
In der Mittelschule war die Klasse dreigeteilt. Die einen lasen Karl May. Die anderen lasen Jules Verne. Die Dritten lasen nur, was der Lehrer als Lektüre aufgab. Und das war weder Karl May noch Jules Verne. Ich war unter den Julesvernianern. Es dauerte lange, ehe ich Karl May las, eigentlich nur, um meine Vorurteile bestätigt zu finden: billiger Abenteuerschriftsteller, stilistisch katastrophal, Ramschliteratur. Irgendwie hat es mit der Bestätigung der Vorurteile aber nicht geklappt. Dafür rückt Jules Verne in immer weitere Distanz. Ähnlich sind die beiden einander in vielen Belangen, nicht nur darin, dass beide immer noch spannend zu lesen sind, wenn man in beiden Fällen die Betulichkeiten ihres etwas veralteten Stils akzeptiert. Doch die Unterschiede, auf die es ankommt, kann man nahezu mit den Händen greifen.
Schon der biografische Hintergrund spricht Bände: Karl May, dessen Todestag sich am 30. Mai zum 100. Mal jährt, wird am 25. Februar 1842 in Ernstthal als Sohn einer verarmten Weber-Familie geboren. An diesem Tag liegt der 14. Geburtstag des Anwaltssohns Jules Vernes 17 Tage zurück.
Karl May wird in die Kriminalität abgleiten, er stiehlt und betrügt, landet mehrmals im Gefängnis, und erst der Kontakt mit Johannes Kochta, dem Katecheten des Zuchthauses Waldheim, führt Karl May auf einen anderen Weg.
Der Höhepunkt von Jules Vernes jugendlicher Abenteuerlust ist hingegen der Versuch, als Schiffsjunge anzuheuern. Aber er wird noch vor Antritt der Reise wieder von Bord geholt und zurück zu seinen Eltern gebracht.
Beide Autoren schreiben bereits in jungen Jahren. Bei Jules Verne dürfte seine offenkundige Begabung die Triebfeder gewesen sein, bei Karl May hingegen die Not: Der ausgebildete Lehrer konnte wegen seiner Straftaten nicht mehr in seinem Beruf arbeiten und versuchte, sich mit Schriftstellerei und Komponieren eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Zwar scheiterte er vorerst damit, nahm aber die Schriftstellerei nach jedem Gefängnisaufenthalt wieder auf. Er veröffentlichte in diversen Zeitungen und Zeitschriften. 1882 übernimmt der Dresdner Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer die Herausgabe von Karl Mays Werken, und erst ab diesem Moment enden die finanziellen Probleme des Autors. Karl May ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt.

Der Ballon fliegt zum Erfolg
Jules Vernes Weg führt hingegen geradewegs zum Einkommen als Erfolgsschriftsteller. Schon als Gymnasiast und später als Jus-Student in Paris hält er Kontakt zu Alexandre Dumas d. Ä., der an dem jungen Autor genug Gefallen findet, um ihn zu protegieren. Jules Verne schreibt zuerst Dramen und Opernlibretti. 1863 bringt dann der Jugendbuch-Verleger Pierre-Jules Hetzel den Roman "Fünf Wochen im Ballon" heraus - der Erfolg dieses Buchs bringt Jules Verne einen Vertrag für weitere Romane ein und legt den Grundstein zum Kanon der Jules-Verne-Romane. Der Autor ist zu diesem Zeitpunkt zwar nur fünf Jahre jünger als Karl May bei seinem Durchbruch, aber Jules Verne konnte schon zuvor mühelos von seinem Schaffen leben.
Das Oeuvre beider Autoren basiert auf dem Reiseroman. Dabei ist die sachliche Information über die bereisten Gebiete irrelevant. Vielmehr wird anhand einer Reise in eine rein imaginierte oder aus Reiseberichten destillierte exotische Umgebung eine Reihe von Abenteuern erzählt.

Karl May, so lautet ein Hauptvorwurf, hat die Gebiete zum Zeitpunkt, da er über sie schrieb, nie bereist. Als wäre Jules Verne eigenen Fußes zum Mittelpunkt der Erde gewandert oder hätte "20.000 Meilen unter den Meeren" getaucht oder sich an Bord eines Projektils zum Mond schießen lassen! - Genug der Diskussion über Karl Mays Beschreibungen rein fiktiver Örtlichkeiten: Jules Vernes Indien, Afrika und Russland sind nur deshalb genauere Schilderungen der Länder, weil Jules Verne die besseren Quellen verwendete, was ihm leicht fiel. Schließlich brachte ihn sein Verleger mit Naturforschern, Geographen und Technikern in Kontakt, und Jules Verne sammelte die Erkenntnisse aus den Gesprächen in umfangreichen Zettelkästen.
Jules Vernes Übermensch
Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Autoren ist, Reiseroman hin oder her, aber die Haltung zur lebenden Kreatur, also zu Mensch und Tier.
Karl Mays Grausamkeiten gegen Tiere halten sich in engen Grenzen und werden niemals affirmativ ausgekostet, während Jules Verne mitunter genüsslich in Tierblut watet, etwa wenn Kapitän Nemo seine "Nautilus" dazu verwendet, eine Schule Pottwale zu zerfetzen. Überhaupt hat Jules Verne mit der Fauna seine Probleme, denn mag man einen Riesenkraken als legendäres Wesen akzeptieren - ein Dugong aber als größtes Scheusal der Weltmeere ist eine Lachnummer. "Dugong" nämlich mag als Wort verrucht klingen, aber das arme Tierchen ist nur eine Gabelschwanzseekuh, deren Lieblingsspeise nicht etwa ein über Bord gegangener Matrose ist, sondern Seegras.
Aber auch mit den Prinzipien der Menschlichkeit steht Jules Verne auf Kriegsfuß. Wiederholt entwirft er Helden, als wolle er Nietzsches Theorie vom Übermenschen als Schöpfer einer eigenen Gesetzmäßigkeit illustrieren. Kapitän Nemo, der extremste Fall, etwa sagt sich von der menschlichen Gesellschaft los und will der Welt seine Vorstellung von Frieden aufzwingen. Dabei beruft er sich auf das Recht des Stärkeren und versenkt Kriegsschiffe unabhängig davon, welcher Nation sie angehören. In diesem pervertierten Pazifismus nimmt Nemo den Tod hunderter, wenn nicht tausender Seeleute in Kauf.
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