• vom 27.01.2012, 14:00 Uhr

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Update: 06.04.2012, 13:22 Uhr
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Charles Dickens wurde von seinen Lesern geliebt, von vielen Kollegen und Kritikern verachtet - am 7. Februar jährt sich sein Geburtstag zum zweihundertsten Mal.

Glänzende Versündigungen


Von Andrea Traxler

J. R. Brown: Charles Dickens, von seinen Romanfiguren umgeben.

J. R. Brown: Charles Dickens, von seinen Romanfiguren umgeben.© © Bettmann/CORBIS J. R. Brown: Charles Dickens, von seinen Romanfiguren umgeben.© © Bettmann/CORBIS

Lediglich entspannen müsse man sich, um "Bleak House" zu lesen, alles Übrige würde unser Rückenmark erledigen, meinte Vladimir Nabokov über Dickens’ neunten Roman (1852), den er sich in seiner 1948 in den USA gehaltenen Vorlesung "Meisterwerke der europäischen Literatur" vorgenommen hatte. "Zwar lesen wir mit dem Kopf, aber künstlerisches Entzücken wird zwischen den Schulterblättern wahrgenommen. Der kleine Schauer, der uns über den Rücken läuft, ist gewiss die höchste Form innerer Bewegung, welche die Menschheit bei der Entwicklung zweckfreier Kunst und Wissenschaft erreicht hat. [. . .] Es hat überhaupt keinen Sinn ein Buch zu lesen, wenn man es nicht mit dem Rückenmark liest." Das impliziert hier die genaue Beobachtung der Dickens’schen Sprachbilder, seiner Motive, Symbole, Metaphern und der Attribute, die seine Figuren begleiten (von soziologischen oder historischen Untersuchungen könne man absehen).

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Eine solche Lesehaltung anzuregen, wäre noch zu Dickens’ 100. Geburtstag vielfach heftigst abgelehnt worden. Befasst man sich mit der Kritik, die schon während Dickens’ Lebzeiten zu wallen begonnen hat und nach seinem Tod, 1870, relativ stark kochte, könnte einen die Frage tangieren: was, um alles in der Welt, konnte Dickens eigentlich? - Es sei denn, es kam einem etwa schon die liebenswürdige Mähre unter, die durch ein erhebliches Unwetter zu traben hat, "mit herabhängenden Ohren, dann und wann den Kopf schüttelnd, als wolle sie ihr Missfallen über dieses höchst unhöfliche Benehmen der Elemente zu erkennen geben" ("Die Pickwickier", Dickens’ erster Roman, 1836).

Verstöße, Schnitzer
Aber genau dieser Animismus wurde ihm besonders verübelt: Im herbeiströmenden Ästhetizismus (1860) und Naturalismus (1880) konnte das Beseelen von Tieren und allerlei Gegenständen nicht mehr für zulässig gehalten werden. Auch die Einbindung von gewissen Absichten, sozialen Tendenzen, von Zierrat, Theatralik und umfassenden Gemütsbildern hatte etwas Sündiges. Minderbemittelt mussten Leser sein, die an derlei Unfug Gefallen finden konnten.

Dass Dickens zu Zeiten einen geradezu exorbitanten Erfolg hatte - dem Schicksal von Little Nell ("Der Raritätenladen", 1841), Paul Dombey ("Dombey & Sohn", 1848) und Jo ("Bleak House") bebten unzählige Leser in höchster Aufregung entgegen -, wurde späterhin "allein auf die Dummheit und den schlechten Geschmack seiner Leser" zurückgeführt.

"Man dürfe Dickens nicht länger dulden" hieß es 1884 - er sei ein "exaltierter Moralist" (1888), ein "ungehobelter Apostel des Selbstverständlichen" und der "Romanschriftsteller der Halbgebildeten" (1897), ein "ordinärer Karikaturist" (1909) und "literarischer Barbar" (1912). Er könne weder reflektieren, noch habe er "intellektuelle Brillanz". Seine Ansichten entsprängen "weder einer tieferen Einsicht des Verstandes, noch einem sorgfältigen Denkprozess" (1912). Außerdem habe er einen entsetzlichen Stil.

Die also durch Dickens gründlich verdorbenen Leser machte dann Arnold Bennett 1898 für die geringe Resonanz auf seinen Roman "A man from the North" verantwortlich. Marie Louise de la Ramée hatte gar den Eindruck, "für die englische Literatur wäre es besser gewesen, wenn Dickens nie gelebt hätte".

Warum? Dickens’ Romane erschienen (meist in von ihm selbst herausgegebenen Blättern) zunächst in monatlichen Lieferungen. Diese Art der Publikation hatte den Vorteil, unmittelbar die Wirkung zu wissen, und den Nachteil, dass portioniert und an einer spannenden Stelle angehalten werden musste, was der Qualität nicht immer förderlich war. Sobald nun Dickens das Sinken der Verkaufszahlen bemerkte, oder ihm ein Leser seinen Unmut über irgendeinen Umstand bekundete, reagierte er darauf und modifizierte entsprechend: schleuste eine Figur ein, ließ eine andere verschwinden oder anders handeln als vorgehabt. In Zeiten hoch gelagerter Ansprüche an Literatur wie Literaten ein vollkommen abstruses Verfahren.

Zudem arbeitete Dickens häufig an zwei Romanen gleichzeitig, wodurch er zuweilen mit den Lieferungen nicht nachkam, aber im Zugzwang stand. Unter Umständen holte er dann eine eigenständige Erzählung aus der Schublade und legte sie, wie eine Arie in eine Oper, in seine Geschichte ein, bzw. einer seiner Figuren in den Mund. Ein solcher Vorgang (durchaus dynamisch) konnte dazumal nur als unkünstlerisch gelten - womit ihm das Künstlerpodest entzogen war.

Auch deswegen, weil er ein Zuviel an Gefühl und Phantasie beförderte. Seine ungestüm sprudelnde, glänzende Wirkungen hervorbringende Einbildungskraft wurde zunehmend als lästig empfunden. Wie auch seine laute Präsenz als Autor im Text. Oscar Wildes Gebot "Die Kunst offenbaren, den Künstler verbergen" kannte Dickens noch nicht. Mehr ein Literat fürs Herz als für den Kopf, wie spöttisch angemerkt wurde, produziere er - "ähnlich wie ein Wilder, der der Venus von Medici eine Halskette aus Glasperlen umhängen möchte" (George Stott, 1869) - Kitsch, fröne einer barocken Maßlosigkeit, ergehe sich in Manierismen (unverzeihlich) und entwickle unglaubwürdige Charaktere, anstatt sich zu bescheiden.




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