, der wird Sie erheitern. Wenn der es nicht schafft, dann niemand. Darauf schaut ihn der Patient traurig an und sagt: ,Aber ich bin Grock!" - Lustige Menschen sind auch lustig, weil sie ihre Trauer überspielen müssen.
Sind Sie in Wirklichkeit auch ein Melancholiker?
Teilweise schon, ja.
Sie haben eine enorme Karriere gemacht. Das schafft man nur, wenn man mit beiden Beinen fest auf der Erde steht.
Ich habe in meinem Altersbuch einen Cartoon aus dem "New Yorker" beschrieben, der großen Eindruck auf mich gemacht hat. Ein Mann fällt aus einem Wolkenkratzer vom hundertsten Stock herunter, passiert gerade Stockwerk sechsundzwanzig und sagt: "Bisher ist ja alles gut gegangen." Aber jeder Mensch, der sagt: "Bisher ist alles gut gegangen", weiß, dass er irgendwann bei einem Stockwerk null mit einem tödlichen Crash landet. Das ist ein Bild für unser Leben, das wir nicht aus der Welt schaffen können. Wir müssen versuchen damit umzugehen, und eine Möglichkeit ist, damit witzig umzugehen.
Sie waren auch außerhalb des literarischen Quartetts in Unterhaltungssendungen. Hat Ihnen das das Feuilleton übel genommen?
Sie können sich heute nicht mehr vorstellen, dass das "Literarische Quartett" ein wahnsinniger Abstieg in den Augen der Kollegen war. Der berühmte Leiter des Feuilletons der "FAZ" Marcel Reich-Ranicki geht ins Fernsehen. Und mit ihm der Kulturchef des "Spiegel". Joachim Kaiser hat über das "Literarische Quartett" geschrieben: "Das ist ein Zirkus, und lange wird das nicht gutgehen können", dabei war er im Laufe der Jahre dreimal zu Besuch in diesem Zirkus. Seit es das nicht mehr gibt, sagen die Leute: "Ach, was waren das noch für intellektuelle Zeiten!" Das ist immer so. Und so war es auch mit dem Beginn des Fernsehens. Es muss immer erst ein neues Medium die Menschen erobern und klarmachen, dass die moderne Kultur eine Popkultur ist.
Waren Sie damals traurig, als das "Literarische Quartett" aufhörte, oder eher froh, weil Sie auch etwas anderes machen konnten?
Ich war traurig und erleichtert zugleich, weil ich nicht mehr so gezielt lesen musste, sondern weil ich lesen durfte. Das ist etwas viel Befreienderes.
Wie wichtig ist für Sie Erfolg?
Die Anerkennung von Menschen ist ungeheuer wichtig für mich, weil man manchmal sogar das Gefühl hat, man wird besser anerkannt, als man es verdient, dann erschrickt man auch. Aber auf der anderen Seite weiß man, wie fragil das ist und wie schnell man da rausfallen kann. Denken Sie mal an den absoluten Superstar der Politik, Guttenberg, wie schnell der gestürzt ist.
Womit kann man sich bei Ihnen unbeliebt machen? Gibt es etwas, das Sie überhaupt nicht leiden können?
Ich mag intolerante Menschen nicht so, und ich mag Menschen nicht, die sagen: "Wie läuft der wieder rum? Was nimmt der sich heraus?" Ich war Gott sei Dank eine Zeit lang auch am Theater tätig, mein ältester Sohn ist ja Intendant in Kiel, und die Theaterleute gewöhnen einem so etwas am ehesten ab.
Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen in Belgien wird von Politikern jetzt auch auf Comics übertragen. Auf Veranlassung eines flämischen...
weiter
Berlin. Beim Gratis-Comic-Tag werden am Samstag (11. Mai) in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 300.000 kostenlose Hefte verteilt...
weiter
Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo...
weiter
Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit...
weiter
Dass es keine Lesung wie so viele andere bei der 13. LitCologne werden würde, stand bei Rainald Goetz von vorne herein fest...
weiter
Der Tiroler Autor, Maler und langjährige Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" Walter Klier (57) wurde heuer mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis (5...
weiter
Von Loriot stammt der Satz, dass ein Leben ohne Mops zwar grundsätzlich vorstellbar, aber völlig sinnlos sei. An diese Weisheit hält sich auch das...
weiter