
JAHRE
meine Jahre
was habe ich angefangen
mit ihnen
sind nicht meine Jahre
aber
diese Schrift
ist meine Schrift
Als ich ihn im Herbst 1998 in seiner Berliner Wohnung besuchte, saß Franz Tumler aufrecht in einem Lehnstuhl, die Arme aufgestützt, die Hände mit jeweils zwei ausgestreckten Fingern nebeneinander vor seinem Mund angeordnet. Dazwischen klemmte eine brennende Zigarette, die er auf diese Weise festhielt und die er paffte wie ein Räuchermännchen. Kam die Glut seinen Fingern zu nahe, stieß er einen kurzen knurrenden Laut aus, und die pflegende Person wechselte den heruntergebrannten Rest gegen eine neue Zigarette aus. Er konnte zwar noch meinen Namen nachsprechen, als ich hereinkam, aber keine Erinnerung für eine ganze Stunde behalten. Als ich gehen wollte, kannte er mich schon nicht mehr, und bald darauf war er gestorben, 86 Jahre alt.
"Das Tal von Lausa und Duron", seine erste Erzählung vor dem Hintergrund Südtirols, erschien 1935. Da war Franz Tumler dreiundzwanzig Jahre alt und Volksschullehrer in Linz. Das Buch erreichte eine Auflage von zweihunderttausend Exemplaren und machte ihn zu dem, was wir heute einen shooting star nennen.
Ein Epigone Stifters?
Die Literaturkritik schrieb ihm sofort eine poetische Elternschaft zu, gegen die er sich immer wieder neu verwahrte, zuletzt 1967 in dem Aufsatz "Warum ich nicht wie Adalbert Stifter schreibe":
". . . den Anstoß dazu bekam ich . . . aus den Urteilen über mein erstes Buch. Sie waren, in ihrer Bemerkung eines Anklangs zu Stifter, nicht absprechend gewesen. Mir wurde nicht Nachahmung nachgesagt. Aber sie waren gerade in ihrem Wohlwollen für mich ein Anlass zur Provokation, ein Anlass, mich zu unterscheiden . . . Und ich glaube, das war ein richtiger Entschluss, wenn er mich auch auf einen Weg brachte, auf dem ich meine ersten Leser enttäuschte und auf manchen Strecken mir selber Verluste zufügte; ich denke, sie waren notwendig."
Im letzten Satz versteckt Franz Tumler eine späte Selbstkritik an seinen weiteren Schritten. Er wollte sprachlich zu sich selbst kommen - und kam zu den Nationalsozialisten. Anfänglich seiner familiär tradierten deutschen Option für Südtirol geschuldet, ging das Einvernehmen bald deutlich darüber hinaus. Bereits 1934 erstmals erschienen und 1941 Titel für einen Lyrikband, evoziert das Gedicht "Anruf" schon in den ersten Zeilen den "Anschluss" ganz Österreichs ans deutsche Reich:
"Dir, deutsches Volk, gehören wir im Osten,
weil eh die Erde, die das Jahr wir furchen,
der wir die Kinder schenken, die uns nimmt im Tod,
auf der das Haus wir bauen für die Spätern,
uns fremd ist, wenn wir sie nicht deine nennen."
Was ab 1945 mühsam als eine nachzusehende Verirrung eingeordnet werden sollte, war zunächst ein Erfolgsrezept, das hohe Auflagen für seine Bücher in Deutschland garantierte. Der Preis waren erkennbare Auftragswerke und die Mitgliedschaft in einer kulturell apostrophierten Gliederung der SA.
In deren hellbrauner Uniform auf dem Weimarer Dichtertreffen erschienen, traf Franz Tumler im Herbst 1937 zum ersten Mal auf Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels - und zum zweiten Mal auf seine junge österreichische Kollegin Gertrud Fussenegger, die das in ihren Erinnerungen, "Ein Spiegelbild mit Feuersäule", ausführlich beschreibt. Keine zwei Jahre später, im Mai 1939, lud die Reichsschrifttumskammer zu einer Reise nach Prag und Wien ein. An der Reling eines NS-Ausflugsdampfers "stand Franz Tumler, und als er später, in einem Augenblick des Alleinseins seine Hand auf meine legte", schreibt Gertrud Fussenegger, "war es passiert. Es war passiert und dauerte zehn Jahre."
Die selbst schon erfolgreiche Autorin war so beeindruckt, dass auch ihr Schreiben davon berührt wurde: "Alles, was ich in jenen Jahren schrieb, war in irgendeiner Weise von dieser Beziehung angeregt, mitgeformt, mindestens wie von einem Streiflicht angeleuchtet." Für alle, die sie kannten, galten die beiden als interessantes Liebespaar, das sich selbst zu literarischen Kunstfiguren stilisierte. "Wir taten immer feierlich wie Stiftersche Figuren, (wie) Heinrich und Natalie im ,Nachsommer, wie Augustinus und Margarita in der ,Urgroßvatermappe."
Fusseneggers weitere Charakterisierung öffnet das Feld für eine Betrachtung von Tumlers Beziehungen zu Frauen, zu denen er große Nähe nur in großem Abstand entfalten konnte: "Eine seltsame Liebesgeschichte also und nur deshalb so langlebig, weil uns das Leben getrennt hielt. Tumler lebte damals in Oberösterreich, dann in Berlin, er hatte soeben geheiratet, seine Frau erwartete ein Kind, er hatte sie geheiratet, weil sie dieses Kind erwartete."
Er hatte die Frau geheiratet, die später meine Mutter wurde und ihm zunächst einen Sohn gebar - im Juni 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Den Krieg verbrachte Franz Tumler mit seiner jungen Familie auf Schloss Hagenberg im Mühlviertel und schließlich, nach der beharrlichen Weigerung, in einer Propagandaeinheit zu dienen, ab 1941 bei der Marine. Das Leben, das er nun mit seiner Frau führte bzw. nicht mit ihr führte, bescherte ihr drei weitere Kinder, deren standesamtliche Vaterschaft Franz Tumler übernahm und so allen Kindern seinen Namen gab. Für die seelische Unversehrtheit der Heranwachsenden wurden fortan Legenden gestrickt, die mit den Ereignissen und den Biographien der Beteiligten nur teilweise übereinstimmen. So hielt die Liebesgeschichte zwischen Franz Tumler und Gertrud Fussenegger zunächst bis zur Entdeckung ihres Doppellebens 1943 an. Von ihrem Ehemann erwartete sie da gerade das dritte Kind.
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