• vom 13.01.2012, 14:30 Uhr

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Am 16. Jänner 1912 ertrank der 24-jährige Dichter Georg Heym beim Eislaufen. Sein literarisches Werk gehört zu den bedeutendsten Dokumenten des Expressionismus.

Ein Abenteurer des Geistes


Von Hermann Schlösser

Georg Heym, Dichterjüngling und Corpsstudent.

Georg Heym, Dichterjüngling und Corpsstudent.Privatbesitz / vbb Georg Heym, Dichterjüngling und Corpsstudent.Privatbesitz / vbb

An einem kalten Tag des Jahres 1912 kamen zwei junge Berliner beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ums Leben. Obwohl sie beide studierte Juristen waren, hatten sie sich nicht an die polizeilich genehmigte Eisbahn gehalten, sondern waren weiter hinausgefahren als erlaubt. Das Eis brach unter ihnen ein, Ernst Balcke und Georg Heym ertranken im frostigen preußischen Winterwasser. Sie waren beide 24 Jahre alt, hatten sich 1904 im Berliner Tennisclub "Blau-Weiß" kennen gelernt, und waren bis zu ihrem gemeinsamen Tod enge Freunde gewesen.

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Das "Berliner Tageblatt" berichtete über den tragischen Unfall: "Der ertrunkene Referendar Dr. Georg Heym war auch literarisch hervorgetreten, er hatte vor einiger Zeit einen Band Gedichte Das ewige Leben veröffentlicht, die Spuren einer schönen Begabung zeigen." Hier wurde nachlässig recherchiert, denn der erwähnte, 1911 erschienene Gedichtband trägt den Titel "Der Ewige Tag".

Information

Gunnar Decker: Georg Heym. "Ich, ein zerrissenes Meer." Ein biographischer Essay. vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2011, 171 Seiten.

Außerdem ist das "Tageblatt" nicht ganz auf dem Laufenden, was Georg Heyms Bedeutung angeht: In dem gerade vergangenen Jahr 1911 war es dem angehenden Gerichtsreferendar nämlich gelungen, in der Berliner Avantgarde Fuß zu fassen. Ein wirklich informierter Nachrufschreiber hätte also nicht herablassend von den "Spuren einer schönen Begabung" gesprochen, sondern hätte wohl den Verlust eines Stars der jungen Literatur beklagt.

Ein Denkspiel
Angenommen, der Lyriker, Dramatiker und Novellist Georg Heym, geboren 1887, ertrunken 1912, würde durch irgendein Wunder noch einmal zum Leben erweckt, und versuchte nun, im heutigen Literaturbetrieb Fuß zu fassen. Wie stünden seine Chancen? Man darf vermuten: Nicht ganz schlecht, denn manche seiner Autoren-Attitüden haben eine geradezu aktuelle Anmutung.

Heyms (auf Berlin beschränkter) literarischer Erfolg zu Lebzeiten verdankte sich vor allem seinen spektakulären Auftritten im "Neopathetischen Cabaret für Abenteurer des Geistes", das seit 1910 das Forum für avantgardistische Literatur in der deutschen Hauptstadt war. Die Veranstaltungen dieses Cabarets wurden von der Berliner Literaturkritik stark beachtet, und Georg Heym wurde von mehreren Rezensenten als besonders interessante Begabung gewürdigt. Wie Gunnar Decker in seinem jüngst erschienenen, sehr lesenswerten Heym-Essay berichtet, ist dieses Lob allerdings nicht ohne Nachhilfe des Poeten zustande gekommen: Heym hat einige Kritiker so lange beschwätzt, bis sie entnervt bereit gewesen sind, seinen Namen hervorzuheben (das dürfte auch heutigen Rezensenten bekannt vorkommen).

Allerdings wurde ein anderer Neopathetiker ebenso positiv beurteilt wie Heym: Hans Davidsohn, der unter dem Pseudonym Jacob van Hoddis auftrat, und in seinem genialen Gedicht "Weltende" die Apokalypse damit beginnen ließ, dass dem Bürger "vom spitzen Kopf der Hut fliegt". Narzisstisch, wie Heym war, ertrug er keine gleichrangigen Konkurrenten. In seinem Tagebuch vermerkte er: "Hoddis kann ja garnichts", und überdies verfasste er selbst eine enthusiastische Rezension einer Lesung im "Neopathetischen Cabaret", die mit dem Satz endete: "Alles in allem waren die Gedichte Georg Heyms die besten, die ich an diesem Abend hörte." Dieses peinliche Selbstlob wurde damals nicht gedruckt, und man kann nur hoffen, dass es ihm heute genauso erginge.

1911 erschien der im Nachruf erwähnte Lyrikband "Der Ewige Tag", Heyms einzige Veröffentlichung zu Lebzeiten. Ernst Rowohlt, einer der großen deutschen Verleger, dessen Name heute noch ein Markenzeichen für gute Literatur ist, hat den jungen Autor zu dieser Publikation eingeladen. Verständlicherweise war Heym darüber erfreut; doch er musste erleben, dass sich die Drucklegung um einige Wochen verzögerte. Daran war er keineswegs unschuldig, denn die äußere Form seiner Manuskripte ließ sehr zu wünschen übrig. Aber das selbstverliebte Junggenie war im Moment seines ersten Triumphs nicht zur Selbstkritik aufgelegt und bombardierte stattdessen lieber seinen Verleger mit vorwurfsvollen Briefen. Rowohlt antwortete: "Ihre Korrekturen sind übrigens leider sehr schwer deutbar. Es gibt für derartige Sachen extra Korrekturzeichen und würde ich Ihnen empfehlen, für Ihre zukünftigen Arbeiten sich einmal eine derartige Tabelle vorzunehmen."

So viel mild ironischen Langmut möchte man auch heute allen Redakteuren, Lektoren und Verlegern im Umgang mit Autoren wünschen. Rowohlt zeichnete sich jedoch nicht nur durch Geduld aus, sondern auch durch sein Gespür für Qualität. Er begriff sofort, dass dieser etwas penetrante Jüngling über ein außergewöhnliches literarisches Talent verfügte (was ja durchaus nicht alle anstrengenden Autoren für sich in Anspruch nehmen können). Deshalb war der Verleger bereit, die Allüren des Genies zu ertragen.

Rowohlt war es übrigens auch, der den umfangreichen Nachlass des Dichters für die Nachwelt sicherte. Heyms bürgerliche Eltern waren von der konventionssprengenden Dichtung ihres Sohnes peinlich berührt und hätten sie am liebsten vernichtet. Aber Rowohlt hielt sie durch geschickte Verlegerdiplomatie davon ab, und veröffentlichte 1912 in rascher Folge den postumen Lyrikband "Umbra Vitae" und den Novellenzyklus "Der Dieb". Diese beiden Bücher ließen den jung verstorbenen Autor zu einer Kultfigur jener künstlerischen Jugendbewegung werden, die sich selbst als "Expressionismus" bezeichnete.




Schlagwörter

Expressionismus, Extra, Lyrik

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-01-12 18:41:08
Letzte Änderung am 2012-01-13 13:00:53


Französischer Text wurde aus Sprechblase entfernt

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